Eisbombe, Die

In seinem Hochschulabschlussfilm an der dffb Berlin lässt der Oldenburger Oliver Jahn eine „Eisbombe“ in ein Wohnhaus krachen. Der Dachschaden der betroffenen Familie ist dabei fast wörtlich zu nehmen. Beansprucht von einer Art Ökowahn sorgt sie sich vor allem um das Wohlergehen des ältesten Sohnes, der den Vorfall zur Flucht vor seiner neurotischen Familie nutzt. Im Subtext dieser im Fernsehen gut aufgehobenen Realsatire geht es auch um die Abnabelung eines Lehrerkindes von den Eltern.

Webseite: neuevisionen.de

Deutschland 2008
Regie: Oliver Jahn
Darsteller: Eike Weinreich, Katharina Schüttler, Karoline Eichhorn, Peer Martiny, Heike Jonca, Leon Wessels
101 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 7.8.08

PRESSESTIMMEN:

 

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FILMKRITIK:

Schon der zweifach gedoppelte Name Thomas-Albert Schuhmann-Weil deutet an: der zivildienstleistende Spross eines Lehrerehepaars (Karoline Eichhorn, Peer Martiny) kommt aus besonderem Hause. Gebrandmarkt von den möglichen Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl haben sich die Schuhmann-Weils einem gesunden Leben verschrieben und etwaigen Gefahren durch den Bau eines Luftschutzbunkers im Garten vorgebeugt. Aus Angst vor Allergien und unverträglichen Lebensmitteln unterzieht sich die vierköpfige Familie vor jeder Mahlzeit dem in der Kinesiologie gebräuchlichen Fingertest – führt ihn allerdings nicht wie dort üblich mit Daumen und Ring-, sondern fälschlicherweise mit Daumen und Zeigefinger aus. Dass Sohnemann Tom ist, wie er ist – ein sich vor dem kleinsten Niederschlag fürchtender Regenphobiker nämlich – wundert vor dem übervorsichtigen Verhalten der Eltern nicht. 

Ein vom Himmel geradewegs ins Dachgeschoss der Schuhmann-Weils stürzender Eisbrocken stellt dann so etwas wie das kathartische Gewitter für den Familienfrieden dar. Aus Angst vor Seuchen, Strahlen und anderen Gefahren durch das unbekannte Flugobjekt flüchtet sich die Familie in ihren Bunker und nimmt dabei in Kauf, statt frischer Vitamine nun doch wieder auf Dosenravioli auszuweichen. Tom (Eike Weinreich) hingegen nutzt die Gunst der Stunde, um sich von den überfürsorglichen Eltern abzunabeln, und akzeptiert das freie Zimmer für Zivis im Krankenhaus, wo er gerade als Pförtner arbeitet. Hier läuft ihm auch die aus einem Werbespot bekannte Lucie (Katharina Schüttler) über den Weg, in die er sich verliebt und von deren Ausgelassen- und Sorglosigkeit er fasziniert ist.

Die Botschaft von „Die Eisbombe“, auf Umweltgefahren hinzuweisen, ist keine verkehrte, wird jedoch nur unterschwellig verhandelt. Jahns Film weist vielmehr auf eine ganz andere Gefahr hin: jene, aufgrund der zahlreichen und teils widersprüchlichen Meinungen über korrektes ökologisches Verhalten nicht mehr zu wissen, was nun wirklich gesund oder gut für Mensch und Umwelt ist. Tom wird dargestellt als Opfer eines übersensiblen Elternhauses, dem es selbst an einer natürlichen Urteilskraft gegenüber Gefahren der Außenwelt mangelt, und das dadurch umso empfänglicher ist für durch die Medien aufgebauschte Schreckensszenarien. Allerdings gelingt es der klassisch-realistisch inszenierten Komödie nicht, die Problematik auf subtile Weise zu servieren, sondern überzeichnet durch seine Überfürsorglichkeit und das Ökowahngebaren die Dinge. Das Lachen kann einem da manchmal im Halse stecken bleiben, die Glaubwürdigkeit der solide dargestellten Figuren leidet. Fürs Kino mag diese „erste Bio-Komödie“ etwas banal erscheinen, im Fernsehen scheint der vom ZDF Das kleine Fernsehspiel koproduzierte Beitrag indes besser aufgehoben.

Thomas Volkmann

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Bio ist in. Und so ist es auch kein Wunder, dass es sich hier um den „ersten Biofilm im Kino“ handelt. Der Autor und Regisseur Oliver Jahn hat sehr richtig erkannt, dass das an sich richtige Bio-Bewußtsein auch schnell absurde Auswüchse zeitigen kann. Die Bio-Informationen angefangen von der Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) bis zu den neuesten „Experten“ sind derart massenhaft, teilweise höchst empfehlenswert, teilweise abstrus, teilweise absolut gegensätzlich, teilweise banal und überflüssig, dass man die Orientierung wahrlich verlieren kann. Dieser Film greift das Thema ironisch auf, humorvoll auch, bleibt jedoch dabei nicht ohne sinnvollen Fingerzeig.

Es geht um die Familie Schuhmann-Weils, um die Mutter Beate (Karoline Eichhorn), den Vater Jörg (Peer Martiny), den kleinen Günter (Leon Wessels), vor allem aber um Thomas-Albert (Eike Weinreich), Tom genannt. Der ist von seiner Bio-Mutter derart abgerichtet worden, dass er Angst hat: vor Regen, vor falscher Nahrung, vor Fast-Food, vor Lebensmitteln, die nicht tiefgekühlt wurden, vor Umweltzerstörung, vor jeglicher damit verbundenen Unsicherheit. Noch schlimmer wird es, als ein riesiger Eisklotz in das Dach des Hauses der Familie einschlägt. 

Zunächst aber wird gerätselt. Was ist das? Wie verstrahlt ist es? Wie verseucht ist es? Wie groß ist die Gefahr? Was für ein Unglück! Ab in den Bunker – die ganze Familie. Die Mutter dreht völlig durch. Der Vater gönnt sich ab und zu heimlich einen Joint. Ist das im Bunker vorgehaltene Essen noch brauchbar?

Tom reißt aus. Er nimmt eine Stelle im Krankenhaus an. Doch er scheint keinen guten Tausch gemacht zu haben. Er soll Leichen waschen. Gottlob trifft er auf Elfie, die ihn und den kleinen Günter zeitweise aufnimmt, sowie auf Lucie, die er zu lieben beginnt. Lucie ist es, die ihn mit einem anderen Umfeld zusammenbringt, mit einem normalen Alltag, mit Freundschaft, sogar mit einer gewissen Ausgelassenheit, mit Sorglosigkeit vor allem. Tom winkt die Befreiung.

Das Thema ist gut. Bei der Inszenierung hätte man sich mehr Dampf gewünscht! Die Ansätze sind bei Oliver Jahn jedoch richtig.

Thomas Engel