Erschütternde Wahrheit

American Football ist ästhetisch, atemberaubend, ein Millionengeschäft, aber auch archaisch, brutal und nicht zuletzt gesundheitsgefährdend. In diesem weiten Feld aus Sport-Begeisterung, kapitalistischen Interessen und uramerikanischem Kampf eines Einzelnen gegen das System ist Peter Landesmans "Erschütternde Wahrheit" angesiedelt, ein spannendes Drama, das ein wenig am Ego seines Stars krankt.

Webseite: www.erschuetterndewahrheit.de

OT: Concussion
USA 2015
Regie, Buch: Peter Landesman
Darsteller: Will Smith, Alec Baldwin, Albert Brooks, Gugu Mbatha-Raw, David Morse, Arliss Howard, Luke Wilson
Länge: 122 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 18. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Dass American Football nicht gerade die gesündeste Sportart ist, dürfte auch dem Laien schnell klar werden, wenn er nur ein paar Minuten Bilder sieht, wie Schränke von Männern mit dem Kopf voran andere Schränke in den Boden rammen. Dieses tackle genannte Manöver ist zwar nur ein Aspekt eines komplexen, mitreißenden Spiels, es wundert aber nicht, dass gerade die Gewalt, die Aggression, die schiere Körperlichkeit des Sports von der Profiliga National Football League, kurz NFL, zu einem der wichtigsten Aspekte des Sports gemacht wurde. In einem Land, in dem das Duell lange Zeit Mittel der Konfliktbewältigung war, das in mehr Kriege verwickelt war und ist als je eine Nation zuvor, wundert die Begeisterung von Medien und Öffentlichkeit für eine so unverhohlen rohe, archaische Sportart nicht. Doch, wie es in "Erschütternde Wahrheit" einmal heißt: "Football ist ein hirnloses, gewalttätiges Spiel. – Und es ist Shakespeare." Dieser Vergleich mag etwas hoch gegriffen sein, aber er führt vor Augen, welchen Stellenwert Football in Amerika hat und dass es nicht nur an banalen kommerziellen Interessen lag, dass die NFL sich lange weigerte, die, ja, erschütternde Wahrheit zu akzeptieren.

Die war insgeheim schon lange vermutet worden, doch beginnend im Herbst 2002 entdeckte der aus Nigeria stammende Pathologe Dr. Bennet Omalu im Gehirn eines mit 50 Jahre gestorbenen ehemaligen Profis Spuren, die auf massive, andauernde Gehirnerschütterungen schließen ließen. Nachdem er zwei weitere Spiele obduziert hatte, die an Wahnvorstellungen und anderen Hirntraumata litten und ebenfalls viel zu jung verstarben, stellte Omalu die These auf, dass die jahrzehntelangen tackles, das ständige Aufeinanderprallen von Köpfen, schwere Langzeitfolgen hat. Wissenschaftlich gesehen war seine These unanfechtbar, doch die NFL ist eines der wichtigsten Wirtschaftsunternehmen Amerikas und tat das, was Unternehmen dieser Größenordnung in so einer Situation zu tun pflegen: die Tatsachen leugnen, den Überbringer der schlechten Nachricht verleumden.

Wie Omalu den Kampf gegen die NFL dennoch gewann, davon erzählt Peter Landesman mit Superstar Will Smith in der Hauptrolle. Der spielt die Rolle des engagierten, in seinem Glaube, das Richtige zu tun, unerschütterlichen Arztes souverän, steht der eigentlich interessanten Geschichte jedoch immer ein wenig im Weg. Viel Zeit verbringt Landesman damit, von Omalu zu erzählen, ein hochbegabter, streng katholischer Arzt, der in seiner Wahlheimat Amerika, genauer gesagt der Football-Hochburg Pittsburgh, nicht recht akzeptiert wird, sich in seinem Kampf um die Wahrheit aber als wahrer Amerikaner erweist.

So rein und gut ist Omalu, so klar in seinen Absichten, dass am Ende eine allzu glatte Figur im Zentrum eines Films steht, der eigentlich viel erschütterndere Geschichten erzählt: wenn Landesman das Leid der zunehmend verzweifelten Football-Spieler zeigt, die nicht wissen, warum sie geistig verfallen, die Vertuschungsversuche der NFL, nicht zuletzt aber auch die Bedeutung eines Spiels, gerade für eine durch den Niedergang der Schwerindustrie wirtschaftlich so gebeutelten Stadt wie Pittsburgh, dann erzählt "Erschütternde Wahrheit" viel über Amerika, über Kommerz und Sport, aber auch über ein System, dass bei allen Missständen doch immer wieder bemerkenswerte Selbstheilungskräfte aufweist.
 
Michael Meyns