Friedensschlag

Im Jahr 2003 gründeten Werner Makella und Rupert Voß die „Work and Box Company“ und entwarfen ein ganzheitliches Konzept, um gewaltbereiten jungen Männern den Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen. Die Company, die Aggressionstraining, therapeutische Konzepte und Arbeitsvermittlung verbindet, ist außerordentlich erfolgreich: über 84% der Teilnehmer beenden die Maßnahme und von diesen können 80% in Arbeit und Ausbildung vermittelt werden. Der überwiegende Anteil kann seinen Arbeitsplatz halten und wird nicht wieder straffällig. Gerardo Milszstein hat einen Jahrgang der „Work and Box Company“ mit der Kamera begleitet. Dabei ist ein berührender und spannender Film entstanden, der den Jugendlichen und ihren Betreuern sehr nahe kommt, ohne jemals voyeuristisch zu sein.

Webseite: www.friedensschlag.de

Deutschland 2010
Regie und Kamera: Gerardo Milsztein
Schnitt: Thomas Grube, Barbara Toennieshen
Filmmusik: P:lot
Mitwirkende: Eftal, Marco, Josef, Denis, Juan, Rupert Voss, Werner Makella
Kinostart: 29.7.2010
Laufzeit: 107 Minuten
Kinostart: 15.04.2010
Verleih: Piffl Medien

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

FRIEDENSSCHLAG beginnt mit einem Gefängnisbesuch – Eftal muss seine persönlichen Sachen abgeben und wird in die karge Zelle geführt. Die Tür schließt sich und seine Welt schrumpft auf 8 m² zusammen. Es ist eine eindrucksvolle Demonstration dessen, was ihm, Marco, Denis, Juan und Josef droht. Alle sind junge Männer zwischen 16 und 21 und alle sind wegen Gewaltverbrechen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ihre einzige Alternative zum Knast ist die Teilnahme an dem einjährigen Rehabilitierungsprogramm, dass die „Work and Box Company“ entwickelt hat. Jeden Morgen versammeln sie sich in den Trainings- und Ausbildungsräumen von „Work and Box“ und absolvieren ein vielfältiges Programm, das Boxkampf, Arbeitseinsätze, Nachhilfestunden, Therapeutische Betreuung und Hilfe bei der Ausbildungssuche beinhaltet.

Regisseur Gerardo Milsztein und sein Team haben die jungen Männer ein ganzes Jahr lang begleitet und ihre Fortschritte und Niederlagen, ihre Auseinandersetzungen mit Leitern und Betreuern, ihre ersten Vorstellungsgespräche und ihre Entwicklung als Boxer verfolgt. Ergänzt werden die Szenen in der Company um „Blackbox“-Interviews, in denen die jungen Männer vor einem neutralen Hintergrund sehr offen von sich und ihrem Leben erzählen, auch einige der Mütter kommen zu Wort. Milsztein verzichtet dabei auf erklärende Kommentare. Die Lebenswelt der Jugendlichen und die Arbeitsweise von „Work and Box“ erschließt sich nach und nach beim Zusehen. Es wird schnell deutlich, dass hier – anders als in den beliebten Reality-TV-Bootcamps – kein vorgestanztes Programm rabiat durchgezogen wird, sondern die Betreuer sich auf jeden einzelnen ihrer Teilnehmer einlassen und versuchen, Lösungen für seine individuellen Probleme zu finden. Für den Einen mag eine Konfrontation mit dem gewalttätigen Vater wichtig sein, der andere muss gelegentlich zu Hause abgeholt werden, um wichtige Termine nicht zu verpassen.

