fremde Sohn, Der

Vom Missbrauch staatlicher Macht, von Korruption und Willkür erzählt Clint Eastwood in seiner aktuellen Regiearbeit „Der fremde Sohn“, basierend auf einem wahren Fall aus den 20er Jahren. Angelina Jolie spielt darin eine alleinerziehende Mutter, der nach dem Verschwinden ihres Sohnes von der Polizei ein fremdes Kind zurückgebracht wird. Das nimmt sie aber so nicht hin – mit weitreichenden Konsequenzen. Durch Eastwoods solide Inszenierung, die bis ins Detail stimmige Ausstattung und die kraftvolle Performance der Hauptdarstellerin wird „Der fremde Sohn“ dabei gleichermaßen zum sehenswerten Drama, spannenden Krimi und einem Gesellschaftsbild, in dem man Parallelen zur Gegenwart finden kann.

Webseite: www.changeling-film.de

CHANGELING
USA 2008
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: J. Michael Straczynski
Darsteller: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan
Länge: 141 Minuten
Verleih: Universal Pictures International
Kinostart: 22. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wenn US-amerikanische Polizisten im Einsatz über Straftaten sprechen, verwenden sie dafür  meist Codes. Auch in den 20er Jahren war das bereits so. Christine Collins etwa, eine Telefonistin und alleinerziehende Mutter eines Sohnes, war damals ein sogenannter Code 12 – eine angeblich aufmüpfige und hysterische Frau mit Wahnvorstellungen, die auf polizeiliche Anordnung in der Psychiatrie landete. Die Hintergründe dieses Falls waren allerdings weitreichend: Es ging um Kindesentführung, einen Serienkindermörder und die Aushebelung eines korrupten Polizeireviers. Vor einigen Jahren fiel Collins’ Akte zufällig dem Drehbuchautoren J. Michael Straczynski in die Hände, der daraus ein Filmskript verfasste. Das kursierte später eine Weile in Hollywood, bevor es schließlich bei Clint Eastwood landete, der nicht lange zögerte und „Der fremde Sohn“ inszenieren wollte.

Angelina Jolie verkörpert in dieser aufwändig ausgestatteten Hollywood-Produktion nun die Mutter, der nach dem Verschwinden ihres Sohnes ein fremdes Kind zurückgebracht wird. Doch sie will das nicht hinnehmen, sich nichts einreden lassen und wehrt sich – weshalb sie zunächst ohne Aussicht auf Entlassung in der Psychiatrie landet. Unterstützung bekommt sie nur von dem engagierten Pfarrer Briegleb (John Malkovich), der sich von der Polizei nicht einschüchtern lässt. 

„Der fremde Sohn“ wechselt dabei wiederholt seine Richtung und streift verschiedene Genres. Er startet mit einem Hauch von Mystery-Krimi mit der Übergabe des falschen Sohnes, wird dann zum Psychiatrie-Drama und hat einige Serien-Killer-Thriller-Momente, bevor letztlich wie in einem Gerichtsfilm für Gerechtigkeit gesorgt wird. Das Böse gibt es hier nicht nur in der Verkörperung des Kindermörders. Der bedrohliche Hauptgegner für Collins ist die Polizei von Los Angeles. Wer in diesem Geflecht zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, ist stets eindeutig; Grauzonen bleiben da kaum. 

Auch für Jolie, die von Anfang an erschreckend abgemagert auftritt, bleiben da zwar wenig Möglichkeiten für darstellerische Zwischentöne. Ihre Performance ist aber äußerst kraftvoll: Sie heult, schreit und kämpft voller Wut und Unbeirrbarkeit, wie man es ähnlich vor kurzem auch in Michael Winterbottoms „A Mighty Heart“ sehen konnte. An seine großen Altersmeisterwerke wie „Million Dollar Baby“ kann Eastwood damit zwar nicht anknüpfen. Unter seiner soliden Inszenierung ist „Der fremde Sohn“ aber dennoch ein sehenswertes bis in die 20er-Jahre-Details stimmig ausgestattetes Drama um den Kampf für Gerechtigkeit einer einzelnen Frau, sowie ein Film um den Missbrauch staatlicher Macht und die Demontage von Bürgerrechten.

Sascha Rettig

Clint Eastwood ist noch immer der unangefochtene Meister des modernen Erzählkinos. Sein neuer Film handelt vor einer Kindesentführung zu Ende der 1930er Jahre, als sich eine entkräftete Mutter auf den erbitterten Kampf mit der korrupten Polizei von Los Angeles einlässt. 

Filme des mittlerweile 78-jährige Clint Eastwood Regie sind nicht nur kinematographische Lehrstunden, sondern stets auch moralische Diskurse über menschliche Makel, Schuld und Sühne voller Authentizität. „Der fremde Sohn“ basiert auf der wahren Geschichte von Christine Collins (Angelina Jolie), deren Sohn vor 60 Jahren in Wineville entführt wurde, einem Vorort von Los Angeles. Kurios: Belastet durch die Vorkommnisse, die nationales Aufsehen erregten, wurde die Kleinstadt 1930 in Mira Loma umbenannt. 

