Fall, The

Bekannt vor allem für zahlreiche Werbespots und Musikvideos, wagte der indische Regisseur Tarsem Singh mit „The Cell“ den Sprung zum Kino. Das Ergebnis war ein visuell eindrucksvoller Film mit eher bescheidener Handlung. Auch „The Fall“, an dem der Regisseur vier Jahre gearbeitet und dafür in über 18 Ländern gedreht hat, weist bemerkenswerte Bilder auf. Viel entscheidender ist aber eine erstaunliche Geschichte, in der Realität und Fiktion verschwimmen und die nicht weniger als eine Ode ans Kino, ans Geschichtenerzählen darstellt.

Webseite: capelight.com

USA 2006
Regie: Tarsem Singh
Buch: Dan Gilroy, Nicos Soultanakis, Tarsem Singh
Kamera: Colin Watkinson
Schnitt: Robert Duffy
Musik: Krishna Levy
Darsteller: Catinca Untaru, Lee Pace, Justine Waddell, Kim Uylenbroek, Michael Huff, Leo Bill, Aidan Lithgow
Länge: 117 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Capelight Pictures
Kinostart: 5. März 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Mittelpunkt des Films steht – trotz aller Schauwerte – ein kleines Mädchen namens Alexandria. Gespielt wird sie von der achtjährigen Rumänin Catinca Untaru, die hier zum ersten Mal vor der Kamera stand. Im Los Angeles der 20er Jahre spielt sie das Kind von Einwanderern, die in einem Krankenhaus einen Armbruch ausheilt. Dort trifft sie den Stuntman Roy (Lee Pace), der bei einer halsbrecherischen Aktion schwer verletzt wurde. Die viel größere Verletzung fügte ihm allerdings eine Frau zu, die mit dem Hauptdarsteller des Films durchbrannte. 

Bald beginnt Roy Alexandria eine Geschichte zu erzählen, ein Epos wie er es nennt. Es handelt von fünf Banditen, die gemeinsam einen Rachefeldzug gegen den finsteren Gouverneur Odius planen. Die fünf Helden bewegen sich durch atemberaubende Landschaften, geraten von Wüsten in Gebirge, begegnen Sklavenkarawanen und zauberhaften Prinzessinnen. Mehr und mehr jedoch wird die Geschichte von Roys lebensmüder Stimmung durchsetzt. Von seiner geliebten Frau verlassen, hat er jede Lebenslust verloren und dementsprechend lässt er auch die Helden seiner Erzählung ein düsteres Schicksal erleiden. Doch er hat nicht mit Alexandria gerechnet, die mit ihrer kindlichen Neugier und Lebensfreude das genaue Gegenteil darstellt und zunehmend die Kontrolle über die Geschichte gewinnt.

Von Anfang an existiert eine interessante Diskrepanz zwischen dem Erzählten und den gezeigten Bildern – also auch den Filmbildern –, die der Fantasie Alexandrias entspringen. Während Roy zum Beispiel von einem „Indian“ erzählt und damit einen Indianer meint, sieht man Alexandrias Imagination und darin einen Inder, der fortan Teil der Geschichte wird. So verschwimmt von Anfang an Realität mit Fiktion, finden sich für Personen und Gegenstände aus der Imagination Vorbilder in der Welt des Krankenhauses, in das die Filmerzählung immer wieder zurückkehrt. 

Vor allem aber bedingt das Schicksal der Figuren innerhalb der Erzählung, dass der Personen in der Realität. Roy, der in der Erzählung ein ebenso tragisch verlassener Held ist wie in der Realität, bringt nicht nur sein Alter Ego dem Tode Nahe, sondern auch sich selbst, doch kurz vor seinem Tod in Erzählung wie Realität übernimmt Alexandria endgültig die Kontrolle. Nicht mehr nur die Bilder bestimmt sie jetzt, sondern auch die Erzählung, die Handlung. Ihre Lebenslust wird hier gleichgesetzt mit einer Lust zu erzählen, sich in Fantasiewelten zu verlieren und überwältigende Bilder vorzustellen. Genau das also, was das Kino in seinen besten Momenten kann.

