Outsourced

Mit wiederholt eingeheimsten Publikumspreisen auf kleineren Festivals hat John Jeffcoats 2006 entstandenes Spielfilmdebüt auf sich aufmerksam gemacht. Die vor dem Hintergrund von Arbeitsplatzverlagerungen in Billiglohnländer spielende Culture-Clash-Komödie gefällt, weil sie das bekannte Problem als gegeben akzeptiert, sich stattdessen aber auf die Konflikte, die sich durch das Aufeinanderprallen gegensätzlicher kultureller Welten ergeben, konzentriert. „Outsourced“ wirkt daher wie ein sympathischer Indien-Crash-Kurs.

Webseite: www.outsourced-der-film.de

USA 2006
Regie: John Jeffcoat
Darsteller: Josh Hamilton, Ayesha Dharker, Larry Pine, Asif Basra, Matt Smith, Sudha Shivpuri
102 Minuten
Verleih: Tele München Gruppe/Concorde Home Entertainment in Zusammenarbeit mit Academy Filmdistribution, Vertrieb: Fox
Kinostart: 10.4.08

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Künftig acht Inder zum Preis von einer US-amerikanischen Arbeitskraft beschäftigen zu können, das ist für Call-Center-Chef Dave (Matt Smith) Grund genug, die Auftragsannahme für den Vertrieb überflüssigen patriotischen Nippes von Seattle nach Indien zu verlagern. Centerleiter Todd Anderson (Josh Hamilton), der bei einer sofortigen Kündigung sämtliche Aktienoptionen verlieren würde, bleibt nichts anderes übrig, als die neue Mannschaft um den indischen Center-Manager Puro (Asif Basra) in Indien zu schulen. Dabei ist Anderson einer jener naiven Amerikaner, für die Indien ein Buch mit sieben Siegeln ist. Klar also, dass er dort von einem kulturellen Fettnäpfchen ins nächste tapst.

 

Verständlicherweise kommt auch „Outsourced“ nicht ohne die Abarbeitung der üblichen Klischees aus, mit denen ein in fremden Landen gestrandetes Greenhorn gemeinhin konfrontiert wird. John Jeffcoat und sein Drehbuchautor George Wing (u.a. „50 erste Dates“ für Peter Segal) aber arbeiten sich an den landestypischen Besonderheiten und wie ein unbedarfter Fremder sie in seiner unbeholfenen Art erst einmal erfahren muss auf eine erfrischend sympathische Weise und mit einem guten Gespür für Timing ab. Wenn Gags einmal nicht so funktionieren wie sie sollten, dann liegt das unter Umständen eher an der deutschen Synchronisation – was zum Beispiel schon beim Namen des Indienreisenden beginnt. „Sind Sie Mister Tod?“, heißt es da in der deutschen Übersetzung, während die englische Version auf „Mister Toad“ setzt, was Kröte meint und als (eigentlich ja gar nicht so gemeintes) Schimpfwort gemünzt deutlich besser funktioniert.

Die „Kröte“ aber muss mit Blick auf das Leben in Indien noch viel Lernen. So richtig klappt das allerdings erst, nachdem ein Landsmann Todd den Rat gibt, sich nicht gegen das, was Indien ausmacht, zu wehren. Das farbenfrohe Holi-Fest, der Besuch des Ghettos hinter der Mauer seiner Herberge, die Erlaubnis für die Mitarbeiter, sich den Arbeitsplatz mit persönlichen Gegenständen gemütlich zu machen und viele andere Alltagserfahrungen mehr unterstreichen die Wandlung Todds. Und so ist’s auch nur eine Frage der Zeit, bis er sich in die aufgeweckte Asha (Ayesha Dharker, bekannt aus „Star Wars II“ und „Der Terrorist“) verliebt und von ihr in die Geheimnisse des Kama Sutra eingeweiht wird. Die entsprechenden Übungen finden allerdings brav unter der Bettdecke statt.

