Five Minutes of Heaven

Mit „Das Experiment” hat Oliver Hirschbiegel sein gutes Händchen für Hochspannung der psychologischen Art bewiesen. Mit „Der Untergang“ hat er sich als Oscar-Kandidat empfohlen. Nun präsentiert er eine neue Versuchsanordnung, die gleichfalls für hochkarätigen Nervenkitzel sorgt. Ein nordirischer Killer trifft 30 Jahre nach der Tat vor laufender TV-Kamera auf den Bruder seines Opfers, der einst Rache geschworen hat. Der Mörder ist längst geläutert und will die Gelegenheit nutzen, vor politischem Fanatismus zu warnen. Doch sein Gegenüber kommt mit einer Waffe zu dem Treffen. Noch so eine Vergangenheitsbewältigung zum Nordirland-Konflikt? Nur auf den ersten Blick, vor der Kulisse des Bürgerkriegs geht es um ein ganz universelles Thema: Vergeltung und Verzeihen. Statt auf die übliche Selbstjustiz-Mechanik setzt Hirschbiegel auf psychologische Präzision. Und inszeniert einen Thriller, der grandiose Spannung bietet – nicht zuletzt dank den großartigen Gegenspielern Liam Neeson und James Nesbitt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Großbritannien 2009
Regie: Oliver Hirschbiegel
Darsteller: Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marcina, Mark Davison, Gerry Doherty
Laufzeit: 90 Minuten
Verleih: Koch Media / Neue Visionen
Kinostart: 17.6.2010
 

PRESSESTIMMEN:

…ein packendes Drama um Mord, Rache und Vergebung.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Das Drama beginnt mit der Tat: Im Nordirland der 70er Jahre herrscht Bürgerkrieg, dem am Ende weit über 3.000 Menschen zum Opfer fallen werden: Englischstämmig Protestanten kämpfen gegen die irisch-nationalen Katholiken. Der junge Protestant Alistair hofft auf ein bisschen Anerkennung bei seinen Kumpels, wenn er einen Katholiken tötet. So akribisch wie aufregend schildert der Thriller die Vorbereitung des Verbrechens: Während auf der einen Seite Jugendliche das Tatfahrzeug stehlen, Militärpatrouillen umgehen und die Waffe vorbereiten, genießt das ahnungslose Opfer seinen Feierabend im Elternhaus. Bald sitzt der 19jährige Jim alleine vor dem Fernseher, nur sein kleiner Bruder Joe versucht vor dem Haus einen neuen Ball-gegen-die-Wand-Rekord. Als der maskierte Alistair mit seinen Komplizen vorfährt, ist der kleine Junge hinter einem Fahrzeug versteckt – allerdings nicht sehr lange…

Mehr als ein Vierteljahrhundert später: Der Mörder ist nach zwölfjähriger Haftstrafe zu einem anderen Menschen geworden und längst als überzeugter Pazifist unterwegs. Joe hat eine Familie gegründet, führt ein ganz normales Leben – doch die Tat hat er nie verziehen. Als ein TV-Sender die beiden vor laufender Kamera zusammenbringen will, sagen beide zu. Alister möchte den öffentlichen Auftritt, um vor politischem Fanatismus zu warnen. Joe will endlich sein Racheversprechen einlösen und macht sich mit einem durchgeladenen Revolver auf den Weg. In einer packenden Parallelmontage begleitet der Film die beiden auf ihrer Fahrt zu dem Treffen und lässt den Zuschauer an ihren Gedanken teilhaben.

