Elly

Drei leicht versnobte Paare aus Teheran verbringen ein Wochenende am Meer. Anfangs läuft alles rund, doch als eine der Frauen verschwindet, beginnen wechselseitige Schuldzuweisungen, die die brüchige Oberfläche der Freunde und damit der iranischen Gesellschaft als Ganzes offen legt. Ein starkes, subtiles Drama, das bei der Berlinale 2009 mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Webseite: www.fugufilms.de

Iran 2009
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi und Azad Jafarian
Darsteller: Golshifthe Farahani, Shahab Hosseini, Taranah Alidoosti, Merila Zarei, Mani Haghighi, Peyman Moaadi
Länge: 119 Min.
Verleih: fugu Filmverleih
Kinostart: 6. Januar 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Elly, der vierte Film des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, beginnt ganz unscheinbar. Drei befreundete Pärchen fahren übers Wochenende weg, allesamt um die 30, augenscheinlich der etwas wohlhabenderen Schicht junger Iraner zuzuordnen, die sich weniger um Politik kümmern als Spaß haben wollen. Diverse Kinder sind dabei und Elly, die Lehrerin von Sepidehs Kind. Diese hat Elly eingeladen, um sie mit einem allein stehenden Mann zu verkuppeln, der gerade zu Besuch in der Heimat ist. Von Anfang an also ist Elly die Außenstehende, die Fremde, die nicht so ganz in die Gruppe der fröhlichen, leichtlebigen Freunde passen will.

Am Ort des Ausflugs erfährt die Gruppe, das ihr geplantes Domizil nicht frei ist und man in eine etwas heruntergekommene Villa am Kaspischen Meer ausweichen muss. Essen und Spiele vertreiben die Zeit, alles scheint gut zu verlaufen, bis zu dem Ereignis, dass den Film in andere Bahnen lenkt, ihn erst auf die Klasse hebt, die er hat. Während die Männer Ball spielen, droht eines der Kinder zu ertrinken und kann nur knapp gerettet werden. Doch während der Rettungsaktion verschwindet Elly, die auf die Kinder aufpassen sollte. Was mit ihr geschah, erfährt man nicht, doch in ihrer Abwesenheit ist Elly der Katalysator, der die fröhliche Stimmung endgültig in eine Atmosphäre von Vorwürfen und Anschuldigungen kippen lässt. Die entspannte Stimmung des Anfangs wirkt zunehmend wie eine Fassade, wie der fadenscheinige Versuch, all die Probleme und Missstände der iranischen Gesellschaft unter einer glatten Oberfläche verschwinden zu lassen.

Der Fokus von Farhadis Film liegt dabei vor allem auf der Rolle der Frau und ihrer Position in einer patriarchalischen Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen die gegensätzlichen Frauenfiguren Sepideh und Elly. Sepideh wirkt zunächst wie eine weltoffene Person, selbstbewusst und souverän. Im Laufe der Geschichte wird jedoch zunehmend deutlich, wie sehr sie in den traditionellen Strukturen des Irans verhaftet ist, vor allem aber wie schwer es ihr fällt, sich angesichts der von ihr verursachten Probleme – sie hatte Elly zu dem Ausflug eingeladen, als Objekt bzw. Opfer einer geplanten Verkupplung – von ihrer Rolle zu lösen und eigene Schuld einzugestehen. Durch ihre Abwesenheit über zwei Drittel des Films wirkt Elly weniger als eigene Figur, sondern eher wie ein Symbol – nicht nur für den Versuch in einem repressiven Staat wie dem Iran ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sondern auch für die Vorurteile der Bourgeoisie. Denn so souverän die drei Paare wirken, so unsouverän agieren sie im Zeichen der Krise. Probleme werden mit fadenscheinigen Erklärungen zu überspielen versucht, die Schuld stets bei anderen gesucht und am Ende auf der Person abgeladen, die durch ihre Abwesenheit wehrlos ist: Elly.

Michael Meyns

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