Für eindrucksvolle Bilder sorgt hier allerdings der Film selbst, wobei es weniger die existierenden Landschaften oder mächtigen Paläste sind, die beeindrucken. Diese sind zwar schön anzusehen, aber das hätte jeder halbwegs fähige Werbefilmer genauso gut hinbekommen. Viel interessanter sind etliche kleine Momente, in denen Alexandria Methoden der Bildentstehung im Alltäglichen entdeckt. Einmal wirft etwa ein Sonnenstrahl das umgedrehte Bild einer Pferdekutsche durch ein Schlüsselloch, womit das Prinzip der frühen Fotografie aufs einfachste und schönste beschrieben wird. Ein anderes Highlight ist eine kurze Traumsequenz, für die die deutschen Brüder Lauenstein, die vor 20 Jahren den Oscar für ihren Kurzfilm „Balance“ gewonnen haben, wunderbare Stop-Motion Animationen entwarfen. In dieser Detailliebe zeigt sich die wahre Qualität von „The Fall“, der in einrahmenden Stummfilmsequenzen ganz bewusst den Vätern des Spektakelkinos Tribut zollt. Einer Ära also, als Stuntmänner noch wirklich ihr Leben riskierten und ihren halsbrecherischen Aktionen eine Authentizität gaben, die kein moderner CGI-Effekt erreichen kann.

 

Michael Meyns

1915. Der Stuntman Roy Walker bricht sich beim Sturz von einer Brücke beide Beine und wird für immer gelähmt sein. Das nimmt ihm jeden Lebensmut. In dem Krankenhaus, in dem Roy gepflegt wird, wird auch die kleine Alexandria verarztet, der ein Arm zu Bruch ging. Das Kind und der Stuntman schließen Freundschaft.

Roy will nicht mehr leben. Er erzählt dem Mädchen Geschichten – vielleicht um sie dazu zu bringen, ihm aus der Apotheke Morphium-Tabletten zu stehlen. Denn er selbst kann ja nicht mehr gehen, möchte sich aber umbringen. Alexandria ist dazu bereit. Doch als würde sie etwas ahnen, wirft sie einen großen Teil der Medizin weg. 

Das Kind kommt jetzt jeden Tag zu Besuch. Roys Geschichten handeln von Alexander dem Großen, von einem halben Dutzend mythischer Männer – dem Schwarzen Banditen, einem Indianer, einem Sklaven, einem Inder und dem Schmetterlingsforscher Charles Darwin. Diese, von einem schwimmenden Elefanten von einer Insel gerettet, machen sich durch fremde Wüsten und Wälder irrend auf, um an dem herrschsüchtigen und grausamen Gouverneur Odious Rache zu nehmen. Der Schwarze Bandit entführt dabei eine Prinzessin, dazu bestimmt, die Frau des Gouverneurs zu werden. Er verliebt sich in die Prinzessin.

Soweit die erzählte Phantasie-Geschichte. Doch plötzlich taucht im Klinikleben und in der Realität ein Teil der gleichen Personen ebenfalls auf. Die imaginären Figuren und die lebenden Personen entsprechen sich da. So ist zum Beispiel die entführte Prinzessin die Liebste Roy Walkers, die ihm von einen anderen Mann – in Roys Geschichte der Gouverneur – weggenommen wurde.

Die Depression des Gelähmten wird immer stärker. Umso grausiger werden Roys Erzählungen. Sowohl er als auch Alexandria stehen jetzt ständig unter Tränen. Todesvisionen prägen das Berichtete. Der Schwarze Bandit wird zum Totschläger. Alexandria ist nun Teil der mystischen Geschehnisse.

Im Märchen siegen jedoch zumindest am Ende nicht das Böse und der Tod, sondern das Leben und die Liebe. So auch hier.

Eine rationale Handlung darf man nicht erwarten. Tarsem Singhs Film ist pure Phantasie, ist Surrealismus, ist filmisches Delirium. Er ist sozusagen ein Salvador Dali des Kinos.

Unmöglich, alle Magie, alle Visionen, alle Ideen, alle Abenteuer, alle Verrücktheiten, alle Parallelen zwischen Zauber und Wirklichkeit aufzuzählen. Eine Flut an Gemälden, poetischen Einschüben, seltsamen Zeremonien, Landschaften, Palästen, verbunden mit einer Hommage an den Stummfilm und einem großen symphonischen Soundtrack.

Wenn es sich um eine Flut handelt, heißt das auch, dass zum Teil Ungeordnetheit, Improvisation und Willkür herrschen. Das ist die Kehrseite des Positiven an diesem Film.

Er wird also eher eine Fantasy-Fan-Gemeinde und damit ein Zielpublikum ansprechen.

A propos Darsteller: Besonders die niedliche Catinca Untaru als Alexandria macht ihre Sache schön.

Thomas Engel