Als die Polizei 1928 fünf Monate nach der Entführung einen Jungen auf der anderen Seite Amerikas findet, auf den die Beschreibung zutrifft, wird die Suche beendet und der Fall geschlossen. Das Los Angeles Police Department braucht dringend gute Nachrichten und echte Erfolge seitdem Korruptionsvorwürfe den makellosen Ruf gefährden. Der Haken: Der gefundene Junge und die verzweifelte Mutter haben sich noch nie gesehen, was die Behörden – und zur Überraschung auch der kleine Blondschopf – komplett ignorieren. Einzig Pastor Gustav Briegleb (John Malkovich), der in Predigten und Radiosendungen gegen die Polizeiwillkür wettert, kommt Christine Collins zur Hilfe. 

War Eastwoods Doppelprojekt „Flags Of Our Fathers“/ „Letters From Iwo Jima“ noch vorwiegend opulentes Protzkino, konzentriert er diesmal seine Talente auf eine atmosphärisch ungemein dichte und spannende Krimigeschichte, die (wieder einmal) zur stilistischen Meisterleistung wird. Sein Film ist Drama, Thriller, Geschichtskino, Polit-Pamphlet und das Psychogramm zugleich. Jede Einstellung wirkt brillant in ihrer Wahrhaftigkeit und millimetergenau komponiert, jede Darstellerleistung berührend und ist verstörend zugleich gespielt. Man kann vor Clint Eastwood nur ehrfürchtig behaupten, dass sein Erzählstil Kino in seiner reinsten und professionellsten Form ist. 

Dazu hat er mit Angelina Jolie eine Hauptdarstellerin, die man zuallererst für ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit und nicht ihren privaten Fortpflanzungsdrang bewundern sollte, auch wenn die Inszenierung ihrerseits als Übermutter im Boulevard schlussendlich ihrer Rolle noch mehr Glaubhaftigkeit verleiht, ob man es sich eingestehen will oder nicht. Einziger Wehrmutstropfen in diesem packenden Mutter-Sohn-Drama bleibt die viel zu kleine Rolle von John Malkovich als aufklärerischer Pfarrer – sie gibt dem Film einen etwas schalen Beigeschmack an der verstaubten Dringlichkeit christlicher Gerechtigkeitssuche. Da die Kirche aber ebenfalls stets seit jeher menschliche Makel korrigieren will und die immer wiederkehrende Geschichte von Schuld und Sühne predigt, passt sie als Institution wiederum ganz gut zum Menschenfreund Clint Eastwood.

David Siems

Los Angeles 1928. Christine Collins’ Mann ist weg, aber mit ihrem etwa 12jährigen Sohn Walter lebt sie einigermaßen glücklich. Sie arbeitet in einer Telefonzentrale. Eines Tages muss sie vertretungsweise fort zur Arbeit – und als sie zurückkehrt, ist Walter verschwunden.

14 Tage später, nichts. Wochen, Monate später, nichts. Sie ist verzweifelt, widmet sich fast nur noch der Suche nach ihrem Kind. Mit der Polizei von Los Angeles steht es zu dieser Zeit nicht zum Besten. Sowohl der Polizeichef James E. Davis als auch Captain J.J. Jones, der mit der Collins-Sache betraut ist, sind korrupt, egomanisch, herrschsüchtig und nur darauf aus, einen Erfolg zu präsentieren.

Letzteres tun sie denn auch bald. Sie bringen Christine ein Kind. Doch es ist nicht Walter, sondern ein fremder Junge. Ganz natürlich, dass Christine sich mit Händen und Füßen wehrt. Doch sie wird von der Polizei gezwungen, das Kind als Walter zu betrachten und zu behalten.

Das kann nicht lange gut gehen. Die Frau hat Mut, wehrt sich, legt sich mit den Beamten an, macht auf deren Versäumnisse, Verzögerungen und Erfolglosigkeit aufmerksam – und auch auf deren korruptes Verhalten.

Das Resultat: Christine Collins wird ganz einfach ins Irrenhaus gesteckt und besonders vom zuständigen Polizeiarzt seelisch misshandelt. Unterstützt wird sie nur von dem engagierten Pfarrer Briegleb, der auch die Öffentlichkeit mobilisiert.

Dann wird endlich die Realität offenbar. Ein Massenmörder hat an die 20 Kinder gefangen und ermordet. Walter konnte zwar einmal aus seinen Händen fliehen, aber ob er sich retten konnte, war nie mehr zu erfahren.

Gerichtsverhandlung: Der Mörder wird abgeurteilt und nach zwei Monaten gehenkt. Untersuchungsausschuss: Polizeichef Davis und Captain Jones werden suspendiert.

Christine suchte und hoffte weiter. Vergeblich. 

Stilistisch hat Regisseur Clint Eastwood die um Christines Kampf und um des Mörders Untaten kreisenden Handlungsstränge souverän gestaltet und dabei das Milieu so nüchtern gehalten wie einen Polizeibericht. Formal erstaunlich, wie realistisch in diesem Krimidrama die Zeit um 1930 nachgestaltet wurde.

Angelina Jolie spielt überzeugend die Christine Collins, wie sie in der psychiatrischen Klinik leidet und wie sie in der Öffentlichkeit kämpft. Der Film beruht auf ihrer wahren Geschichte. Schauspielerisch ebenbürtig zur Seite – wenn auch in einer kleinen Rolle – steht ihr John Malkovich. 

Das Wichtigste aber: Eine mutige Frau kann ein korruptes Behördensystem zum Einsturz bringen. So geschehen durch Christine Collins im Los Angeles des Jahres 1930.

Thomas Engel