Name der Leute, Der

Die anarchistische Komödie „Der Name der Leute“ schafft es, kühn mit einer Art sanft überzeichneten Realismus zwischen Leichtfüßigkeit und Tiefgründigkeit zu wechseln. Frankreich Shootingstar Sara Forestier verkörpert dabei überzeugend die lebenslustige, idealistische Politaktivistin Bahia, die das Leben des zurückhaltenden Arthur auf den Kopf stellt. Die junge Frau schläft mit Männern aus dem politisch konservativen Lager, um sie von ihren linken Ideen zu überzeugen. Unkonventionell verpackt Regisseur Michel Leclerc in seine schräge romantische Love-Story traumatische Familiengeheimnisse und gesellschaftliche Konflikte.

Ausgezeichnet mit 2 Césars 2011: Sara Forestier „Beste Darstellerin“, Baya Kasmi und Michel Leclerc „Bestes Drehbuch“.

Webseite: www.x-verleih.de

LE NOM DES GENS
Frankreich 2009
Regie: Michel Leclerc
Darsteller: Jacques Gambin, Sara Forestier, Zinedine Soualem, Länge: 100 Minuten
Verleih: X Filmverleih
Kinostart: 3. März 2011 

PRESSESTIMMEN:

Ein unglaublich witziger, ideenreicher Liebesfilm, politisch absolut unkorrekt.
KulturSpiegel

Der wohl lustigste und klügste Film, der seit langem im Kino zu sehen war.
Welt am Sonntag

Dieser Film hat so viel Herz, den müssen Sie sehen!
ARD Morgenmagazin

Es sind die sympathischen Figuren, die das Zuschauerherz im Sturm nehmen, die herrlich anekdotischen Situationen, die glänzend unterhalten, und die klugen mit warmherzigem Humor verpackten Ernsthaftigkeiten, die man sich auf diese Art gerne zum Überdenken verabreichen lässt.
Kölner Stadtanzeiger

Eine sehr witzige, ganz erwachsene Komödie, direkt, ohne vulgär zu werden, die Charme und Klugheit auf eine Weise mischt, wie das nur in Frankreich möglich ist.
FAZ

Eine herzenswarme, kluge Liebeskomödie und die schönste Überraschung des Kinojahres. Ein Film, der nicht aufhören will, zu begeistern.
Brigitte

FILMKRITIK:

Pinkfarbene Doc-Martens zum weißen langen Brautkleid, für die quirlige Bahia Benmahmoud (Sara Forestier) kein Widerspruch. Schließlich heiratet die charmante Politaktivistin gerade aus politischer Mission, um einem Schwarzafrikaner die Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen. Für die Tochter einer kosmopolitischen Hippiemutter und eines algerischen Vaters (Zinedine Soualem) kein Thema. Denn die Idealistin kämpft leidenschaftlich gegen Ausgrenzung. Um die Welt zu verbessern greift die Freizügige schon mal zu unkonventionellen Methoden: Die junge Frau schläft mit Männern aus dem politisch konservativen Lager, um sie von ihren linken Ideen zu überzeugen.

Dass sie dabei auf den pflichtbewussten Ornithologen Arthur Martin (Jaques Gamblin) stößt ist purer Zufall. Denn der bekennende Linkswähler gehört eigentlich nicht zu ihrer Umerziehungs-Klientel. „Für Nationalisten brauche ich zehn Tage“, erklärt der impulsive Freigeist dem verdutzten Wissenschaftler, der für das Amt für Tierseuchen arbeitet, ihr Prinzip. Während Bahia hedonistisch aus dem Vollen schöpft, versucht der selbstbeherrschte Arthur eher zwanghaft alle möglichen Risiken zu reduzieren. Doch nachdem die spontane Grazie ihn verführt hat, realisieren die beiden, dass sie mehr gemeinsam haben als zunächst angenommen. Und so verlieben sie sich ineinander. Klar, dass bei diesem gegensätzlichen Paar Turbulenzen vorprogrammiert sind.

