The Boss of it all

Beim dänischen Regisseur Lars von Trier kann man stets davon ausgehen, dass seine Filme mit allen Erwartungen brechen und in ihrer emotionalen Radikalität das Publikum nicht verschonen. Die Überraschung ist ihm erneut gelungen – mit einer Büro-Comedy! Wieder einmal reduziert und spartanisch in seinem Produktionsaufwand, überzeugt „The Boss Of It All“ als zynische Verwechslungskomödie innerhalb einer krisengeschüttelten IT-Firma.

Webseite: www.thebossofitall.alphamedia-film.de

OT: Direktøren for det Hele
Dänemark/Schweden 2006
Regie & Buch: Lars von Trier
Darsteller: Jens Albinus, Peter Gantzler, Benedikt Erlingsson, Iben Hjejle, Henrick Prick, Mia Lyhne, Casper Christensen, Louise Mieritz, Jean-Marc Barr, Sofie Gråbøl, Anders Hove
Länge: 99 Minuten
Verleih: Alpha Medienkontor
Start: 15.1.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es muss Lars von Trier vorgekommen sein wie ein Spaziergang an einem sonnigen Wintertag. Sowohl Produktionsaufwand als auch anberaumte Zeit für die Dreharbeiten dürften sich für seine mittlerweile zwei Jahre alte Komödie auf ein Mindestmaß beschränkt haben. Von Anspruchslosigkeit dennoch weit und breit keine Spur, denn der Regisseur bricht auch 13 Jahre nach seinem mit Thomas Vinterberg verfassten Dogma-Regelwerk noch immer mit den traditionellen Filmkonventionen. Somit ist klar, dass auch dieser Film sich nicht der inhaltlichen und ästhetischen Standards anderer Komödien bedient. Mit reflexivem Abstand macht sich Lars von Trier als Erzähler sogar ein wenig über das eigene Handwerk lustig: Zu Beginn von „The Boss Of It All“ filmt der Regisseur ein Bürogebäude, er fährt mehrere Stockwerke hinauf, bis sich der Kamerakran in den Fensterscheiben spiegelt und man Lars von Trier erkennt. Ist dies ein kurzweiliger Workshop und der 52-jährige Däne der Lehrer?

Seine schwarzhumorige Geschichte ist randvoll burlesker Qualität: Ravn (Peter Gantzler), der Eigentümer einer IT-Firma, gibt gegenüber seinen Angestellten die Existenz eines in Wirklichkeit von ihm erfundenen Chefs vor. Dieser Phantomboss, den alle nur von gefürchteten E-Mail-Mitteilungen kennen, ist selbstverständlich verantwortlich für alle unpopulären Entscheidungen. Als Ravn die Firma an einen finnischen Investor verkaufen will, besteht der Neueigentümer darauf, den Chef persönlich kennenzulernen. In der Eile wird der Schauspieler Kristoffer (Jens Albinus) beauftragt, in die Rolle des ungeliebten Firmenoberhaupts zu schlüpfen, um den Angestellten die Hiobsbotschaft der bevorstehenden Kündigungswelle mitzuteilen. 

Lars von Triers Humor funktioniert durch das Aufeinanderprallen der extremen Gegensätze: Hier die fleißigen, aber ernüchterten Firmenangestellten, dort der inkompetente und überforderte Pseudo-Chef, der völlig unvorbereitet in die Meetings mit „seinen“ Angestellten geht – und damit durchaus Erinnerungen an „Stromberg“ und die britische Vorlage „The Office“ weckt.  Für das Aufnahmekonzept seiner Bilder wählte von Trier zum ersten Mal die so genannte Automavision: Ein Computerprogramm verschiebt dabei nach dem Zufallsprinzip die zuerst gewählten Kamerapositionen und –einstellungen und gibt so neue Werte für Neigung, Blickachse, Raumtiefe und Brennweite. Eine Methode, die in ähnlicher Variante auch bei Olli Dittrichs Echtzeit-Comedy-Sendung „Dittsche“ verwendet wird. 

Nach einem etwas zähflüssigen Anfang mausert sich die Geschichte zu einem ironischen und bissigen Statement zur anhaltenden Rationalisierungswelle in der Jobwelt. Gleichzeitig ist „The Boss Of It All“ aber vor allem die sarkastische Bestandsaufnahme firmeninterner Psychologie unter Kollegen. Bevor Lars von Trier mit seinem Horrorthriller „Antichrist“ als nächstes wieder formidabel in die Magengrube seines Publikums hauen wird, wirkt dieser Ausflug ins Comedy-Genre wie ein beschaulicher und wunderbar peinlicher Betriebsbesuch.

David Siems

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