Spoiler-Alarm: Wer ein konventionell gestricktes Mutter-Sohn-Drama erwartet, wird arg enttäuscht. Diese Familienaufstellung ist ein wilder Ritt durch die Schweiz bis in die Alpen. Kein Wunder: Die Vorlage stammt von Christian Kracht. Regie führt seine Ehefrau Frauke Finsterwalder. Anders als in „Finsterworld“ und „Sisi & Ich“ spielt Sandra Hüller diesmal nicht mit, stattdessen gibt sich Fassbinder-Ikone Barbara Sukowa die Ehre. Als suchtkranke, schrullige Dame reist sie mit dem widerspenstigen Sohn durchs Land, um eine Tüte voller Franken zu verschenken. Fast eine Million in kleinen Scheinen sollen unters Volk gebracht werden. Luna Wedler als philosophierende Taxifahrerin hilft bei der familiären Trauma-Bewältigung. Sogar David Bowie bekommt einen Auftritt. Wer zu Weihnachten eine Überdosis Familien-Kalorien verspürt, findet mit diesem Trash ein wirksames Gegenmittel.
Über den Film
Originaltitel
Eurotrash
Deutscher Titel
Eurotrash
Produktionsland
DE, CH
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Tobias Walker, Philipp Worm, Anne Walser, Danny Krausz, Florian
Regisseur
Frauke Finsterwalder
Verleih
DCM Film Distribution GmbH
Starttermin
31.12.2026
„Ich hab nie verstanden, wer sie war. Oder was sie bezweckte“, lässt uns Ich-Erzähler Philipp (Alexander Fehling) gleich zum Auftakt wissen. In der blutverschmierten Ouvertüre besucht der Sohn seine Mutter. Deren Wohnung ist ein Chaos. Mama hat wieder einmal Medikamente mit Wodka genommen und liegt nun in der Klinik. Die zerbrochenen Gläser und blutigen Tücher räumt Philipp geduldig weg. Der Scherbenhaufen der familiären Beziehung ist wesentlich schwieriger zu bewältigen.
Der erfolgreiche Autor erinnert sich an den Besuch beim sterbenskranken Vater. Den neuesten Roman des Sohnes habe er lieber seinem Zahnarzt geschenkt, als ihn selbst zu lesen, spottet der Alte. Dessen Nähe zu den Nazis hat der Sohn ihm ebenso wenig verziehen wie den ruppigen Umgang mit seiner suchtkranken Mutter. Die hatte sich allerdings gewehrt und dem Gatten einmal mit einer Bratpfanne das Trommelfell zerschlagen.
Erinnerungen und Rückblicke pflastern den dramaturgischen Weg des Familiendramas. Wo der Roman mit inneren Monologen sprachlich glänzen kann, glitzern auf der Leinwand die Bilder und knattert der Klangteppich. Etwa wenn am vornehmen Bankschalter die Scheine durch die Geldzählmaschine rattern. „Einer fehlt!“, bemängelt Mama. Für den Schweizer Bankier bricht eine Welt zusammen: Tatsächlich hat sich die Maschine glatt um einen Tausender verzählt. „Verkaufen Sie alle meine Rheinmetall-Aktien!“, sinnt die Kundin lachend auf Rache. Mit Helene sollte man sich besser nicht anlegen, das weiß ihr Sohn am besten. „Lieben Sie Ihre Mutter?“, fragt der verzweifelte Autor einmal einen Barmann. Dessen Antwort hätte er sich denken können. Nicht jedoch dessen Kritik an seinem jüngsten Roman.
Im Daimler der namenlosen Taxifahrerin beginnt der Roadtrip durchs Eidgenossenland. Die Mission: 900.000 Franken im Plastiksack loswerden. Mit dem Geld, das die Familie durch ihre Nazi-Nähe angehäuft hat, wollen Mutter und Sohn nichts zu tun haben. Doch haben die beiden weit mehr gemeinsam, als sie ahnen. So wird der Weg zum Ziel der Katharsis. Doch dieser Weg wird kein leichter sein. Immer wieder hagelt es gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Zum Glück findet die Chauffeurin meist kluge Worte und avanciert zur verlässlichen Fährfrau, die ihre Passagiere vor allerlei Schurken schützt. Seien es obskure Neonazis in selbstgestrickten Pullis. Oder biedere Charter-Broker, die noch vor dem bezahlten Flug dem Fluch der Franken erliegen.
„Die Scham. Das Schweigen. Die jahrzehntelangen Lügen“, lautet eine der vielen Klagen. Anders als im Roman klingt das auf der Leinwand recht pathetisch. Doch das scheint durchaus Absicht zu sein. Das Drehbuch-Duo Finsterwalder/Kracht lässt es in seiner Klischeekiste genüsslich krachen. Die Achterbahn reicht vom Kasperltheater bis zum Katharsis-Drama. Der trocken-drastische Humor der Regisseurin bis hin zu Slapstick-Einlagen sorgt einmal mehr für die notwendige Auflockerung des eigentlich ernsten Themas. „Wie bei meinen anderen Filmen, war es wichtig, damit zu spielen, was in dieser Geschichte Wirklichkeit ist oder vielleicht nur im Kopf der Protagonisten passiert und diese surrealistische Ebene besonders hervorzuheben“, erläutert Frauke Finsterwalder das Konzept.
„Mutter und Sohn kämpfen um Nähe und können doch nur Distanz“, beschreibt sie das Dilemma.
Ein großer Trumpf dieser Groteske ist Barbara Sukowa. Die Grande Dame des deutschen Autorenkinos gibt dem Affen vergnüglich Zucker und überzeugt als schrullige Heldin der tragischen Art. Luna Wedler ist ohnehin immer eine Klasse für sich. Neben den starken Schauspielleistungen überzeugen auch das visuelle Konzept und ein auf sehr eigenwillige Weise geknüpfter Klangteppich.
Nicht zuletzt bekommt man neben schräger Unterhaltung auch das unnütze Wissen mit auf den Weg, weshalb Zebras ihre Streifen haben und das Phänomen als „Motion Dazzle“ bekannt ist. Für Smalltalk an Feiertagen allemal das perfekte Geschenk.
Dieter Oßwald







