Farmer John – Mit Mistgabel und Federboa

Dieser Dokumentarfilm ist ein Glücksfall. Zum einen, weil er beispielhaft von der Entwicklung landwirtschaftlicher Familienbetriebe (nicht nur in den USA) erzählt, zum anderen weil er in der Person des Farmers John Peterson eine charismatische, bisweilen auch exzentrische Figur mit großem Unterhaltungsfaktor vorstellt. Nach Dokumentarfilmen über die Industrialisierung der Lebensmittel wie „Unser täglich Brot“ oder „We feed the world“ wird zudem nun auch die Seite biologischen Gemüseanbaus beleuchtet.

Webseite: www.farmer-john-film.de

OT: The Real Dirt on Farmer John
USA 2006
Regie: Taggart Siegel
Dokumentarfilm
88 Minuten
Verleih: Kinostar (Start am 13.9.07)

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Die gute alte Super-8-Filmkamera macht es möglich, dass schon die ersten Schritte des von schwedischen Einwanderern abstammenden John Peterson dokumentiert sind. Ferien auf dem Bauernhof, die gab es in der Kindheit von Farmer John eigentlich täglich – seine heute über 80-jährige Mutter hat das Geschehen jener Tage für die Nachwelt festgehalten. Nicht minder akribisch hat auch Regisseur Taggart Siegel gearbeitet, indem er die Entwicklung des Peterson’schen Hofes in den letzten 20 Jahren filmisch begleitet und festgehalten hat.

 

Nachdem sein Vater früh verstarb, rutschte Farmer John schon Anfang der 60er Jahre in den Beruf des Landwirtes hinein. Der Zeitpunkt dafür war indes äußerst ungünstig, hatten es durch die Industrialisierung der Landwirtschaft insbesondere die kleinen Betriebe schwer, sich zu halten. Ohne die Hilfe von Nachbarn, Freunden und Verwandten war die Arbeit im Stall und auf den Feldern fast nicht zu bewältigen, teure Kredite für Neuanschaffungen belasteten das Konto. Im Alter von 30 Jahren hatte Farmer John eine halbe Million Euro Schulden, weshalb er den ursprünglichen Familienbesitz von 90 auf fünf Hektar reduzieren musste.

Henry Millers „Wendekreis des Krebs“ inspirierte den auch mit einer kreativen Ader gesegneten Bauern, seine Geschichte der Höhen und Tiefen aufzuschreiben. Aus diesen Notizen ist nebenher sogar ein Theaterstück über eine Farmerfamilie, die ihr Land verliert, entstanden. Auch einen Amateurfilm, in dem ein Kredithai im Kornsilo ertrinkt, drehte der flippige Landwirt mit Freunden. So manchem Nachbarn kam all dies mehr als suspekt vor. Vorwürfe von Drogenmissbrauch während der Zeit des Hofes als Hippiekommune und das Gerücht von Homosexualität brachten Peterson immer wieder in Verruf. Wiederholt zog sich Peterson nach Südamerika zurück, wurde sich dort aber jedes Mal wieder seiner Aufgabe als Landwirt bewusst. „Farming ist nicht lukrativ, aber ein Way of life“, lautet bis heute seine Devise.

Wieder aufwärts ging es mit der Farm, nachdem sich John Peterson entschloss, auf Gemüseanbau nach biodynamischen Methoden zu setzen. Eine Entscheidung, die er nicht bereuen musste. Heute ist der im Staate Illinois nahe Chicago gelegene Hof ein florierender Betrieb mit engagierten Mitarbeitern, Helfern und Freiwilligen, über 1700 Familien sind Teilhaber der Community-Farm, die den Kunden als Partner betrachtet. Sein einst veräußertes Land kauft Peterson nach und nach wieder zurück, auch ist der Aufbau eines Bildungszentrum vorgesehen.

Der von nostalgischen Bilder bevölkerte, mit etlichen Erinnerungen vor allem von Mutter Peterson gespickte, die Entwicklung der Landwirtschaft im Zeitalter der Industrialisierung aufzeigende und von der sympathischen, aber auch kauzigen Art von Farmer John lebende Film ist so gesehen nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam. In einer Zeit, in der kaum noch danach gefragt wird, woher die Zutaten für unser Essen kommen und die für den Anbau notwenigen Flächen verbaut werden, hat dieser Film auch eine aufrüttelnde Wirkung. Es kann heute nicht genug Farmer vom Schlage eines John Peterson geben.

Thomas Volkmann