Feuerherz

Mit der „Geschichte vom weinenden Kamel“ gelang Byambasuren Davaa und Luigi Falorni 2003 ein anrührender und sehr erfolgreicher Dokumentarfilm. Nun kommt mit „Feuerherz“ Falornis erster Spielfilm in die Kinos, der von Senait Meharis umstrittenem Buch inspiriert ist. Er handelt von Kindersoldaten im eritreischen Bürgerkrieg und ist, was Erzählweise und moralische Fragen angeht, ähnlich angelegt wie die Kamel-Dokumentation. Doch dieser Stil passt nicht zu einem komplexen Thema, das ebenso komplexe erzählerische Mittel verlangt. „Feuerherz“ findet einen guten Zugang und enthält gekonnte Passagen zum Schicksal von Kindern im Krieg, kann aber in seiner Schlichtheit und parabelhaften Überformung nicht recht überzeugen.

Webseite: www.senator.de

Deutschland 2008
Regie: Luigi Falorni
Buch: Luigi Falorni, Gabriele Kister
Darsteller: Letekidan Micael, Solomie Micael, Seble Tilahun, Daniel Seyoum
Länge: 88 Minuten
Verleih: Senator/Centralfilm
Kinostart: 29. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Publicity ist immer gut, aber der Wirbel bei der Berlinale war Luigi Falorni und seinen Produzenten nicht so angenehm, weil er nicht dem Film, sondern den Begleitumständen galt. Es ging in der Berichterstattung aller großen Medien vornehmlich darum, dass gegen das Buch Senait Meharis, in dem sie ihre Kindheit im eritreischen Bürgerkrieg der achtziger Jahre schildert, juristisch vorgegangen wurde. Augenzeugen bestritten bestimmte Behauptungen der Autorin. Die eritreische Regierung erklärte, es seien niemals Kindersoldaten in die Milizen gezwungen worden und lehnte aus diesem Grund eine Drehgenehmigung im Land ab. Der Regisseur stellte sich auf den Standpunkt, keinen Film zum Buch gedreht zu haben, sondern eine „universale Geschichte“ zu erzählen, „wie ein kleines Kind mit dem Krieg umgeht“.  

Das trifft es ganz gut. Zwar sind bestimmte biografische Elemente im Film und im Buch identisch, doch Namen und Ereignisse wurden geändert. Und es kommt Falorni nicht darauf an, die Umstände des Kriegs in Eritrea minuziös nachzuzeichnen. Fielen nicht die Namen von Milizen und Städten, könnte der Film überall in Afrika spielen. Dies folgt aus der Entscheidung, die Geschichte ganz aus der Perspektive der zehnjährigen Awet (Letekidan Micael) zu erzählen, die natürlich nicht die politische Dimension des Konflikts erfasst, sondern nur das, was unmittelbar um sie herum passiert. Awet lebt in einem italienischen Kloster, nachdem ihre Mutter sie aussetzte. Die Umstände dort sind relativ komfortabel, doch Awet sehnt sich nach ihrer Familie. Als ihre Schwester Freweyni (Solomie Micael) auftaucht, um sie mitzunehmen, zögert sie keine Sekunde. Eine Nonne gibt ihr die Verhaltensmaxime „Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halte ihm auch die rechte Backe hin“ und ein Feuerherz als Talisman mit auf den Weg. Die Ankunft zu Hause ist ernüchternd. Awets idealisierter Vater erweist sich als egoistischer Trunkenbold, der die aufmüpfige Awet und deren Schwester schnell ins Camp der „Töchter Eritreas“ abschiebt. Dort wird die ältere Freweyni an der Waffe ausgebildet, während Awet sich zunächst mit einem Holzgewehr begnügen muss. Auch im Camp sucht die Zehnjährige eine Familie und hängt sich an die Anführerin Ma’aza (Seble Tilahun) und den gutmütigen Mike’ele (Daniel Seyoum). Ihre anfängliche Begeisterung schlägt um, als die jungen Kämpfer schwere Verluste erleiden, interne Konflikte eskalieren und die Lage immer aussichtsloser wird.

