Gott des Gemetzels, Der

Hinter dem wunderbar ironischen Titel „Gott des Gemetzels“ verbirgt sich eine herrliche Gesellschaftskomödie. Roman Polanskis Kammer-Quartett mit zwei New Yorker Elternpaaren, die zivilisiert die Prügelei ihrer Söhne klären wollen, war bei der Weltpremiere in Venedig ein sehr unterhaltsamer Lacherfolg, noch bevor bei fortschreitender Entwicklung unter Alkoholeinfluss die letzten Masken fielen. Christoph Waltz spielt mit wenig zurückhaltender Ironie seiner aalglatten Anwaltsfigur tatsächlich etablierte Weltstars wie Jodie Foster, Kate Winslet und John C. Reilly an die fein dekorierte Wand (Produktions-Design: Dean Tavoularis).

Webseite: www.gottdesgemetzels.de 

Frankreich 2011
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Yasmina Reza und Roman Polanski, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza
Darsteller: Christopher Waltz, Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly
Länge: 79 Min.
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 24. November 2011

PRESSESTIMMEN:

Großes Kino auf kleinstem Raum… Ein köstlich-böser Kinospaß.
ZDF Heute Journal

Ein Kinoereignis dieses Herbstes.
DER SPIEGEL

Souveräne, vorlagengetreue Verfilmung des geliebten, giftigen Yamina-Reza-Stücks… Hinreißend besetzt und sehr, sehr lustig.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Das zugrunde liegende Theaterstück von Yasmina Reza, das auch in Deutschland schon zu sehen war, lässt unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen und zurückgehaltene Wahrheiten entgleiten. Obwohl die Eltern des „Täters“, Nancy und Alan (Winslet, Waltz), eigentlich schon aus der Tür raus sind, will man noch einen Kaffee trinken. Dazu gibt es selbstgemachten Kuchen von Penelope (Foster) und Streit. Kleine Spitzen schleichen sich in die bemüht freundlichen Sätze, die Masken des zivilisierten Umgangs verrutschen zusehends, obwohl Michael (Reilly) geradezu mitleiderregend alles ausgleichen will. War der Stock, der zwei Zähne kostete, eine Waffe? Und hat das Kind von Nancy und Alan vielleicht echte Probleme? Alan sagt geradeheraus, sein Sohn sei ein Verrückter, dem könne man nicht helfen. Aber Formulierungen eines absichtlichen Angriffs verbittet er sich, wenn es sein Handy erlaubt. Denn parallel muss der Anwalt die Krise eines Pharma-Unternehmens managen, deren Blutdruck-Medikament ein paar Opfer zuviel gefordert hat. Dass ausgerechnet Michael Mutter gerade dieses Medikament nimmt, gehört zu den vielen humoristischen Volltreffern des Skripts. Ein Treffer ist es auch, wenn Nancy in hohem Bogen auf Penelopes geliebte Teetable-Kunstbücher kotzt. War Penelopes Kuchen schuld? Aber keine Angst: Kotzen auf Kokoschka ist neben dem grunzenden Lachen von Waltz ein seltener Moment groben Humors in diesem gefährlichen Feld scharfer Wort-Spitzen. Zuerst bricht die Solidarität der Ehepartner auf, dann sorgt ein alter Scotch für einen Männerbund und alle verbünden sich gegen einen als Alans Handy endlich in der Blumenvase versenkt wird.

Ob wir tatsächlich alle Tiere oder Egoisten sind und ob Männer sich auf den John Wayne-Typus reduzieren lassen, bleibt offen und diskutabel. Derweil macht diese überraschende Enthüllung wahrer Persönlichkeitszüge durchgehend viel Spaß. Der neue Polanski ist fast ein Woody Allen. Bei diesem humorigen Quartett-Spiel stellt sich selbstverständlich die Frage, wer wen sticht. Bei den Figuren darf jeder mal jeden. Bei den Schauspielern erweist sich Waltz als eindeutiges As – vielleicht auch, weil er wieder das Aas spielt. Die Rolle des fiesen Zynikers gibt ihm die besten Karten, doch wie er mit kleinen Gesten, mit nur einer Bewegung des Fingers Pointen setzt, ist großartig. Betrunken spielt er noch viel besser als die anderen. Jodie Foster bleibt dagegen leider insgesamt unter ihrem Vermögen. Ihre Hysterie wirkt gezwungen, während Winslet ihren Typ eines frustrierten Edelweibchens sehr schon den Bach runter gehen lasst.

