Perlmutterfarbe, Die

Ein Kinderfilm nicht nur für Kinder ist „Die Perlmutterfarbe“, der neue Film von Marcus H. Rosenmüller. Wie immer in Bayern angesiedelt, mit viel Lokalkolorit und teils heftigem Dialekt versehen, begibt sich Rosenmüller diesmal ins Jahr 1931. Der aufkommende Faschismus ist der interessante Subtext einer liebevoll erzählten Geschichte über den vaterlos aufwachsenden Alexander, der mit sich und seinem Leben hadert. In seiner Komplexität wohl der bislang beste Film von Marcus Rosenmüller.

Webseite: www.constantin-film.de

Deutschland 2008
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Buch: Marcus H. Rosenmüller, Christian Lerch, nach dem Roman von Anna Maria Jokl
Kamera: Torsten Breuer
Schnitt: Georg Söring
Musik: Gerd Baumann
Darsteller: Markus Krojer, Dominik Nowak, Zoe Mannhardt, Benedikt Hösl, Thomas Wittmann, Josef Hader
Länge: 98 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Constantin
Kinostart: 8. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ende der 30er Jahre schrieb Anna Maria Jokl die Romanvorlage und verarbeitete darin die Erfahrungen, die sie 1933 zur Flucht aus Deutschland veranlasst hatte. Anhand der scheinbar spielerischen Konflikte zwischen zwei Schulklassen zeigt sie, wie leicht autoritäre Strukturen um sich greifen können. Vom Dritten Reich ist zwar im Film nie die Rede, keine Hakenkreuzfahne oder ähnlich deutliche Symbole sind zu sehen, doch die Intention ist eindeutig.

Schauplatz des Films ist eine bayerische Kleinstadt im Jahre 1931. Es ist Winter, die Schulkinder laufen dennoch mit kurzen Hosen herum und Alexander träumt davon, den Malwettbewerb zu gewinnen und seine Mitschülerin Lotte zu beeindrucken. Dummerweise kann Alexander nicht gut zeichnen, ganz im Gegensatz zu seinem Freund, dem Klassenbesten Maulwurf. Der beeindruckt seine Freunde mit immer neuen, unglaublichen Erfindungen und scheint auch für den Malwettbewerb das unwiderstehliche Mittel gefunden zu haben: Die Perlmutterfarbe. Durch sie wird Papier lichtdurchlässig und erstrahlt in den schönsten Farben. Sie kann aber auch auslaufen und Bücher verschmieren. So ergeht es Alexander nach einer Serie von komischen, schicksalhaften Zufällen. Nur mit der Hilfe des neuen Schülers Gruber kann er die Situation zunächst klären, doch Gruber verlangt viel für seine Freundschaftsdienste. Gezielt sät er Zwist in der Klasse, hetzt seine Mitschüler gegen die Parallelklasse auf, mit denen man sich normalerweise zwar heftige, aber doch faire Schneeballschlachten liefert. Was zunächst als normale Bande begann, wird unter Grubers Einfluss zu einer straff organisierten Gruppe, in denen die faszinierten Mitglieder alles tun, was ihr Anführer fordert.

Doch dies ist nur eine Ebene des vielschichtigen Films. Viel bedeutender scheint das Thema zu sein, dass sich durch praktisch alle Rosenmüller-Filme zieht: Das abwesende Elternteil. In „Wer früher stirbt, ist länger tot“ war es die früh verstorbene Mutter, die einen Jungen belastete, im „Räuber Kneissl“ der ungerechte Tod des Vaters und die Trennung von der Mutter, hier ist es der Vater, der fehlt. Allein mit seiner Mutter wächst Alexander in schlichten Verhältnissen auf und sucht nach Orientierung. Seine Unsicherheit lässt ihn in ein Geflecht aus Halbwahrheiten und Lügen fallen, aus dem er nur schwer wieder herausfindet. Das endet zwar in einer recht deutlichen erzieherischen Botschaft, die aber den freigeistigen Gesamteindruck des Films nicht allzu sehr untergräbt. Und der überzeugt durch liebevolle Ausstattung, viel Witz und durchweg überzeugende Kinderdarsteller. Die hatten bei den Dreharbeiten ganz offensichtlich viel Spaß, der sich ungebrochen auf den Zuschauer überträgt.

 

Michael Meyns

1931 in einem Dorf in Oberbayern. In Alexanders Klasse wird ein Malwettbewerb mit dem Thema „Der Beruf meines Vaters“ ausgeschrieben. Alexander würde ihn gerne gewinnen, denn er möchte damit Lotte imponieren. Vielleicht wäre das mit der schönen „Perlmutterfarbe“ möglich, die Alexanders Klassenkamerad Maulwurf angeblich erfunden hat – in Wirklichkeit kam sie jedoch nur durch Zufall in Maulwurfs Hände. 

Als das Fläschchen mit der Farbe in Alexanders Schulranzen rollt, denkt der gar nicht daran, das zu verraten. Allerdings gerät er dadurch auch in Gewissensnot, denn nun wird der Dieb der Farbe gesucht. Daraus entspinnt sich unter der Führung des unliebsamen Klassenkameraden Gruber zwischen der Gruppe A und der Gruppe B, letztere eine Parallelklasse, also zwischen den „Alern“ und den „Blern“ viel Misstrauen, Eifersucht, Streit, ja sogar Grausamkeit.

Wohl ist Alexander nicht mehr, denn auch die Zeichnung, mit der er den Wettbewerb gewinnt, hat er zum Teil aus einem alten Buch abgekupfert. Bei der feierlichen Preisverleihung durch den Schuldirektor, ringt er sich dazu durch, die Wahrheit zu sagen, Maulwurf den Preis zu überlassen, Lotte ein Liebesgeständnis zu machen und im gewissen Sinne auch um Verzeihung zu bitten.

Es geht, auf dem gleichnamigen Roman von Anna Maria Jokl basierend, in dramaturgisch sowie vom Bild her passabler Form um Freundschaft und Streit, Lüge und Wahrheit, Eitelkeit und Überwindung, Kindsein und Erwachsenwerden – und dies in einem Landkindermilieu, das gut getroffen ist. Die Buben – darunter der junge Markus Krojer, der in „Wer früher stirbt, ist länger tot“ so köstlich spielte – machen ihre Sache gut, das Mädchen, das die Lotte spielt, Zoë Mannhardt, bekannt aus „Hände weg von Mississippi“ ebenso.

Marcus H. Rosenmüller dreht mit Schnelligkeit einen Film nach dem anderen. Das kann, was in Bezug auf das Sich-Einlassen auf das Thema sowie auf die Machart die nötige Sorgfalt betrifft, nicht ganz ohne Folgen bleiben! Ob „Die Perlmutterfarbe“ die publikumswirksame Durchschlagskraft von „Wer früher stirbt, ist länger tot“ erreichen wird, bleibt also abzuwarten.

Ein Film für ein vor allem jugendliches Publikum.

Thomas Engel