Falorni verzichtet weitgehend auf die Darstellung von Gewalt und anderen Exzessen. Man sieht deren Folgen meist als Reflex in den Augen und im Verhalten Awets, die mit ihrer Angst und zunehmend um ihr Leben kämpft. Es sind einfache Bilder und sie funktionieren  erstaunlich gut. Auch ohne Aufnahmen des Schreckens werden Verrohung, Herzlosigkeit und der Verlust aller moralischen Regeln deutlich. Aber der Film leidet unter seiner parabelhaften Überformung. Wie in der „Geschichte vom weinenden Kamel“ strukturiert die Bedeutung der Liebe und des familiären Zusammenhalts die Entwicklung, wobei in „Feuerherz“ eine christliche Erlösungs-Vision hinzukommt. So entsteht ein fast märchenhaft irrealer Tonfall, der sich allzu weit von der brutalen Realität entfernt.

Braucht es also doch Blut, Tränen und drastische Gewalt, um dem Thema beizukommen? Diesen Weg ging Edward Zwick 2006 im Diamantenschmuggler-Thriller „Blood Diamond“, in dem der Einsatz von Kindersoldaten in Sierra Leone ein Nebenstrang der Handlung war. Schonungslos wurde die Abrichtung von Kindern zu Killermaschinen gezeigt, die dann gnadenlos jeden niedermetzelten. Das trug dem Film den nicht unberechtigten Vorwurf ein, das Thema zu Action-Zwecken zu missbrauchen. Ein überzeugender Kindersoldaten-Film steht also noch aus.

Volker Mazassek

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts befindet sich Eritrea im Freiheitskampf gegen Äthiopien. Der Säugling Awet wird von seiner Mutter in einem Flüchtlingstrubel vergessen oder verlassen, genau weiß man es nicht. Das Mädchen wächst die ersten Lebensjahre in einem Kloster unter italienischen Nonnen auf.

Dann fällt es dem Vater ein, das Kind zu seiner neuen Familie zu holen. Die Stiefmutter mag nur ihre eigenen Kinder, Awet muss schuften. Der Vater ist ein Nichtsnutz.

Doch um sich hervorzutun, schickt er Awet, noch unter 10 Jahre alt, mit deren älteren Schwester Freweyni zu den Widerstandskämpfern. Awet wird Kindersoldat.

Einige Jahre verbringt sie bei einer Gruppe der unter sich verfeindeten Freiheitskämpfer. Sie muss trainieren, erhält eine Waffe, muss schießen lernen, wird immer wieder in Kämpfe gegen Äthiopier oder gar gegen eigene Leute verwickelt, bei denen es auf beiden Seiten an Gefallenen nicht fehlt.

Nach langer Zeit erst gelingt Awet zusammen mit einigen Mitkämpfern, ebenfalls noch Kinder, die Flucht in den benachbarten Sudan.

Gegründet ist der Film auf dem gleichnamigen Bestseller von Senait G. Mehari, die darin ihre eigenen Erlebnisse beschreibt. (Mehrfach wurde die Autorin angegriffen. Sie habe, so hieß es bei den Kritikern, zu wenig Authentisches und zu viel Ausschmückendes und Unwahres geboten.)

Einfach war dieser Dreh nicht. Die eritreischen Behörden verweigerten mit dem (falschen) Argument, es habe keine Kindersoldaten gegeben, ihre Genehmigung und Mitarbeit. Also musste unter schwierigsten logistischen Bedingungen in eine andere „Wüste“ umgezogen werden. 

Herausgekommen ist ein einigermaßen realistisches, allerdings gleichförmig bleibendes und sich hinziehendes Kriegs- und Kinderschicksalsbild, das zu Recht ein überaus ernsthaftes, schreckliches, nie und nimmer zu rechtfertigendes Faktum anprangert. Dabei geht es nicht nur um Awet – von der kleinen Letekidan Micael wunderbar gespielt -, sondern um ein universelles Problem, das nicht oft genug verurteilt werden kann. Schon allein deshalb ist dieser dokumentarische Spielfilm von Luigi Falorni nicht ganz unwichtig.

Thomas Engel