El custodio – Der Leibwächter

Whitney Houston hatte Kevin Costner. Doch nicht jeder Bodyguard darf sich in der glitzernden Show-Welt in einen Superstar verlieben. Der Argentinier Rodrigo Moreno entwirft mit El Custodio – Der Leibwächter ein bitterböses und tragisches Kontrastprogramm zu Hollywoods Kitsch-Fantasie. Nicht nur, dass sich der vom diesjährigen Berlinale-Preisträger Julio Chávez (Silberner Bär als „Bester Darsteller“ für seine Rolle in Ariel Rotters El Otro) verkörperte Personenschützer ausgenutzt vorkommt, weil er im Job keinerlei Anerkennung erfährt, auch privat will ihm nichts gelingen. Billiger, gekaufter Sex und eine hysterisch überdrehte Verwandtschaft – viel mehr bleibt ihm nicht.

Webseite: www.realfictionfilme.de

OT: El Custodio
Regie: Rodrigo Moreno
Drehbuch: Rodrigo Moreno
Produktion: Hernán Musaluppi, Natacha Cervi, Luis Sartor
Mit Julio Chávez, Osmar Núnez, Cristina Villamor, Luciana Lifschitz, Elvira Onetto, Marcelo D’Andrea
Kinostart: 24.5.2007
Verleih: Real Fiction

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Leben im Hintergrund, eine Existenz, die keine Spuren hinterlässt. Als Leibwächter eines hochrangigen Ministers hat Rubén (Julio Chávez) sein Ich schon vor Jahren aufgegeben. Er ist ein Schattenmann, an dem das Leben mitsamt seinen Freuden vorbeizieht. Obwohl er den Minister ständig begleitet, nimmt kaum jemand von ihm Notiz. Rubén ist anwesend und doch nicht existent. Dass er sich zudem immer wieder Demütigungen ausgesetzt sieht und keinerlei Anerkennung für seine treuen Dienste erfährt, kommt erschwerend hinzu. Aber auch in seinem familiären Umfeld wollen sich die Dinge nicht in eine für ihn positive Richtung entwickeln. Rubén lebt immer noch alleine. So bleibt ihm nicht anderes übrig, als sich Nähe und Zuneigung bei einer Prostituierten zu erkaufen.

Der argentinische Filmemacher Rodrigo Moreno empfiehlt sich mit El Custodio als südamerikanischer Aki Kaurismäki. Die typische Lakonie des Finnen schlägt allerdings bei Moreno noch weitaus deprimierende Wellen. Gemein haben beide Regisseure, dass sie sich mit Verlierern beschäftigen, die in ihrer eigenen fast schon pathologischen Tristesse zu ersticken drohen. Die Kommunikation reduziert Moreno dabei auf das absolute Minimum. Wenn die Kamera auf Rubén verweilt, ihn in quälend langen, ereignislosen Einstellungen beobachtet, ähnelt seine Einsamkeitsstudie einem Werk der Stummfilm-Ära. Mit Ausnahme einer wunderbar überdrehten Szene in einem China-Restaurant, wo Rubén seinen Geburtstag „feiern“ will, zelebriert El Custodio die Kaurismäkische Wortkargheit in beängstigender Perfektion.

Auch die Bildebene spiegelt das absurde Theater wider, das Rubéns gesamtes Leben in eine einzige nicht enden wollende uniforme Warterei verwandelt. Indem Moreno immer einen Schritt auf Distanz bleibt, seinen Protagonisten oftmals von hinten filmt – eine Technik, die in Gus van Sants Schüler-Drama Elephant mit einer ähnlichen Intention eingesetzt wurde – oder ihn ganz an den Rand des Bildausschnitts postiert, wird für den Zuschauer unmittelbar die gesamte Tragik dieser mehr toten als lebendigen Existenz erfahrbar. Daneben dominieren strenge, geometrische Formen und blasse, grau-braunen Farben den Stil des Films. In seiner ebenfalls grau-braunen Jacke scheint der Mann ohne Eigenschaften mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Da wundert es kaum noch, dass niemand von ihm Notiz nimmt.

Morenos Konzept, über eine bewusst herbei geführte Langatmigkeit, ein Gefühl für jene Monotonie zu evozieren, die Rubén tagtäglich zu erleiden hat, mag nicht bei jedem auf ungeteilte Begeisterung stoßen. Denn auch wenn deutlich wird, wie die Ereignislosigkeit des von der ersten bis zur letzten Minute entschleunigten Plots zu verstehen ist, strapaziert El Custodio die Geduld des Zuschauers zuweilen über Gebühr. Immerhin denkt Moreno Rubéns Martyrium konsequent und kompromisslos zu Ende. Mit einem Ausgang, der schmerzt und der zugleich in seiner Schlichtheit mit dem restlichen Film eine in sich geschlossene Charakterstudie ergibt.

Marcus Wessel