Fall Chodorkowski, Der

Vom Milliardär zum Sträfling, das ist das Schicksal des russischen Oligarchen Michail Chodorkowski. Viele Mythen und Verschwörungstheorien spinnen sich um den Geschäftsmann, die der deutsche Regisseur Cyril Tuschi in seiner Dokumentation aufzuschlüsseln versucht. Antworten gibt er zwar nicht, dennoch ist “Chodorkowski“ eine jederzeit spannende Dokumentation über die Exzesse des Kapitalismus und den Stand der Dinge im heutigen Russland.

Webseite: www.farbfilm.de

Deutschland 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Cyril Tuschi
Musik: Arvo Pärt
Länge: 111 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 17. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Schon vor der Premiere auf der Berlinale sorgte Cyril Tuschis Dokumentarfilm für Schlagzeilen: Aus dem Büro des Regisseurs wurden Computer und Festplatten gestohlen, auf denen sich eine Kopie des Films befand. Wer hinter dem Diebstahl stand, ob gar der russische Geheimdienst die Vorführung verhindern wollte, ist bis heute ungeklärt, brachte dem Film aber zusätzliche Aufmerksamkeit. Nicht das das notwendig gewesen wäre, widmet sich Tuschi doch einem Mann, über den in den letzten Jahren so viel geschrieben wurde wie über wenige andere.

Michail Borissowitsch Chodorkowski wuchs im sozialistischen System der Sowjetunion auf und hatte sich zu Beginn der Perestroika soweit nach oben gearbeitet, dass er die Anfänge der freien Marktwirtschaft in vollen Zügen ausnutzen konnte. Mitte der 90er Jahre wurde er Mehrheitsteilhaber der Ölgesellschaft Jukos und so zumindest auf dem Papier zum reichsten Russen. Bis hierhin war er nur einer von etlichen russischen Oligarchen, die die Übergangszeit zwischen den Systemen, die juristische Unsicherheit zu ihrem Vorteil ausnutzten. Irgendwann aber muss sich Chodorkowski verändert haben.

Während andere Reiche sich mit den Herren des Kremls arrangierten und ihren Reichtum genossen, begann Chodorkowski, sich zum Kritiker des wenig demokratischen neuen Russlands zu entwickeln. Als er während einer Fernsehdebatte gar den damaligen Präsidentin Putin der Korruption bezichtigte, war für alle Beobachter klar, dass Chodorkowskis Verhaftung unmittelbar bevorstand. Und so kam es auch. Gerade aus Amerika zurückgekehrt, wurde Chodorkowski verhaftet und in diversen fragwürdigen Verfahren zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Nach derzeitigem Stand würde er bis mindestens 2019 hinter Gittern sitzen.

Ein Unschuldslamm ist Chodorkowski fraglos nicht, dass er kaum Gesetze gebrochen hat, liegt in erster Linie daran, dass es im Russland der 90er Jahre kaum Gesetze gab, die den Übergang von Plan- zur Marktwirtschaft regulierten. Und unmoralisches, geldgieriges Verhalten ist nun mal nicht strafbar. Andererseits sind die gegen ihn geführten Prozesse höchst umstritten, von unabhängiger Justiz kann keine Rede sein, die Anklagen wirken konstruiert, dass hinter den Urteilen nicht der Kreml steht, glaubt kaum ein Beobachter. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen mag eine Wahrheit liegen, wobei der Fall, der Charakter Chodorkowski vermutlich zu komplex für eine klare Wahrheit ist. Dass Cyril Tuschi in seiner Dokumentation keine Antworten gibt, kann man ihm also kaum vorwerfen.

In fünf Jahren Arbeit kamen gut 180 Stunden Material zusammen, zig Interviews mit Jugendfreunden, politischen Partnern und Gegnern und auch der Familie Chodorkowskis trug Tuschi zusammen, ergänzte Dokumentaraufnahmen mit animierten Sequenzen, die zunächst einmal nichts anderes wollen, als das Leben Chodorkowskis nachzuzeichnen. Bisweilen wünscht man sich zwar, dass Tuschi etwas mehr nachhaken würde, wenn Kritiker oder Freunde ihre Sicht der Dinge präsentieren, letztlich gelingt es Tuschi aber immer wieder, durch geschickte Gegenüberstellung von Thesen ein ausgewogenes Bild Chodorkowskis zu zeichnen.

