Endstation der Sehnsüchte

Tennessee Williams beschrieb in „Endstation Sehnsucht“ mit dem Abstieg der aristokratischen Südstaaten-Familien in den USA das Verschwinden eines Milieus. „Endstation der Sehnsüchte“ der deutsch-koreanischen Regisseurin Sung-Hyung Cho handelt vom Verschwinden der Heimat. Heimat erweist sich in ihrem Dokumentarfilm über koreanische Migrantinnen, die mit ihren deutschen Ehemännern in ihr Land zurückkehren, als eine Sehnsucht, die keine Erfüllung findet. Die drei Ehepaare, denen Cho beim Leben in einer bizarren deutschen Mustersiedlung in Südkorea zuschaut, sind nirgends richtig zu Hause. Ein verlässlicher Begleiter ist nur ihr Heimweh. Mit lakonischem Blick und brüllend komischen Szenen gibt der Film die Antwort auf die Frage, warum Buddha und Gartenzwerg nicht zueinanderpassen.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2009
Regie: Sung-Hyung Cho
Länge: 90 Minuten
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 29. Oktober 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dogil Maeul, das deutsche Dorf, dürfte eines der seltsamsten Experimente der Integrationspolitik sein. Die südkoreanischen Behörden schufen eine Art Reservat für ehemalige Arbeitsmigrantinnen, die mit ihren deutschen Ehemännern den Lebensabend in der Heimat verbringen wollen. Um Letzteren den Sprung ins Unbekannte zu erleichtern, durften sie ihr Heim so errichten, wie sie es gewohnt sind. Deshalb sieht Dogil Maeul aus wie eine deutsche Einfamilienhäuser-Siedlung. Dass man Heimat nicht mitnehmen kann, merken die Häuslebauer ziemlich schnell. Ihre Siedlung entwickelt sich zur Touristenattraktion. Fremde Leute laufen durch die Vorgärten, fotografieren und witzeln über die Langnasen. Gartenzwerge sind begehrte Souvenirs, sie müssen von den Bewohnern in Sicherheit gebracht werden. Die Siedlung erweist sich in doppelter Hinsicht als Fremdkörper: wegen ihrer exotischen Bauweise und ihres Zoo-Charakters. Armin, Willi und Ludwig nehmen das mit der knorrigen Gemütsruhe hin, die der deutschen Nachkriegsgeneration eigen ist. Sie setzen ihre gewohnten Rituale dagegen. Nachmittags wird Kaffee getrunken, abends mit dem Hund Gassi gegangen, und die Bratwürste werden selbstverständlich selbst hergestellt.

Solange sie auf ihrem Fleckchen Deutschland unter sich bleiben, kommen sie halbwegs zurecht. Jeder Kontakt mit dem Fremden ist jedoch ein Abenteuer – und dann wird es meistens komisch, jedenfalls für den Zuschauer. Die Rentner beherrschen nur ein paar Brocken Koreanisch. Verwandten-Besuch entwickelt sich schnell zu absurdem Theater. Der Besuch in der Schwitzhütte ist mit mancherlei Beschwernissen verbunden. Bei buddhistischen Ritualen können die Langnasen kaum verbergen, dass sie das für Mummenschanz halten. Vor allem Willi aber bemüht sich tapfer um Integration. Seine Teilnahme an einem Volkstanzkurs ist der komische Höhepunkt des Films und zugleich das Zeugnis eines tragikomischen Scheiterns.

Es lässt sich nur vermuten, warum die alten Herren sich das antun. Es hat wohl viel mit ihren Frauen zu tun, die offenkundig das Sagen haben in der Ehe. Yong-Sook, Woo-Ja und Chun-Ja sind drei sehr resolute Damen, die ihren Männern Kontra geben, wenn sie es für nötig halten, und ihre Partner womöglich mit sanftem Druck zum Abenteuer Korea überredeten. Sie waren in den siebziger Jahren nach Deutschland ausgewandert, arbeiteten als Krankenschwestern und assimilierten sich weitgehend. Obwohl sie all die Jahre das Heimweh plagte, ist ihre Mentalität deutscher, als sie wahrhaben wollen. Wenn man sie so sieht im Wohnzimmer mit traditioneller Tracht vor einer Schrankwand aus Eiche, wird klar, dass die alte Heimat ihnen fremd geworden ist über die Jahrzehnte und auch sie nicht recht angekommen sind, wenn auch anders als ihre Männer.

Sung-Hyung Cho zeigt nach „Full Metal Village“ wieder etwas, das sie als Heimatfilm bezeichnet. In „Endstation der Sehnsüchte“ finden sich einige Parallelen zu dem Vorgänger. Hier ist es ein Dorf, das in eine fremde Umgebung gepflanzt wird, in „Full Metal Village“ war es ein riesiges Musikfestival, das jedes Jahr wie ein Ufo im beschaulichen norddeutschen Ort Wacken landet. Auch der Erzählstil ist gleich. Cho wartet immer auf die kleinen Momente, in denen sich das Große zeigt. Diese Geduld zahlt sich aus. Ihre Exilanten reden nicht nur, sie agieren vor der Kamera, weshalb viele Episoden wie Spielszenen wirken. Chos komische Ader kommt dem Unterhaltungsinteresse des Zuschauers entgegen. Allerdings hätte man gern ein paar Mal weniger gelacht und dafür mehr über die Protagonisten erfahren, deren Biografien zu knapp ausfallen. Und im amüsierten Tonfall des Films geht vielleicht ein bisschen der Ernst der Lage unter. Es wird nur angedeutet, dass die Endstation der Sehnsüchte sich als Sackgasse entpuppen könnte.

Volker Mazassek