Elementarteilchen

Gespannt erwartet wie kaum ein anderer  Film, wurde Oskar Roehlers Verfilmung von Michel Houllebecqs Roman auf der Berlinale zwiespältig aufgenommen. Die Brisanz der Romanvorlage, aber auch deren intellektuelle Qualität erreicht der Film kaum. Stattdessen gelingt Roehler mit einem Ensemble, das bis in kleinste Nebenrolle mit der Crème de la Crème deutscher Schauspieler besetzt ist, ein überzeugendes Melodram über die Suche nach Liebe zu Beginn des neuen Jahrhunderts.

Webseite: www.elementarteilchen.film.de

Deutschland 2005
Regie: Oskar Roehler
Buch: Oskar Roehler, nach dem Roman von Michel Houllebecq
Kamera: Carl-Friedrich Koschnick
Schnitt: Peter R. Adam
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen, Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss, Uwe Ochsenknecht, Corinna Harfouch, Jasmin Tabatabai, Michael Gwisdek, Herbert Knaup, Tom Schilling
Verleih: Constantin
Kinostart: 23.2.2006

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Lange Jahre kämpften die Produzenten Bernd Eichinger und Oliver Berben um die Recht an Michel Houllebecqs Skandalroman, die der schweigsame Autor erst nach zähen Verhandlungen abgab. Eine präzise Umsetzung des Romans darf man nicht erwarten, sie wäre aber auch zum Scheitern verurteilt. Stattdessen fokussiert Regisseur und Drehbuchautor  Oskar Roehler die Erzählung ganz auf die beiden Hauptfiguren, die als zwei Möglichkeiten
moderner Beziehungsmodelle fungieren. Da ist zum einen Bruno (brillant: Moritz Bleibtreu), Lehrer, misanthropischer, zynischer, rassistischer Autor, zwar verheiratet, aber von der Idee von Sex mit wahllosen Frauen besessen. Und sein Halbbruder Michael (etwas blass: Christian Ulmen), der als männliche Jungfrau ein vollkommen sexloses Dasein führt und all seine Energie auf seinen Beruf, die Molekularbiologie verwendet. Sein Forschungsziel ist die Reproduktion des menschlichen Erbgutes und die damit verbundene Abschaffung natürlicher  Fortpflanzung. Gelegentlich treffen sich die Brüder in einer schäbigen Berliner Kneipe, betrauern ihr Schicksal, dann geht es zurück in die jeweilige Welt. Dort stehen ihnen zwei Frauen gegenüber, mit denen sie für mehr oder weniger Lange Zeit eine Art von Glück
erreichen. Bruno trifft Christiane (Martina Gedeck), die seine sexuellen Obsessionen teilt und akzeptiert. In ihr findet er einen Menschen, der so wie er jenseits der gesellschaftlichen Norm zu leben bereit ist, Besuche im Swingerclub eingeschlossen. Michael wiederum trifft seine Jugendliebe Annabelle (Franka Potente) wieder, die wie er nach einer harmonischen Zweierbeziehung strebt.

Im Gegensatz zu Houllebecqs Roman, schwächt der Film den skeptischen Blick auf die Menschheit deutlich ab. Zwar teilt Roehler augenscheinlich die prinzipielle Haltung Houllebecqs, ihr bis zum konsequenten Ende zu folgen wagt er allerdings nicht. Seine Figuren komplett im Dreck verenden zu lassen, dass traut sich Roehler nicht, dafür ist er ein zu großer Romantiker. Wirklich schaden tut das dem Film allerdings nicht, auch wenn man sich immer vor Augen halten muss, dass die Ideen des Romans hier nur ansatzweise und bisweilen sehr oberflächlich wiedergegeben werden.

Trotz der oft zynischen,  misanthropischen Dialoge und mancher drastischen Drehbuchwendung, war Oskar Roehler dem Mainstream nie so nahe wie er es mit
diesem Film ist. Einerseits hat die Selbstkontrolle, die sicherlich stark auf  den mäßigenden Einfluss eines erfahrenen Produzenten wie Bernd Eichinger zurückgeht, zur Folge, das  Elementarteilchen Roehlers rundester Film ist, der stringent eine Geschichte entwickelt und zu einem präzisen Ende bringt. Gleichzeitig hat Roehler aber die Exzessivität aufgegeben, die
Filme wie Agnes und seine Brüder und besonders Der alte Affe Angst zum Teil so unerträglich, über weite Strecken aber auch so überwältigend gemacht haben. Diese Ecken und Kanten, die Roehler in den letzten Jahren zu einem der interessantesten deutschen Regisseure gemacht haben, sind nahezu komplett abgeschliffen, sowohl in den Tiefen, als in den Höhen. So ist Elementarteilchen trotz der exzellenten Schauspieler und der zeitgemäßen Thematik gleichermaßen Oskar Roehlers souveränster, als auch sein konventionellster Film. Den kommerziellen Aussichten wird das kaum schaden, im Gegenteil. Angesichts der Romanvorlage, des Sujets und der erstklassigen Darstellerriege ist ein Erfolg an der Kasse geradezu garantiert.

Michael Meyns