Was auf den ersten Blick wie eine der etwas bemühten Ungleiches-Paar-Liebeskomödien wirkt, entpuppt sich als eine wunderbar erfrischende, unverkrampfte und dennoch kritisch-tiefsinnige Tragikomödie. In Rückblenden rollt Regisseur Michel Leclerc die Geschichte der Eltern Bahias und Arthurs auf, die geprägt ist von traumatischen Momenten: sei es die Deportation von Arthurs jüdischen Großeltern in der Nazizeit oder die Bürgerkriegsgräuel, die Bahias Vater als kleiner Junge in Algerien erlebte. Arthus Mutter leidet noch immer unter den Folgen des Holocaust. Durch Verdrängung und Totschweigen versuchen seine Eltern, diese tiefen Wunden der Vergangenheit ungeschehen zu machen. Eine Methode, die auch Bahias Eltern anwenden, um sie vor ihrem Kindheitstrauma, verursacht durch sexuellen Missbrauch, zu schützen.

Mit einem Gespür für Lässigkeit, aber immer voller Zuneigung folgt der ambitionierte Film den Spuren seiner Protagonisten und porträtiert Menschen mit einem Schicksal, einer Seele, einem Gewissen. Hauptdarstellerin Sara Forestier, die ihre selbstbewussten Gags mit schlafwandlerischer Sicherheit setzt, liefert ein kleines Wunderwerk aus beherzter Schauspielkunst. Der französische Shootingstar scheut sich auch sonst nicht, seine politischen Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu zeigen. So protestierte die 24jährige Nonkonformistin mit ihrem ungewöhnlichen Kleid voller aufgenähter MPs bei ihrem Auftritt in Cannes für strengere Waffengesetze.

Brillant verkörpert Jacques Gamblin auf seine etwas melancholisch sympathische Art den zunächst verschlossenen Part dieses Gegensatzpaares. Nach wie vor zählt der französische Charakterdarsteller zu den Schauspielern, die mit unauffälligen Gesten und mimischen Veränderungen ungewöhnlich viel ausdrücken können. Ob die erfolgreiche, französische Ode an das Unkonventionelle, die sich dabei jedoch nie zu sehr auf diesen Anspruch versteift, auch außerhalb ihres Heimatlandes so gut funktioniert, bleibt zu hoffen. Denn auch wenn die ideenreiche Komödie nicht speziell auf ein französisches Publikum zugeschnitten ist, braucht es doch etwas gesellschaftspolitisches Hintergrundwissen. Nicht zuletzt mit dem originellen Cameoauftritt des als rigide geltenden ehemaligen sozialistischen Premierminister Lionel Jospin wird der deutsche Zuschauer nicht sofort etwas verbinden.

Luitgard Koch

In der heutigen globalisierten Welt ist die Frage der Identifizierung der Menschen, ihrer Wurzeln, ihrer Namen, ihrer Familien schwieriger geworden, als dies früher der Fall war. In vorigen Zeiten blieben die Abstammung, der verwandtschaftliche Austausch, die traditionelle Zusammengehörigkeit, das Bleibende eines Geschlechts oder einer Dynastie Jahrhunderte lang eine klare Sache. Von diesen Veränderungen handelt der Film implizit.

Bahia stammt aus Algerien, lebt aber schon lange in Frankreich. Sie hat sich angepasst – ganz im Gegensatz zu ihrem Vater, der unter der Fremdheit noch immer ebenso leidet wie unter der weitgehenden Ablehnung der Fremden – nicht nur in Frankreich. Bahia ist Politaktivistin. Das geht so weit, dass sie mit rechtsgerichteten Typen sogar schläft, um sie zu bekehren. Die Ausnahme bei ihr ist allerdings Arthur, wie sie bekennender Linkswähler. Arthur hat mit seinem Nachnamen Martin anders als Bahia Benmahmoud keine Schwierigkeiten, aber auch er stößt in seiner Familie offenbar auf Schwierigkeiten, die mit der Zeit des letzten Krieges, mit jüdischen Einflüssen, mit bisher geheim gehaltenen Geschichten zusammenhängen.

Die mitreißende Bahia dringt in das bis dahin eher diskrete Leben Arthurs ein, und dass sich daraus auch eine Liebe entwickelt, ist fast zwangsläufig.

Michel Leclerc hat darüber einen ziemlich ereignisreichen, dialogstarken, tempogeladenen Film inszeniert, der mit der begabten Sara Forestier als Bahia und dem ebenso beliebten wie darstellerisch starken Jacques Gamblin als Arthur nicht nur blendend unterhält, sondern auch zu Überlegungen über eine immer aktueller werdende Problematik und über die Veränderung der Zustände Anlass gibt. Ein Drama mehr, das zeigt, wie schnell und wie stark die Umwälzungen vor sich gehen.

In Cannes 2010 Eröffnungsfilm der „Semaine de la critique“.

Thomas Engel