Was an „Outsourced“ gefällt, ist der unverkrampfte und offene Umgang mit den landestypischen Gepflogenheiten. Deutlich wird dabei auch, dass Inder sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen, auch in einfachsten Lebensumständen positiv denken und dank ihrer Improvisationsgabe das Beste aus Pannen machen. Ein Amerikaner würde überall erst einmal ein Problem erkennen und resignieren oder gar kapitulieren. Dass „Outsourced“ über die Ursachen und Folgen der globalen Arbeitsplatzverlegungen nicht zu sehr in die Tiefe geht, lässt sich entschuldigen – ist dies doch nur der Aufhänger, nicht aber das Thema selbst. Trotzdem drückt sich auch „Outsourced“ nicht um ein Statement, demzufolge letztendlich die nach möglichst billigen Produkten gierenden Verbraucher und Konsumenten mit Schuld am aktuellen Karawanen-Kapitalismus tragen.

Was „Outsourcing“ aber vor allem ausmacht, sind seine sympathischen, humorvollen und grundehrlichen Figuren. Der unverrückbare Glaube der Inder an sich selbst ist es letztendlich, der auch Todd zu sich selbst finden und ihn an seinen Platz im Leben glauben lässt. Und auch wenn Asha am Ende einen anderen heiraten wird und Todd seinen liebgewordenen Mitarbeitern verkünden muss, dass bald 20 Chinesen den Job eines indischen Telefonisten verrichten werden, so ist der um einen flotten Soundtrack aufgepeppte „Outsourced“ dennoch nicht eines glücklichen Endes beraubt. Zum einen hält John Jeffcoat noch eine kleine Überraschung parat, zum anderen hat er seinem amerikanischen Protagonisten die Augen so weit geöffnet, dass den in der Zukunft wohl keine noch so alarmierende Nachricht mehr aus der Bahn werfen wird. Todd hat zu sich und einen Sinn fürs Leben gefunden. Was eine kleine Luftveränderung doch manchmal so mit sich bringt …

Thomas Volkmann

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Seattle, USA. Todd Anderson hat in einem Call-Center eine führende Stellung. Er lebt allein. Von seiner Freundin hat er sich getrennt. Da geschieht etwas, was jetzt immer häufiger vorkommt. Todds Chef verkündet, dass das Call-Center von Seattle nach Indien verlegt wird. Dieses „Outsourcing“ hat auf die Arbeitsplatzsituation im Ursprungsland eine verheerende Wirkung. Immer mehr verlieren ihren Job. Aber diese Entwicklung scheint im Zeitalter der Globalisierung nicht aufzuhalten zu sein. Ein Arbeitsplatz kostet in den USA (und auch in Europa) achtmal soviel wie in Indien.

Todd ist entsetzt, kann aber letzten Endes nichts machen, will nicht auch er seinen Job verlieren. Er setzt sich ab nach Indien, nach Gharapuri genauer gesagt. Der Kulturschock, der ihn trifft, ist total. Todd hat keinen Boden mehr unter den Füßen.

Die Menschen erscheinen freundlich, aber aufdringlich, das Essen ist darmschädigend, wegen des Zeitunterschiedes zu Amerika ist die Ruhe dahin, Menschengewimmel, Verkehr und Schmutz wachsen Todd über den Kopf, das örtliche Call-Center ist eine Bruchbude, mehr Baustelle als Arbeitsplatz, die so genannte MPA (Minuten pro Auftrag) liegt nicht bei 6, sondern bei 15 Minuten.

Todd lehrt seine Leute, sich besser zu organisieren. Aber, und das erscheint noch wichtiger, er lernt auch selbst eine Menge von den Indern: vor allem „indischer“ zu denken – mit allen Konsequenzen. 

Jetzt klappt es plötzlich: mit der Reduzierung der MPA, mit der freundschaftlichen Verständigung mit der Mannschaft, mit seinem willigen und sympathischen Assistenten Puro, mit der zierlichen schönen Asha, die zwar seit ihrem 4.Geburtstag verlobt ist, was aber dem intimen Kamasutra-Verhältnis zwischen ihr und Todd keinen Abbruch tut.

Ganz gut verbindet dieser Film die Idee der zwangsläufigen Anpassung an das Wesen und die Sitten fremder Länder, was gemeinhin unter dem Oberbegriff Kulturschock subsumiert wird, sowie des immer gravierender werdenden Problems der Abwanderung von Industrie und Gewerbe in Billiglohnländer mit einer originellen Grund-, Handlungs- und Milieuidee und manchen amüsanten Einfällen.

Eine gelungene, flott inszenierte, glänzend gespielte Sache. Kein Wunder, dass der Film schon zahlreiche Publikumspreise erhielt, u.a. in Los Angeles, Seattle und Stuttgart.

Thomas Engel