Fremde in mir, Das

Regisseurin Emily Atef porträtiert in ihrem zweiten Langfilm eine Frau, die nach der Geburt ihres Kindes an Depressionen leidet. Vermutet man hinter dem Thema ein Paradebeispiel für pessimistisches und leidendes deutsches Kino, überrascht der optimistische Unterton in der bewegenden Erzählung, in der Susanne Wolff als Hauptdarstellerin begeistert.

Webseite: www.ventura-film.de

Deutschland 2008
Regie: Emily Atef
Buch: Emily Atef und Esther Bernstorff
Darsteller: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Hans Diehl, Judith Engel, Herbert Fritsch, Klaus Pohl, Dörte Lyssewski, Brigitte Zeh, Tilla Kratochwill, Markus Lerch, Martina Troschke
Länge: 99 Minuten
Verleih: Ventura
Start: 16.10.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die so genannte Wochenbett-Phase, jene ersten Tage und Wochen nach der Geburt eines Kindes, ist eine Zeit, die allgemein hin gerne harmonisch verklärt wird. Weiß der Volksmund, dass eine Geburt nicht immer reibungslos abläuft, wird die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind in der Zeit danach oft noch als selbstverständlich und reibungslos angesehen. Abgesehen von zu wenig Schlaf und Grübeln beim Windeln anlegen, vermutet man doch bei einem gesunden Neugeborenen keine ernsthaften Turbulenzen. Was der Volksmund in der Regel nicht weiß: Jährlich erkranken 80.000 Mütter an einer postpartalen Depression, die unmittelbar nach der Geburt einsetzt. Ein Thema, das bislang noch fehlte im Kino und von der Regisseurin Emily Atef („Molly’s Way“) nun feinfühlig und gut beobachtet umgesetzt wird.

 

Die 35-jährige Franco-Iranerin, in Berlin geboren und Los Angeles aufgewachsen, erzählt die Geschichte eines deutschen Paares Anfang Dreißig. Julian (Johann von Bülow) steht erfolgreich im Berufsleben, seine Frau Rebecca (Susanne Wolff) besitzt einen kleinen Blumenladen. Ihr Glück wird scheinbar perfekt, als sie einen Sohn zur Welt bringt. Doch noch im Krankenhaus setzen die ersten melancholischen Momente bei Rebecca ein, die zunehmend enttäuscht ist, dass jene viel zitierten Glücksmomente bislang ausbleiben. Als sie in den darauffolgenden Wochen sich immer weiter emotional von Mann und Baby entfernt, wird ihr bewusst, dass ihre Passivität zu einer Gefahr für ihr Kind wird. 

Vermag das deutschsprachige Kinodrama in jüngerer Vergangenheit gerne den Finger in die Wunde zu legen (siehe „Das Herz ist ein dunkler Wald“ von Nicolette Krebitz oder Michael Hanekes Neuauflage seiner „Funny Games“) und sich den Ausweg aus ihren Konfliktsituationen verbietet, wählt „Das Fremde in mir“ einen optimistischere Variante, die trotzdem lebensnah erscheint. Die kranke Mutter begibt sich nach einem Suizidversuch in medizinische Hilfe, dennoch bleibt die Heilung komplex und problembeladen. Statt eines pathologischen Erklärungsversuchs der Depression, interessiert Emily Atef sich viel mehr für das Konfliktpotenzial zwischen den Figuren. Vor allem die Beziehung zwischen Rebecca und der Familie ihres Mannes offenbart ungeahnte Reibungsfläche, bei der Hans Diehl als sturer Stiefvater eine antagonistische Sonderrolle einnimmt, die nach und nach auf andere Familienmitglieder übergreift. Das Opfer ist hier nicht das Kind, sondern eindeutig die Mutter, die gegen emotionale Windmühlen ankämpft.   

Susanne Wolff (Mitglied im Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters) verkörpert dabei Schönheit und Leid auf so vortreffliche Weise, dass sie dieses Drama aufs Ganze ausfüllt. Ein intimes Porträt einer Frau, das man zu den Höhepunkten des diesjährigen deutschsprachigen Kinoherbsts zählen sollte.

David Siems

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Rebecca und Julian sind ein an die 30 Jahre altes Ehepaar, das dem ersten Kind entgegensieht. Die Erwartung ist groß, die Geburt läuft glatt ab.

Schon einmal etwas von postnataler Depression gehört? Genau die ist es, die bei Rebecca einsetzt. Statt der Freude über das neue Leben taucht ein traumatisches Gefühl auf. Rebecca empfindet das Neugeborene wie einen Fremdkörper sowohl physisch als auch seelisch.

Julian begreift nicht, was geschieht, weiß nicht mehr, wie er sich verhalten soll. Zwischen ihm und seiner Frau kommt es zwangsläufig zu einer Entfremdung.

Rebeccas Zustand wird kritisch. Sie ist bereits eine Gefahr für das Kind; ohne Hilfe geht das nicht mehr. Ihre Mutter ist es, die die Einweisung in ein Krankenhaus veranlasst. Julian versorgt zusammen mit seiner Schwester und seinem Vater den Nachwuchs.

Langsam beginnt es Rebecca besser zu gehen. Als sie, zurückgekehrt, einmal das Kind unangemeldet spazieren führt, alarmiert die Familie aus Sorge die Polizei. Also neue Dramatik. Doch von nun an scheint es wieder aufwärts zu gehen – auch mit Julian und Rebecca.

Die fast medizinisch genaue Beobachtung eines psychischen Krankheitsverlaufes mit seinen traurigen Folgen. Konzipiert und durchgeführt ist er filmisch sehr gut, rein unterhaltsam ist das Thema allerdings nicht, an Interesse daran sollte es nicht fehlen. Susanne Wolff spielt diese schwer angeschlagene Frau konsequent und glaubwürdig. In München erhielt sie den Schauspiel-Förderpreis der HypoVereinsbank. Und einen populären Preis gab es für „Das Fremde in mir“ unlängst auch auf dem Filmfest zu Oldenburg.

Ein wichtiger Aspekt dieses „Frauen“-Films ist nicht zu unterschätzen: Wer in eine vergleichbare Gefahr gerät wie Rebecca, sei informiert und gewarnt.

Thomas Engel