Was den Oligarchen antrieb, warum er sich nicht wie so viele andere mit dem Kreml arrangierte, vor allem aber warum er freiwillig nach Russland zurückkehrte, auch wenn er wissen musste, dass seine Verhaftung bevorstand, all das sind faszinierende Fragen, die nur eine Person beantworten könnte: Chodorkowski selbst. In einem spektakulären Moment gegen Ende des Films gelingt es Tuschi sogar, ein kurzes Gespräch mit dem Angeklagten zu führen, getrennt durch einen Glaskäfig, umgeben von zahlreichen Sicherheitsbeamten. In diesen kurzen gestohlenen Momenten können die entscheidenden Fragen natürlich nicht einmal angerissen werden. Und doch machen sie den Film erst rund, zeigen sie doch ein ganz anderes Bild von Chodorkowski, als all die zuvor gehörten Außenstehenden. Ganz unbeeindruckt von den Umständen seiner Haft scheint Chodorkowski zu sein, ungebrochen in seinem Kampf gegen das System und vor allem ganz mit sich im Reinen. Wie dieser Wandel vom Saulus zum Paulus vonstatten ging, wird sicher noch etliche Regisseure und Autoren beschäftigen, Cyril Tuschi hat mit „Khodorkovsky“ einen spannenden Anfang gemacht.

Michael Meyns

Zur Zeit wohl einer der bekanntesten und prominentesten Gefängnisinsassen: der Russe Michail Borissowitsch Chodorkowski.

1990-1995. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen. Die riesige früher verstaatlichte Industrie wird zum Teil privatisiert. Wer jetzt clever genug ist und zuschlägt, kann für verhältnismäßig geringe Investitionen wichtige Firmen erwerben. Michail Chodorkowski, der mit Kollegen, Mitarbeitern und Freunden längst eine der ersten Privatbanken gegründet hat, schlägt zu. Er kauft u. a. das staatliche Ölunternehmen JUKOS. Die Schulden übernimmt er mit. Und trotzdem blüht nach kurzer Zeit das Geschäft. Der Wert ist in wenigen Jahren um ein Vielfaches gestiegen. Aus „virtuellem“ Kapital ist echtes geworden.

Wie konnte das geschehen?

Genau herauszufinden ist es nicht. Geht es bei einem derart schnellen Erfolg und Reichtum mit richtigen Dingen zu? Der jetzige (derzeit allerdings verhinderte) Oligarch war schon in der Jugendorganisation Komsomol (KPdSU) in auffälliger Weise tüchtig und zielstrebig gewesen. Später hat sich das auf jeden Fall bewährt.

Zunächst läuft alles gut. Steigende Produktionszahlen, Börse o. k., Besuch beim amerikanischen Präsidenten, Verständigung mit Putin und einigermaßen gutes Verhältnis zu diesem derzeit mächtigsten Russen.

Dann greift Chodorkowski Putin an, unterstützt auch stark die oppositionellen Parteien. Ein undurchsichtiger Mord geschieht, der einem der Kollegen von Chodorkowski angelastet wird. Der wird jetzt bald darauf der Steuerhinterziehung, der Korruption und des Diebstahls von 36 Millionen Tonnen Öl beschuldigt. Die Urteile und das Scheitern der Berufungen lassen nicht lange auf sich warten.

Welche Zusammenhänge bestehen?

Dieser mutige Dokumentarfilm dringt so tief wie nur möglich in die geschäftliche, juristische und menschliche Materie ein. Gänzlich kann er das nicht, die Blockaden sind zu häufig und zu strikt. Eine ganze Reihe von Interview-Partnern kneift aus Angst, sich Schwierigkeiten einzuhandeln – denn Putins Arm scheint weit zu greifen. Immerhin gibt es viele erhellende Aussagen: aus Russland, aus England, aus Israel, aus den USA, aus Deutschland (Gerhard Schroeder und Joschka Fischer tragen Nichtssagendes bei). Ein paar sind dabei, die Chodorkowski vorwerfen, sich in manchen Punkten vor allem auch in Bezug auf die Mitarbeiter falsch oder naiv verhalten zu haben.

Dazu manche Ortsbesichtigungen. Dann Gerichtsverhandlungen, die gefilmt werden durften. Und nicht zuletzt klare, ruhige, die Anschuldigungen widerlegende, eigentlich überzeugende Erklärungen Chodorkowskis selbst.

Leonid Newslin, ein Geschäftspartner, dem in diesem Zusammenhang ein Mord zur Last gelegt wird: „Solange Putin an der Macht ist, wird Chodorkowski nicht entlassen.“

Die Geschichte des Michail Borissowitsch Chodorkowski. Mutiges Dokument und Lehrmaterial über Russland.

Thomas Engel