Pfad des Kriegers, Der

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begibt sich der Filmemacher Andreas Pichler auf die Spuren seines Schulfreundes Michael Nothdurfter, der eigentlich Ministrant werden wollte, schließlich aber als Terrorist in Bolivien starb. Wie es dazu kommen konnte schildert diese Dokumentation, die dabei ganz beiläufig Parallelen zu aktuellen Entwicklungen aufzeigt.

Webseite: www.filmtank.net

Regie: Andreas Pichler
Buch: Andreas Pichler
Kamera: Susanne Schüle
Schnitt: Marzia Mete
Musik: Paul Lemp
Dokumentation
Deutschland/ Schweiz/ Italien 2008, 91 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: filmtank
Kinostart: 11. Dezember

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am 5. Dezember 1990 wurde der aus Südtirol stammende Michael Nothdurfter in der bolivianischen Hauptstadt La Paz erschossen. Zu diesem Zeitpunkt war er als Comandante Miguel Anführer des „Kommando Nestor Paz Zamora“, die den bolivianischen Repräsentanten von Coca-Cola, Jorge Lonsdale, entführt hatten. Beim Befreiungsversuch wurden die Entführer und auch die Geisel von der Polizei erschossen, in einer für Lateinamerikanische Staaten nicht untypischen endgültigen Lösung einer Entführung. Zu diesem Zeitpunkt war Nothdurfter 28 Jahre alt und hatte sich weit von dem Menschen entfernt, der er in seiner Heimat war.

Wie Regisseur Andreas Pichler in seinem sehr persönlichen Film zeigt, wuchs Nothdurfter in einer streng katholischen Gemeinde mit vielen Geschwistern auf. Seine greise Mutter sieht ihren Sohn längst bei Gott, ihr Haus ist geprägt von Kruzifixen und Marienbildern, doch welchen Einfluss all das auf die Entwicklungen ihres Sohnes hatte, benennt der Film nicht, man kann es sich denken. In den späten 70er Jahren waren Pichler und Nothdurfter befreundet, waren zusammen bei den Pfadfindern, fuhren Ski und lernten Mädchen kennen. Eine ganz normale Jugend eigentlich, in der nichts auf den Weg hindeutete, den Nothdurfter gehen sollte. Zwar beschreibt ihn sein Bruder als abenteuerlustig und risikofreudig, den späteren Extremismus erklärt das sicherlich nicht. Pichler schildert den Freund als Produkt seiner Zeit, in der soziales Engagement, Protest gegen die Exzesse von Kapitalismus und den Machenschaften der amerikanischen Geheimdienste nicht nur zum guten Ton gehörten, sondern auch noch von der Radikalität der 70er Jahre geprägt waren.

Doch zunächst sah es so aus als sollte Nothdurfter sich auf friedliche Weise um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse bemühen. Mit 18 Jahren beschloss er Missionar zu werden und ging 1982 als Jesuiten-Novize nach Lateinamerika. Schließlich landete er in Bolivien, einem für sein weiteres Leben wohl schicksalhaften Ort, fand hier doch das lateinamerikanische Abenteuer Che Guevaras ein unrühmliches Ende. Angesichts der himmelschreienden Armut in den Slums Boliviens und des allzeit präsenten Vorbilds Guevaras erscheint der Weg in den bewaffneten Kampf geradezu unvermeidlich. Dennoch erstaunt diese Radikalisierung angesichts von Zeugenaussagen, die Nothdurfter als netten, hilfsbereiten Menschen beschreiben, der sich bei Märschen durch den Dschungel oft verlief und so gar nicht wie ein Revolutionsführer wirkte. Bald jedoch griff er zu radikalen Methoden um ein System anzugreifen, das seiner Meinung nach vernichtet gehörte. Die Inspiration dazu war in seinem Fall die Bibel; dass eine ähnliche Entwicklung auch durch den Koran passieren könnte, muss der Film nicht extra betonen. Die Parallelen, die sich vom Fall Michael Nothdurfter zu islamischen Terroristen ziehen lassen sind vielfältig. Hier wie dort kommen die Täter aus der Mitte der Gesellschaft, aus eher gebildeten Kreisen, mit großem Gerechtigkeitsempfinden ausgestattet.

All das erzählt Pichler in zurückhaltender Manier, zeichnet den Werdegang des ehemaligen Freundes so gut es geht nach, enthält sich jeglicher Wertung und greift in seinem selbst gesprochenen Kommentar auch nicht auf Leerformeln à la „Wie konnte das nur passieren“ zurück. All das macht „Der Pfad des Kriegers“ zu einer überaus sehenswerten Dokumentation, die aus einem individuellen Schicksal eine universelle Note verleiht.

Michael Meyns