En la cama

Matias Bizes Kammerspiel ist die kleine Chronik eines One-Night-Stands im chilenischen Santiago. Doch neben Sex gibt es auch tiefgehende Gespräche über Popkultur, Liebe, Verrat und Vertrauen. Ein kurzweiliger und atmosphärischer Film, der die Unsicherheit der Generation um die 30-Jährigen zeigt.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Chile/Deutschland 2005
Regie: Matias Bize
Darsteller: Blanca Lewin, Gonzalo Valenzuelo
85 Minuten
Verleih: Farbfilm
Start: 25.10.2007

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

„En la cama“ heißt übersetzt „im Bett“, und genau dort spielen die 85 Minuten im zweiten Film des Chilenen Matias Bize. Daniela (Blanca Lewin) und Bruno (Gonzalo Valenzuelo) haben sich kennen gelernt und sind in einem roten Motelzimmer gelandet, das mit seinem kitschigen Interieur auch der perfekte Schauplatz für einen Pornodreh wäre. Der Film beginnt mit Sex, der Zuschauer hört Danielas und Brunos Stöhnen und Keuchen, während die Kamera nur ganz vorsichtig unter der Bettdecke hervorlugt. Die beiden sind ein hübsches Paar mit perfekten Körpern, jedoch lässt sie ihr Gedächtnis im Stich. „Weißt du eigentlich wie ich heiße?“, fragt Daniela nach dem ersten Liebesakt. Bruno muss eingestehen, dass er sich nicht erinnern kann. Doch auch Daniela hält ihn fälschlicherweise für jemand anderen.

„En la cama“ handelt von der großen Verlockung der Unverbindlichkeit, der Angst vor fester Bindung und dem Phänomen, dass sich Fremde näher sein können, als Paare nach langjährigen Beziehungen. Daniela und Bruno stehen außerhalb des Motelzimmers am Scheideweg ihres Lebens: Sie ist kurz vor der Hochzeit mit einem zwar gut verdienenden, aber zur Gewalt neigenden Mann (die Einladungen hat sie sogar in ihrer Handtasche dabei, Bruno zieht es nach Europa, wo er promovieren will. Die scheinbare Unverbindlichkeit der beiden („Wir bedeuten uns nichts. Wir haben uns nie etwas bedeutet. Und mehr wird auch nie sein.“) wandelt sich nach unzähligen Gesprächen über verflossene Liebschaften, Filme von Godard, Kaufrausch als Sexersatz und Familiengeheimnissen ganz langsam in zaghafte Zuneigung.

Der chilenische Regisseur Matias Bize, Jahrgang 1979, hat gerade erst angefangen, sich auf unkonventionellem Filmterrain zu etablieren. Spielt „En la cama“ einzig und allein in einem Motelzimmer, wurde sein 65-minütiger Debütfilm „Sábado – Das Hochzeitstape“ (2003) in nur einer Einstellung gedreht. Dort rechnet die Braut Blanca (ebenso Blanca Lewin) mit ihrem Verlobten ab, der sie in der Nacht vor der Hochzeit mit der Ex betrogen hat. Die Geschwindigkeit der Bilder und das Tempo der wackeligen Handkamera, stehen im völligen Kontrast zu den ruhigen und statischen Einstellungen von „En la cama“. Überhaupt erinnert der Film in seiner aufgeregten Langsamkeit sehr an Richard Linklaters „Before Sunrise“ und „Before Sunset“, wo Julie Delpy und Ethan Hawke über die Liebe und die Konventionen des Lebens philosophieren. Mit dem gleichen Humor und ähnlicher Ironie spielen Blanca Lewin und Gonzalo Valenzuelo ihre Rollen, für die das kleine Abenteuer wie eine Auszeit vom Rest ihres Lebens ist. Unschuldig halten sie sich in den Armen, für wenige Stunden finden sie Trost vor den Zwängen und Verpflichtungen, während ihre Augen unsicher ins Leere blicken.

David Siems

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Daniela und Bruno waren auf einer Geburtstagsfeier eingeladen und finden sich in einem Hotelzimmer wieder. Daniela bekennt später, dass sie ziemlich schnell vorhatte, Bruno „abzuschleppen“. Mit einer heftigen Sexszene beginnt der Film. Allerdings kennen die beiden noch nicht einmal ihre Vornamen. Wichtiger war jetzt die rasche Befriedigung der Triebe.

Wieder Sex. Die zweite Runde also. Dann eine Zigarette. Stille. Ein erstes Gespräch. Belangloses. Langsam gehen die beiden aus sich heraus, reden, erzählen: von ihrem täglichen Leben; von ihren Plänen; von Brunos bevorstehender Auslandsreise, deretwegen er sich von seiner Freundin getrennt hat; von Danielas in wenigen Tagen fälliger Heirat; von ihrer Kindheit; von ihren Zweifeln und Nöten.

Die dritte Runde. Es ist vier Uhr morgens. Zu spät um heimzugehen, zu früh um aufzustehen. Also weitermachen. Bis zum Tagesanbruch.

Aus den zwei Fremden werden Nahende. Ist es nur diese von Gefühlen umnebelte Nacht, oder ist es mehr? Könnte es die vielzitierte Wahlverwandtschaft sein? Werden die beiden sogar ihre bisherige Lebensplanung fallen lassen und zusammenkommen? Wahrscheinlich ist es nicht, aber nicht unmöglich. Der Film legt sich da nicht fest.

Erst Mitte 20 ist Regisseur Matias Bize. Er nahm mit diesem minimalistischen Kammerspiel-Entwurf ein großes künstlerisches Wagnis auf sich. Doch es ist weitgehend gelungen.

Interessant ist zunächst einmal die Ausgangssituation: nur ein Hotelzimmer und den ganzen Film lang nur zwei Menschen. Die klassische Einheit von Ort und Zeit.
Interessant die szenische Abwicklung: im Bett liegen, Sex haben, auf und ab gehen, sich ausruhen, kurz im Bad verschwinden, eine Zigarette rauchen – und sprechen natürlich. Nichts anderes kommt vor. Aber das geschieht so natürlich, dass es glaubhaft wirkt.

Interessant auch die Gespräche. Sie dringen vom Oberflächlichen ins Tiefergehende und nehmen mit der Zeit den Betrachter voll und ganz ein. Man ist quasi daran beteiligt.

Interessant schließlich die zwei Akteure. Blanca Lewin als Daniela und Gonzalo Valenzuela als Bruno benehmen sich so selbstverständlich und schauspielerisch  so tadellos, dass man sich kein anderes Paar vorstellen mag. Ein besseres Kompliment gibt es nicht.

Ein vielsagendes Kammerspiel zwischen einer Frau und einem Mann. Und was für eines!

Thomas Engel