Andererseits kommt natürlich auch „Work und Box“ nicht ohne Druck aus. Auch wenn nur Jugendliche in das Programm aufgenommen werden die einer Teilnahme zugestimmt haben, sind sie nicht freiwillig dort. Zudem haben sie alle große Schwierigkeiten, Wünsche oder Ziele zu formulieren. Mehr noch als ihr aggressives Verhalten verbindet sie eine erschütternde Unsicherheit, die sich vor allem in Abwehr äußert. Ich kann gehen. Halt die Fresse. Fass mich nicht an! Du hast doch keine Ahnung. Denkst Du, ich verarsch’ Dich? Was nützt das? Die Initiatoren Rupert Voß und Werner Makella und ihr Team begegnen der Aggression, indem sie Mut zusprechen, Beschimpfungen einfach überhören, und auf jede Gelegenheit zu einem inhaltlichem Gespräch eingehen. Warum denkst du das? Glaubst du das wirklich? Du bist mehr wert! Geh nicht! Was willst Du, was brauchst Du? Sobald sie Antworten bekommen, geben sie darauf ein. Sie geben zweite und dritte Chancen und scheinen niemals aufzugeben. Ihre Beharrlichkeit ist nervtötend aber effektiv. Kaum einer geht.

Die Arbeitsweise von „Work and Box“ ist faszinierend zu beobachtend, nicht zuletzt weil man sich immer wieder auf Seiten der jungen Männer wiederfindet. Wenn Marco seine Blicke durch den Getränkemarkt schweifen lässt, in dem er bald arbeiten soll, dann ist sein Widerwillen vor einem geregelten Acht-Stunden-Tag nur allzu verständlich. Und wenn Eftal umringt von vier Sozialarbeitern telefonisch ein Vorstellungsgespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber vereinbaren soll, erinnert man sich an alle unangenehmen Telefonate, vor denen man sich schon gedrückt hat. Der eigene Blick verändert sich. Statt fünf gewaltbereiten Jugendlichen, denen man im Alltag aus dem Weg gehen würde, beginnt man junge Leute zu sehen, die ein gutes Leben vor sich haben könnten, wenn sie es nur aus den bisherigen Rollenmustern heraus schaffen würden. Ihnen dabei zu helfen sollte jede Mühe wert sein.

Hendrike Bake

Pubertät und frühe Jugend sind eine schwierige Zeit. Manche haut es, vor allem wenn das Elternhaus nicht stimmte, aus der Bahn. Und von solchen Jugendlichen – von Josef, Denis, Marco, Eftal und Juan – handelt dieser Film. Sie haben sich strafbar gemacht, auf sie wartet ein Gefängnisaufenthalt.

Eine Chance haben sie noch. Wenn sie sich aufrappeln, bereit sind, ihr Räuber-, Schläger- und Drogenleben aufzugeben, wenn sie sich unter Kontrolle bekommen, wenn sie sich einverstanden erklären, nach einer gewissen Zeit den Schulabschluss zu machen oder eine Arbeitsstelle anzunehmen, kann sich noch alles zum Guten wenden.

Rupert Voss und Werner Makella gründeten 2002 in München die Institution „Work and Box Company“. Hier werden die straffällig gewordenen Jugendlichen aufgenommen, hier wird durch Fachleute versucht, ihnen zu helfen.

Sport – vor allem Boxen zum Abbau der Aggressivität -, Arbeit, Zusammenleben und Gespräche, immer wieder Gespräche, das ist die Therapie. Es dauert monatelang und es ist hart. Einige dieser jungen Kerle sind fast aussichtslos erscheinende Fälle. Und doch ist die Erfolgsquote schließlich hoch.

Mit Marco hat es nicht geklappt. Er muss in Haft.

Aber die anderen haben es gepackt. Stolz zeigen sie ihr Zeugnis oder führen ihre Arbeitsstelle vor.

Eine verdienstvolle Initiative. Es flößt Hochachtung ein, mit welchem Geschick und welcher Geduld die fünf, sechs Helfer die Jugendlichen behandeln.

All das ist in einem nüchternen, aber informativen und sozial wichtigen Dokumentarfilm zusammengefasst. Im Vordergrund steht die mühsame, auch nach dem zehnten Misserfolg nicht aufgegebene Therapie. Doch klingt oft an, wo die Gründe für den Jähzorn, den Irrweg, die Selbstüberschätzung oder die psychologische Blockade der Jugendlichen liegen.

Ein Projekt von gesellschaftlichem Nutzen.

Thomas Engel