Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen

Der Titel deutet es an „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ will ein Gegenentwurf zu Sönke Wortmanns Jubelfilm über die WM 2006 sein. Eine andere Seite des Fußballgeschäfts zeigt Aljoscha Pause in seiner Langzeitdokumentation, die zwischen 2003 und 2011 den Fußballer Thomas Broich beobachtet. Der galt lange als großes Talent, eckte mit seiner unkonventionellen, oft arroganten Art aber so an, dass er inzwischen in Australien spielt. Eine sehenswerte, etwas zu lang geratene Dokumentation, mit einem komplexen, zwiespältigen Subjekt.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Deutschland 2011
Regie, Buch: Aljoscha Pause
Dokumentation
Länge: 133 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 28. Juli 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wenngleich Fußball der liebste Sport der Deutschen ist, sind gute Filme über Fußball aus Deutschland mehr als rar. Erst recht, wenn man einen differenzierten, auch kritischen Umgang mit der Branche erwartet, die über banale Heldenbilder hinausgeht, wie sie etwa Sönke Wortmanns natürlich gerade deswegen so erfolgreiche Filme „Das Wunder von Bern“ und „Ein Sommermärchen“ lieferten. Aljoscha Pause wählt in seiner Dokumentation „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ einen anderen Ansatz, der allerdings erst durch den speziellen Lauf der Karriere möglich wurde, die sein Subjekt erlebte.

Denn als Pause 2003 mit den Dreharbeiten begann, galt der damals 22jährige Thomas Broich als eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Zwar spielte er damals noch beim Zweitligisten Wacker Burghausen, doch der Sprung in die erste Liga und schließlich ins Nationalteam, schien angesichts der technischen Fähigkeiten des Jünglings nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch schon die Tatsache, dass sich Broich zu diesem Projekt bereit erklärte, sagt einiges über das Selbstverständnis des Spielers aus, das ihn schließlich in der Bundesliga scheitern und sein enormes Talent verschenken ließ. Schon früh gerierte sich Broich als etwas anderer Profi, der lieber schwergewichtige Bücher über den Sinn des Lebens las als in Fußball- oder Männermagazinen zu blättern, der lieber klassische Musik hörte als die üblichen unter Fußballprofis beleibten Chart-Hits zu hören und der mit seinen längeren, ins Gesicht fallenden Haaren und dem gepflegt ungepflegten Bartwuchs eher einer Gitarren-Band entsprungen schien, als auf den Fußballplatz zu gehören. Gerne machte Broich in der Anfangszeit diese Inszenierung mit und ließ sich für diverse Magazine mit Büchern in der Hand fotografieren. Allein das dürfte ihn in der Fußballbranche zum Außenseiter gemacht haben, seine kantige Persönlichkeit, die früh mit einer eigenen Meinung auffiel, dürfte ihr übriges getan haben.

Bald fand sich Broich zwar in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach wieder, doch nach einer Verletzung und einem Trainerwechsel ging es fortan abwärts. Aufgrund seiner musikalischen Vorlieben als „Mozart am Ball“ bezeichnet, konnte oder wollte Broich den Erwartzungen der Öffentlichkeit, der Medien und der Fans nicht genügen, zog sich immer mehr in seine selbstgeschaffene Nische zurück und landete schließlich im Abseits. Erst in Australien, also im fußballerischen Niemandsland, scheint Broich am Ende des Films seine Bestimmung gefunden zu haben, einen Einklang zwischen seinen für den Fußballbetrieb unkonventionellen Interessen und seiner Lust am schönen Spiel gefunden zu haben.

