Vater meiner Kinder, Der

Einem Filmproduzenten und seiner Firma droht der finanzielle Ruin. Eine Niederlage, die der Vater von drei Kindern nicht verwinden kann. Der in Cannes preisgekrönte Film basiert auf der Begegnung zwischen der Regisseurin und ihrem Mentor. Ein unaufdringliches Familiendrama und ein informativer Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Frankreich 2009
Originaltitel: Le père de mes enfants
Regie: Mia Hansen-Løve
Darsteller: Louis-Do de Lencquesaing, Chiara Casselli, Alice de Lencquesaing, Alice Gautier, Manelle Driss, Eric Elmosnino, Sandrine Dumas, Dominique Frot
Laufzeit: 112 Minuten
Verleih: farbfilm
Kinostart: 20.05.2010

AUSZEICHNUNGEN
Cannes Film Festival: Un Certain Regard – Specialpreis der Jury
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Filmproduzent Grégoire Canvel (Louis-Do de Lencquesaing) kommt einfach nicht zur Ruhe. Seine Arbeit frisst ihn auf. Er ist ständig auf der Suche nach neuen Projekten, in die er all seine Energie und seine Passion für Filme einbringen kann. Ein Enthusiasmus, der alsbald seinen Tribut fordert. Grégoire verzettelt sich in der Finanzierung seiner Geschäftsvorhaben. Die Schulden wachsen ihm über den Kopf und der Produktionsfirma droht der Ruin. Seine Bemühungen, die Filmprojekte zu retten, werden zum ungeahnten Kraftakt. Das Scheitern ist unausweichlich und die daraus resultierende Verwundbarkeit lähmt den ansonsten so willensstarken Workaholic.

Das scheinbar vollkommene Leben Grégoires bekommt einen Knacks und auch die kurzen Momente des Familienglücks, können ihn nicht wieder auf den rechten Weg bringen. Der Wochenendausflug aufs Land unterbricht nur für kurze Zeit seinen Arbeitsfluss. Er gibt dem Drängen seiner Frau Sylvia (Chiara Casselli) zwar nach und lässt sich auf den Kurztrip ein, ist mit den Gedanken jedoch mehr bei der Arbeit als bei der Familie. Auch die drei gemeinsamen Kinder können ihn nur zwischenzeitlich von seinen Sorgen ablenken. Grégoire steuert in die Sackgasse seines Lebens und findet keinen Ausweg mehr. Seine Verzweiflung überschattet alles und zerstört mehr, als er imstande ist zu verkraften.

Regisseurin Mia Hansen-Løve liefert ihren zweiten Langfilm ab. Die Geschichte basiert auf der Begegnung mit ihrem Mentor Hubert Balsan („Manderlay“), der sie darin bekräftigte, ihr erstes Filmprojekt – „All Is Forgiven“ – umzusetzen. Eigentlich wollte er das Debüt auch produzieren, doch dazu kam es nicht mehr. Balsan begann Selbstmord. Wie auch die Filmfigur, zeichnete ihn seine große Leidenschaft für Filme und für die Arbeit als Produzent aus. Sie war sicherlich auch der Nährboden für das überwältigende Gefühl der Niederlage. Die Regisseurin beschränkt sich in ihrer Erzählung jedoch keinesfalls auf die Verzweiflungstat, die nach der ersten Hälfte des Films eintritt. Sie zeigt einen Mann auf der Höhe seines Schaffens, seinen Sturz, den Tod, den schmerzlichen Verlust der Familie und den Versuch eines Neuanfangs.

Der Film funktioniert sowohl als unaufdringliches Familiendrama als auch als informative Abhandlung über den Arbeitsalltag eines Filmproduzenten. Denn selbst wenn die Hauptfigur hier vom Schicksal gebeutelt ist und sein persönlicher Lebensweg kein glückliches Ende nimmt, blickt der Film unabhängig davon recht erhellend hinter die Kulissen der Filmindustrie. Als Drama ist „Der Vater meiner Kinder“ sozialkritisch ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Ganz schnörkellos wird hier erzählt, welche Gefahr eine Leistungsgesellschaft birgt. Sehr lebensnah wird überdies gezeigt, wie die Familie mit dem Verlust des Mannes und Vaters umgeht, der in erster Linie Schulden und ein marodes Unternehmen zurücklässt.

Gary Rohweder

Der Film hat einen sehr persönlichen Unter- und Hintergrund. Der Filmproduzent Hubert Balsam, lange der Mentor der Regisseurin von „Der Vater meiner Kinder“, nahm sich das Leben – vermutlich weil er dem finanziellen Druck seines Berufes nicht gewachsen war. Mia Hansen-Love wollte ihm ganz einfach ein kleines Denkmal setzen und damit auch schildern, wie schwierig es heute ist, Geld für die Produktion eines Films zu beschaffen.

Grégoire Canvel ist dabei, mehrere Filme gleichzeitig zu produzieren. Eigentlich müsste er glücklich sein. Denn seine Frau Sylvia liebt ihn, die drei entzückenden Kinder ebenfalls, außerdem hat er einen Superberuf. Seine Firma ist die Moon Films.

Aber Grégoire hat Schulden. Und zwar sehr hohe. Er muss seine Leute bezahlen, sich um Kredite kümmern, die ihm jetzt selbst befreundete Banken verweigern. Er laviert zwischen Fristen und Möglichkeiten hin und her, ist ein Meister in der Kunst des Verdrängens. Von außen sieht man ihm nur manchmal an, dass er großen Kummer hat, meistens überspielt er es, schindet für die Familie sogar noch Urlaub heraus.

Aber dann bricht es über ihn herein. Ist seine Kraft zu Ende, oder handelt es sich um einen unkontrollierten Augenblick, einen Blackout? Grégoire Canvel erschießt sich.

Was wird aus der Familie? Was wird aus der Firma und den Mitarbeitern? Sylvia sucht zu retten, was zu retten ist. Grégoires älteste Tochter, Clémence, emanzipiert sich, will ebenfalls helfen. Aber die Aussichten könnten schlechter nicht sein.

Vier Gedankengänge stellen sich ein. Da ist zuerst einmal das ihrem Mentor gewidmete Gedenken der Regisseurin. Eine rein persönliche Abgelegenheit.

Dann die Beleuchtung der Filmemacher-Szene. Das Auftreiben der Finanzen für einen Film: manchmal jahrelange Schwerstarbeit. Dies am Beispiel von Grégoire Canvel, seiner Familie, seiner Firma und seiner Mitarbeiter einmal zu veranschaulichen ist für das Filmmilieu nicht verkehrt.

Alls nächstes Handlung und Machart von „Der Vater meiner Kinder“: im Wesentlichen gelungen und lebendig.

Am besten: Wie Louis de Lencquesaing die Hochs und Tiefs der Rolle des Grégoire Canvel wiedergibt.

Thomas Engel