Im Unterschied zu den üblichen Rächerfilmen verzichtet Regisseur Hirschbiegel auf die gängige „Mann sieht rot“-Selbstjustiz-Mechanik, sondern setzt auf ein fein austariertes Psychogramm der beiden Kontrahenten. Eindrucksvoll erklärt der längst reuige Alistar, wie es zu der Tat gekommen ist, erzählt vom mangelnden Selbstbewusstsein als Teenager und der gefährlichen Gruppendynamik im politisch aufgeheizten Umfeld. Ähnlich plausibel wird das Trauma von Joe samt seiner Rachepläne präsentiert. Beide sind gleichermaßen gut und böse, für beide wird Verständnis geweckt. Dass diese psychologische Rechnung aufgeht, liegt an den überzeugenden Akteuren Liam Neeson und James Nesbitt, die mit minimalem Einsatz maximale Wirkung erreichen. Trotz reichlich Dialogen verkommt das Schuld und Sühne-Drama nicht zum Kammerspiel, sondern gerät zum enorm spannenden Thriller, dem zu keiner Minute die dramaturgische Luft ausgeht. Hirschbiegel setzt gekonnt auf suspense und bekam für seine clevere Inszenierung nicht umsonst den Regiepreis beim renommierten Festival von Sundance. Seinen grässlichen Nicole Kidman-Flop „Invasion“ hat Hirschbiegel damit mehr als ausgebügelt – auf sein geplantes Mafia-Projekt „Engelsgesicht“ darf man gespannt sein. 

Dieter Oßwald

Nordirland, Mitte der 70er Jahre. Die Gegnerschaft zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Iren und Engländern ist mörderisch. Immer wieder Anschläge, immer wieder Tote. Nicht nur die IRA (Irish Republican Army) ist aktiv, sondern auch die – im Wesentlichen protestantische – nordenglisch-britische UVF (Ulster Volunteer Force). Alistair Little, 17jähriger Chef einer UVF-Zelle, will eine „Heldentat“ vollbringen. Er tötet den Katholiken Jim Griffin. Jims kleiner Bruder Joe wird Zeuge der Tat. (Deshalb wird ihm später angelastet, den Mord nicht verhindert zu haben.)

Jims Familie zerbricht an der Untat. Alistair muss für zwölf Jahre ins Gefängnis.

Gut 30 Jahre später. Ein TV-Sender will eine Versöhnungsbegegnung zwischen Joe Griffin und Alistair Little arrangieren. Little, der bereut und sich aus Gewissensnot sozial einsetzt, ist bereit, um Verzeihung zu bitten. Griffin kommt zu dem Treffen mit einer Waffe und will Alistair aus Rache töten. Im letzten Augenblick jedoch verlassen ihn die Nerven.

(Der Film beruht auf echten Gesprächen des Drehbuchautors Guy Hibbert mit Little und Griffin. In der Wirklichkeit sind sich die beiden nicht begegnet.)

Little sucht später Griffin, der Frau und Kinder hat, an dessen Wohnort privat auf. Es kommt zum Kampf zwischen den Männern, aber schließlich auch zum Frieden.

Es gibt Kritiker, die sagen, man könne das (damalige) tragische Nordirland-Geschehen nicht auf zwei Personen reduzieren. Doch das stimmt nicht. Einen Konflikt am Beispiel zweier Menschen deutlich zu machen ist oft besser als ihn zu verallgemeinern. Vor allem wenn er von zwei Spitzendarstellern so intensiv gezeigt wird wie hier.

Die ganze Breite des Dramas wird sichtbar: Mord, Sühne, Rache, unvermeidlicher Kompromiss.

Ein fiktives Spiel. Nicht in jeder Phase dramaturgisch gleich stark!

Doch auch deshalb sehenswert, weil Liam Neeson (Alistair) und James Nesbitt (Joe) ihre Rollen großartig interpretieren. Man wird als Zuschauer gepackt und nicht mehr so schnell losgelassen – auch wenn einem der Nordirland-Konflikt relativ fremd ist. Die in Ulster Betroffenen müssen das noch mehr spüren.

Auf dem Sundance-Festival 2009 gab es denn auch Preise: einen für die Regie von Oliver Hirschbiegel und einen für das Szenario von Guy Hibbert.

Thomas Engel