Flags of our Fathers

Dass Hissen der Flagge auf Iwo Jima, eines der ikonographischsten Bilder amerikanischer Geschichte steht im Mittelpunkt von Clint Eastwoods neuem Film. Weniger Kriegsfilm a la Saving Private Ryan, als melancholische Studie über Manipulation der Medien und ungewollte Heldenrollen, ist Flags of our Fathers ein weiterer exzellenter Zuwachs zu Eastwoods ohnehin schon außerordentlichem Ouvre.

Webseite: www.warnerbros.de

USA 2006
Regie: Clint Eastwood
Buch: William Broyles, Jr. und Paul Haggis
Musik: Clint Eastwood
Darsteller: Ryan Phillippe, Jesse Bradford, Adam Beach, John Benjamin Hickey, John Slattery, Barry Pepper, Jamie Bell
131 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope), frei ab 12 J.
Kinostart: 28. Dezember 2006
Verleih: Warner Bros.

PRESSESTIMMEN:

Ist ‚Flags of our Fathers’ eher großes Hollywood-Epos, das mit raffiniert gesetzter Ironie von der Würdelosigkeit des Ruhms erzählt, so hat der alte Meister Eastwood mit ‚Iwo Jima’ icht weniger als ein Meisterwerk gechaffen, voller Weisheit und Zärtlichkeit.
Der Stern

Die Geschichte hinter dem Heldenfoto: Clint Eastwood erzählt von drei amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg zu Futter für die Propagandamaschine wurden. – Sehenswert!
tip Berlin

Ein Film über die Vermarktung eines Krieges und über die Unmöglichkeit, ein Held zu sein.
KulturSpiegel

FILMKRITIK:

Am 26. Februar 1945 war die Schlacht um die kleine japanische Pazifikinsel Iwo Jima in vollem Gange. Die Bedeutung Iwo Jimas lag weniger im militärischen, als im symbolischen, denn sie war das erste Stück Japans, dass die alliierten Truppen zu erobern suchten.

Dementsprechend umkämpft und grausam liefen die Kämpfe ab, die zehntausenden Soldaten das Leben kosteten. Am Morgen des 26. hatten die Amerikaner den ersten Schritt zur Eroberung getan, ein erster Kamm war erobert und um die Moral der Truppe zu stärken wurde befohlen, eine weithin sichtbare Flagge zu hissen.

Aus diesem Moment heraus entstand eine der berühmtesten Fotographien der Geschichte, die sich binnen Stunden in ganz Amerika verbreitete und zum Symbol des Durchhaltens wurde.

Doch in gewisser Hinsicht war dieses Foto nicht „echt“ und genau darum geht es in Eastwoods Film. Szenen der Kämpfe um Iwo Jima nehmen nur einen Bruchteil des über zweistündigen Films ein, sie sind selten mehr als kurze Momente der Erinnerung, von denen drei Soldaten ergriffen werden. Diese drei Soldaten – die beiden Marine-Infanteristen Rene Gagnon (Jesse Bradford) und der Indianer Ira Hayes (Adam Beach), sowei der Sanitäter John Bradley (Ryan Phillippe), Vater des Autors der Vorlage – sind die einzigen Überlebenden der sechs Soldaten, die die Flagge hissten. Sie wurden von der Informationsabteilung der Armee nach Hause geschickt, um die patriotische Stimmung zu schüren und vor allem dringend benötigte Kriegsanleihen zu verkaufen, ohne die dem Staat bald das Geld zur Kriegsführung ausgegangen wäre. Äußerst widerwillig beginnen die drei mit ihrer Aufgabe, die Rolle der Helden behagt ihnen nicht, zumal sie wissen, was in Iwo Jima wirklich passiert ist, wie viele ihrer Kameraden nach der Aufnahme des Fotos gefallen sind.

Doch dieses bescheidene Verhalten wird von Eastwood nicht zum eigentlichen Heroismus stilisiert. Stattdessen beschreibt er in seiner lose konstruierten Erzählung, wie ein aus dem Kontext gerissenes Ereignis in der Heimat zu etwas konstruiert wird, was es für die beteiligten Soldaten gar nicht war. Die Diskrepanz zwischen der Realität des Krieges und der Sicht der Öffentlichkeit, die von den Grauen, der Brutalität möglichst nichts wissen möchte und sich lieber an konstruierte Heldenfiguren anlehnt macht die Spannung des Films aus.

In gewisser Hinsicht folgt Eastwood damit dem emblematischen Satz von John Fords Western-Klassiker Der Mann, der Liberty Valance erschoss: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Hier wie da geht es um die Manipulation von historischen Ereignissen, die zwar in diesem Fall mit besten Absichten passierte, aber drei Soldaten zu Marionetten in einem Spiel machten, das ihnen nicht behagte. Besonders das Schicksal des Indianers Ira Hayes zeigt den Widerspruch zwischen dem Nutzen für die Militärführung einerseits und den alltäglichen Diskriminierungen andererseits, denen sich Hayes gegenübersieht.

Wie so oft schafft es Eastwood auch mit Flags of our Fathers, eine enorm traurige, melancholische Stimmung zu erzeugen. Obwohl er mit einem Aufwand an Material und Schauspielern arbeitete wie noch nie in seiner Karriere, sind es immer die Menschen und ihre Emotionen, die im Mittelpunkt stehen. Auf überwältigende und per se heroische Kampfszenen wird ebenso verzichtet wie auf all zu pathetische und oberflächliche Gefühlsausbrüche.

Manchmal, gerade zum Ende, hätte man sich vielleicht gewünscht, dass der Voice Over- Kommentar, mit dem die komplexe Narration zusammengehalten wird, sich in der Interpretation des Gezeigten etwas zurückgehalten hätte. Doch das ist ein kaum ins Gewicht fallender Makel eines in jeder Hinsicht außerordentlichen Films, der auf völlig andere Weise, als man es vom Mainstream-Kino gewohnt ist, den Verlust, der Krieg den Menschen auflädt, thematisiert.

 

Michael Meyns