fliegende Haendler

Fahrende Lebensmittelhändler sind hierzulande eine bereits ausgestorbene Spezies – in Frankreich oder auch einzelnen Regionen der Schweiz oder Italiens, wo das Netz von Discountern und Supermärkten noch Lücken aufweist, aber durchaus noch anzutreffen. Verpackt in eine leichte und erfrischende Sommerkomödie erzählt „Der fliegende Händler“ von Eric Guirado von der Entscheidung eines jungen Franzosen, den elterlichen Tante-Emma-Laden auf Rädern fortzuführen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Le fils de l’epicier
Frankreich 2007
Regie: Eric Guirado
Mit: Nicolas Cazalé, Clotilde Hesme, Daniel Duval, Jeanne Goupil, Stéphane Guérin Tillié, Liliane Rovère, Paul Crauchet, Chad Chenouga, Benoît Giros, Ludmila Ruoso
96 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 24.4.2008

PRESSESTIMMEN:

Einer der schönsten französischen Filme, die in der letzten Zeit in die deutschen Kinos gekommen sind.
Filmecho

FILMKRITIK:

Eigentlich hatte er der Provinz ja abgeschworen. Doch nun, wo Freundin Claire zur Prüfungsvorbereitung Ruhe braucht, der Vater im Krankenhaus liegt und niemand dessen Lebensmittelmobil zu den Kunden in entlegene Dörfer lenkt, gibt sich der 30-jährige Antoine (Nicolas Cazalé) – obwohl er zunächst gar keine Lust danach verspürt – einen Ruck, kehrt in sein Heimatdorf zurück und setzt sich ans Steuer des väterlichen Lieferwagens. Insgeheim ist er seinem Traum vom eigenen Supermarkt damit näher als er bereits ahnt. 

Der Anblick einer noch ursprünglichen hügeligen südfranzösischen Landschaft, die Fahrt über einsame schmale Bergstraßen, der Verkaufsstopp in verlassenen, in ihrer Idylle aber unübertroffenen Dörfern rufen unweigerlich gewisse Urlaubsgefühle wach. Trotzdem beschönigt Regisseur Eric Guirado dieses Landleben nicht, sondern thematisiert das Thema Landflucht ebenso wie er von den Veränderungen spricht, die sich durch den Wandel der Zeit und ergeben. Insbesondere mit seinem Blick auf seine eigenwilligen ländlichen Charakterköpfe – ob unter den oft bereits sehr senilen Kunden oder in der zersplitterten Familie des Kolonialwarenhändlers – gelingt es der Komödie, einen ehrlichen, vor allem aber treffenden Blick auf das Leben im provinziellen Frankreich zu werfen.

In der Figur Antoines reibt sich diese Welt zwischen Gestern und Morgen. Seine in jugendlicher Unbeschwertheit auftretende Freundin Claire (Clotilde Hesme) und die resolute Kundin und Außenseiterin Lucienne (Liliane Rovère) zwingen den jungen Mann wiederholt dazu, seine Position hinsichtlich Verantwortung und Pflicht zu überdenken – und helfen ihm letztendlich, hinsichtlich seiner Rolle als Mitglied der Gesellschaft wie der gegenüber seiner Familie plötzlich klarer zu sehen. „Der fliegende Händler“ transportiert dabei sehr schön das Gefühl des Laissez-faire ebenso wie des Savoir vivre und steuert ohne nennenswerte Überraschungen auf ein glückliches Ende zu. Manchem mag dies als zu brav und konventionell erscheinen, doch entspricht die dramaturgische Marschrichtung durchaus der Idee, die schönen Seiten des ländlichen Lebens vor die damit verbundenen Schwierigkeiten zu stellen.

Nicolas Cazalé, bekannt als Sohn eines nach Paris emigrierten islamischen Mekkapilgers in Ismael Ferroukhis „Die große Reise“, spielt den Sohn des Lebensmittelhändlers dabei mit genau der richtigen Dosierung aus Frust und Lust, die einem nach einem Lebensziel suchenden jungen Menschen gut zu Gesicht steht. Erst die etwas spleenige, ihrerseits die Natur entdeckende Freundin lockt ihn aus der Reserve. Ähnlich jenen zuletzt gesehenen französischen Komödien wie „Mein schöner Mann“, „Malen oder lieben“ oder „Dialog mit meinem Gärtner“ reiht sich „Der fliegende Händler“ wunderbar in den Reigen leicht beschwingter, sehr menschlicher Sommerkomödien ein. Bei den Französischen Filmtagen Tübingen 2007 wurde die hintergründige Geschichte mit dem Verleihförderpreis von MFG Filmförderung und Unifrance ausgezeichnet.

Thomas Volkmann

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Antoines Eltern führen einen Tante-Emma- und Gemüseladen in der tiefsten südfranzösischen Provinz. Er allerdings hat das Elternhaus schon vor zehn Jahren verlassen, weil die Atmosphäre nicht gerade die beste war. 

Jetzt erleidet der Vater einen Herzanfall. Antoine überwindet sich, kehrt zurück, um seiner Mutter zu helfen. Claire kommt mit, seine strebsame Nachbarin, die später in Spanien höher hinaus will und sich auf dem Land auf Prüfungen vorbereiten kann. Antoine ist heimlich verliebt in Claire. Die jedoch wurde jung geschieden und hat andere Interessen.

Im Heimatort lebt noch Antoines Bruder Francois. Er ist mit Sophie verheiratet, doch die Ehe geht kaputt. Auch das Verhältnis zwischen Francois und Antoine ist alles andere als herzlich.

Mit dem Lieferwagen klappert Antoine nun Tag für Tag die Dörfer und einsam gelegenen Häuser in der Umgebung ab. Besonders einträglich läuft das Verkaufsgeschäft nicht, und auch Antoine ist lange alles andere als gut drauf.

Doch allmählich wandelt er sich. Das eingefahrene Leben, die tägliche Aufgabe, die wunderbare Landschaft, die kauzigen Typen, die bei ihm kaufen, das Umsorgtsein durch die Mutter, die positive Veränderung, die schließlich auch im Vater vor sich geht – das alles macht ihn ruhiger, überlegter, kooperativer. Und auch von Seiten Claires gibt es einen Lichtblick.

Ein kontemplativer Film, in dem nach außen nicht viel, nach innen aber bei allen eine ganze Menge passiert. Das Wesen, die Charaktere, das Verhalten und die Reaktionen dieses halben Dutzend Menschen werden mit einer Natürlichkeit und einer Echtheit anschaulich gemacht, die frappieren. Ihre Persönlichkeitsentwicklung ist voll und ganz plausibel. 

Dazwischen gibt es immer wieder Pausen mit schönen Landschaftsaufnahmen. Die Regiearbeit wirkt unauffällig, ist aber makellos. Gespielt wird ebenfalls gut, wenngleich man sich vom Hauptdarsteller Nicolas Cazalé (Antoine) manchmal mehr Ausdruck und weniger Eindimensionalität gewünscht hätte.

Thomas Engel