Das Boulevard wird eine Verbindung legen von Polanskis Hausarrest und der abgeschlossenen Kammerspiel-Situation, aber das wohl wirklich nur Boulevard. Wichtiger ist, dass der alte Meister das Kammerspiel filmtechnisch hervorragend dramatisiert, die Dialoge immer mal wieder im Spiegel bricht, mit Wechsel von Großaufnahme und Halbnah für zusätzliche Dramatik sorgt. Nach dem Krimi „Der Ghostwriter“ (2010), der Literaturverfilmung „Oliver Twist“ (2005) und dem Holocaust-Drama „Der Pianist“ (2002) zeigt Polanski wie schon bei „Der Tod und das Mädchen“ (1994), dass er die kompakte Inszenierung und die Schauspielführung perfekt beherrscht. Das „Gemetzel“ belohnt kurz und kurzweilig mit intelligentem Spaß und unaufdringlicher Reflektion über das wahre Wesen des Menschen.

Günter H. Jekubzik

In einem New Yorker Park streiten sich zwei Schüler. Der eine schlägt mit einem Stock zu. Das kostet den Gegner zwei Zähne. Jetzt müssen die Eltern ran, versuchen, die Sache wieder einzurenken.

Da sind zuerst einmal Nancy und Alan Cowan, die Eltern des Schlägers, dann Penelope und Michael Longstreet, Mutter und Vater des Geschädigten. Die Cowans suchen die Longstreets deshalb auf.

Zunächst scheint sich ein vernünftiges Gespräch zu entwickeln. Es geht hin und her, die Schuldfrage scheint aber einigermaßen geklärt zu sein. Dann kommen weitere Einwände – von beiden Seiten. Die Diskussion schaukelt sich langsam hoch.

Man will es bei einer Tasse Kaffee noch einmal versuchen. Was besonders stört ist, dass der Rechtsanwalt Alan Cowan ständig vom Handy unterbrochen wird. Langsam stellt sich heraus, dass dabei von einem Medikament die Rede ist, das er verteidigt und für seine Mandanten unter allen Umständen durchsetzen will – gleichgültig, ob es bei einigen Patienten Schäden verursacht oder nicht. Übrigens nimmt Michael Longstreets Mutter diese Pillen. Eine verdächtige, bis zu einem gewissen Grade auch skrupellose Handlungsweise von Alan Cowan. Michael Longstreet warnt seine Mutter.

Die Sache wird kritisch. Jetzt kommt der 18jährige Whiskey hinzu. Die Temperatur steigt. Enthüllungen, gegenseitige Beschuldigungen, auch zwischen den Ehepartnern, Beleidigungen, Schreie, Verwirrung, charakterliche Selbstentblößungen auf allen Seiten, Chaos. Es geht längst nicht mehr um die zwei Zähne des einen Jungen. Ob unter den angeblich vernünftigen Erwachsenen eine Einigung zustande kommt, steht in den Sternen.

Unterdessen spielen die beiden Jungen längst wieder miteinander.

Ein Höhepunkt idiotischen menschlichen Verhaltens – von Roman Polanski ohne geringste Schwäche brillant ins Szene gesetzt. Die Einheit von Raum und Zeit optimal ausgenützt. Eine erstklassige Show.

Wie die vier Schauspieler – Jodie Foster als wutentbrannte Penelope Longstreet, John C. Reilly als ihr stoischer Ehemann, Kate Winslet als hysterische Nancy Cowan und Christoph Waltz als skrupelloser Alan Cowan – brillieren, das ist Darstellungskunst vom Feinsten. Ein Feuerwerk an Dialogen und Spiel.

Eine formale Ausnahmeleistung.

Thomas Engel