„Dieser Film wird die Fußballszene verändern“ heißt es auf dem Plakat zum Film, doch das darf man getrost bezweifeln. Zu untypisch, zu ungewöhnlich ist der Fußballer und Mensch Thomas Broich, als das sein Schicksal, vor allem sein Scheitern als Maßstab genommen werden könnte. Seine Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Analyse des Fußballgeschäfts, seiner eigenen Rolle und die der Medien, machen die regelmäßigen Gespräche, die Broich und Pause im Lauf der Jahre führten, zu einer spannenden Bestandsaufnahme des deutschen Fußballs, aber auch der Gesellschaft als Ganzes. Das Pause sich nicht scheut sein Subjekt auch als selbstverliebten, überaus arroganten Schnösel zu zeigen, der allzu oft der Berichterstattung über sich glaubte und sich augenscheinlich zumindest in jüngeren Jahren für etwas besseres hielt, macht die Qualität des Films aus. Etliche Male schneidet Pause Aussagen von Boisch neben Kommentare seiner Trainer oder Mitspieler, die eine frappierend unterschiedliche Wahrnehmung offenbaren. Dieser zwiespältige Charakter Broischs macht den Film einerseits so sehenswert, macht es andererseits auch jenen Verfechtern des Fußballsystems einfach, die keine Probleme wahrhaben wollen. „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ mag zwar einen Sonderfall, fast einen Anachronismus im sonst so gleichförmigen Fußballbetrieb porträtieren, die Erkenntnisse, die der Film über den Sport und die ihn umgebende Medienlandschaft liefert werden dadurch jedoch keineswegs weniger relevant.

Michael Meyns

In einem kleinen Dorf nahe Burghausen in Oberbayern ist Thomas Broich geboren. Von kleinster Kindheit an war Fußball seine Leidenschaft. Und als er das nötige Alter hatte, spielte er denn auch in einer der oberen Ligen in Burghausen.

Schnell wurde sein Talent erkannt. 2003 war es dann soweit: Bundesliga, und zwar in Mönchengladbach. Nicht nur das. Sehr bald galt er mit Schweinsteiger, Deisler, Lahm, Podolski und anderen als „Hoffnungsträger“ des deutschen Fußballs – natürlich für die Nationalmannschaft geeignet.

Aber Thomas Broich war schon damals nicht nur Fußballer. Er war offenbar intellektuell erzogen worden, dachte über vieles nach, las Bücher, hörte klassische Musik, spielte Klavier, hatte seinen eigenen Kopf, sein eigenes Selbstbewusstsein. Weil er gerne Mozart hörte, wurde er von seinen Fußballerkollegen „Mozart“ gerufen.

Auf dem Platz war er auf jeden Fall überdurchschnittlich gut: mit den Vorlagen, mit den Toren, mit dem Spielaufbau, mit überraschenden Einfällen und fußballerischen Tricks. Nicht immer, aber meistens.

Natürlich gab es auch Probleme: mit den intellektuellen „Nebenbeschäftigungen“; mit seinem Dickkopf; mit seinen inneren Zweifeln; mit den Medien; mit der unterschiedlichen Qualität seines Spiels; mit dem frühzeitigen Ruhm; mit der Unzufriedenheit, wenn er nicht da aufgestellt wurde, wo er spielen wollte; mit den Fans; mit seiner damals übersteigerten Selbsteinschätzung; mit den Trainern Daum und Advokaat in Köln oder Oenning in Nürnberg.

Irgendwann kam dann eine Phase der Leere, der Rebellion, der Depression, des Suchens.

Ab nach Australien. Jetzt arbeitet er in Brisbane in der A-League und gilt als der beste Fußball-„Import“, der je getätigt wurde. Die Spielfreude kam wieder. Nicht zuletzt dank Broichs Mitwirkung wurde „Brisbane Roar“ 2011 australischer Meister. Bei der Wahl zu Australiens Fußballer des Jahres in Sydney belegte er vor kurzem den zweiten Platz.

Eine Langzeitdokumentation (2003 bis 2011) über das harte und zuweilen miese Fußballgeschäft; über den bisherigen Lebensweg eines jungen Mannes, der mehr ist als „nur“ Fußballer; über einen, der sich über vieles Interessante Gedanken macht – bis hin zur Philosophie; über einen Eigenbrötler; über einen, der sich manchmal überschätzt haben mag; über einen charismatisch-sympathischen Menschen; über einen „Intellektuellen“.

Viele Spielausschnitte, viele Gespräche, viele Selbstzeugnisse, viele Zeitzeugen – ein mit Sensibilität, mit umfassender Darstellung des Themas und mit Können gestalteter Film.

Thomas Engel