Young Victoria

Zwei Herzen und eine Krone – das gilt nicht nur für Franz Joseph und Sissi, sondern auch für Victoria und Albert. Die Ehe zwischen der englischen Königin und ihrem Prinzen wurde zwar arrangiert, aber die beiden waren auch ein Liebespaar. Die Königin, Namensgeberin des viktorianischen Zeitalters, das für Pomp und Erstarrung steht, erscheint in „Young Victoria“ in einem anderen Licht: lebendig, aufgeschlossen, warmherzig. Die Bilder schwelgen. Doch eingeschnürt in Kostüme und Dekors bleibt der Film zu steif, um packend zu sein.

Webseite: www.youngvictoria-film.de

Großbritannien/USA 2009
Regie: Jean-Marc Vallée
Buch: Julian Fellowes
Kamera: Hagen Bogdanski
Darsteller: Emily Blunt, Rupert Friend, Paul Bettany, Miranda Richardson, Jim Broadbent
Länge: 105 Minuten
Verleih: Capelight Pictures
Kinostart: 22. April 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Für Sarah Ferguson, Herzogin von York, war das Thema seit Jahren ein Herzensanliegen. Die frühere Frau Prinz Alberts, die zwei Bücher über Victoria geschrieben hatte, konnte schließlich die Produzenten Graham King und Martin Scorsese von dem Stoff überzeugen. Das Bild der Königin, die als strenge und halsstarrige Regentin in die Geschichtsbücher einging, sollte kräftig gegen den Strich gebürstet werden. So war die 63 Jahre herrschende Queen gar nicht, lautet der Ansatz, jedenfalls nicht, als sie mit 18 Jahren den Thron bestieg und sich fortan tapfer gegen Intrigen, Machtspiele und Einflüsterungen verteidigte. Das ist eine lohnenswerte Perspektive, nur wird sie allenfalls halbherzig verfolgt. Unter der Regie des Kanadiers Jean-Marc Vallée wurde aus dem Stoff ein Gemisch aus Kostüm- und Liebesfilm mit ein paar historisch-politischen Einsprengseln.

Vielleicht liegt das an der Grundidee. Es mag faszinierend sein, dass es unter den vielen königlichen Ehen, die in früheren Zeiten grundsätzlich unter strategischen Aspekten arrangiert wurden, tatsächlich mal eine gab, in der die Partner sich auch liebten. Aber dieser Umstand verpufft natürlich im Genre Liebesfilm, wo man es stets mit dem Eintreffen des Unwahrscheinlichen und glücklichen Wendungen des Schicksals zu tun hat. Unterm Strich handelt „Young Victoria“ deshalb von nicht viel mehr als zwei Königskindern, die eben doch zusammenkommen. Das aber lehrt jeder Kitsch-Roman, die Überraschung ist nicht sehr groß.

Dafür gehen die Produzenten die Sache mit Stil an. Emily Blunt schreitet dabei als Thronanwärterin und Königin voran. Ihre mal bebenden, mal unsicheren, dann wieder kämpferischen Gesichtszüge prägen den Film. Man kann schnell Sympathie empfinden für diese aufgeweckte junge Frau, die von ihrer Mutter, der Duchess of Kent (Miranda Richardson) und deren ehrgeizigem Berater Sir John Conroy (Mark Strong) von der Welt isoliert wird. Beide haben nur ihren eigenen Aufstieg im Sinn. Gleiches gilt für König Leopold von Belgien (Thomas Kretschmann), der seinen attraktiven Sohn Albert (Rupert Friend) in Stellung bringt, um im europäischen Machtgefüge Punkte zu machen. Albert soll Victoria umgarnen, was er auch tut, aber dabei unvorhergesehen in Liebe entbrennt.

Das alles geschieht in erlesenen Kostümen (für die es einen Oscar gab) und in prachtvollen Räumen, die die Kamera stets wie einen Rahmen der Handlung benutzt. Man kann nicht sagen, dass der Film den schnöden Alltag ausschließt. Die Ränkespiele am Hof, der etwas undurchsichtige persönliche Berater der Königin, Reibereien zwischen Viktoria und Albert, der sich nicht mit einer untergeordneten Rolle abfinden will – das alle kommt vor. Doch vor allem soll der Film mit seinen exquisiten Bildern gut aussehen. Dabei werden die Tatsachen etwas frisiert. Der Prinz warf sich nie bei einem Attentat vor seine Königin. Und dass Victoria die Lage ihres Volkes verbessern wollte, das im Zuge der Industrialisierung ins Elend abrutschte, ist auch nicht überliefert. Der Regisseur bemüht sich, Emotionen ins Spiel zu bringen, doch häufig läuft das Geschehen in der Halbdistanz ab. Als Victoria Albert einen Heiratsantrag macht (er selbst darf das nicht) und hinterher befreit lacht, weht mal etwas Wärme durchs Dekor, was einem die kalte Pracht des Films nur umso deutlicher vor Augen führt.

Volker Mazassek

Das Victorianische Zeitalter ist ein historischer Begriff. Jahrzehntelang herrschte Victoria über England, über das damalige britische Empire, über die Epoche der industriellen Revolution.

In einem prachtvollen Rahmen werden hier ihre Jugendzeit und die ersten Jahre als Königin gezeigt: wie sie im goldenen Käfig streng behütet wurde – fast wie eine Gefangene; wie sie nicht einmal allein eine Treppe hinabsteigen durfte; wie sie von der eigenen Mutter und von deren politischen Einflüsterern in Schach gehalten und teilweise gedemütigt wurde; wie König William sie trotz alledem zur Nachfolgerin auserwählte; wie sie Hofintrigen ausgesetzt war; wie ihr Privatsekretär sie umschwärmte; wie Prinz Albert von Sachsen-Coburg, der für mehr Einfluss seiner Familie auf das englische Königshaus sorgen sollte, ihre Liebe gewann; wie Victoria auch durch eigene Fehler von politischen Turbulenzen erfasst wurde; wie schließlich die Hochzeit zwischen Victoria und Albert stattfand, die die große Liebe gefunden hatten; wie das erste Kind – von insgesamt neun – kam. Im Nachspann wird dann berichtet, dass Albert bereits mit 42 Jahren starb und Victoria noch Jahrzehnte weiterregierte.

Protokoll, Etikette, Intrigen, Schlösser, Kostüme, sonstige Ausstattung – alles vom Feinsten. Nicht umsonst gab es für diese Kategorien Oscar-Nominierungen. Niveau eben. Auch was die Regie betrifft.

Die Darsteller wurden sorgfältig ausgewählt und agieren entsprechend: Rupert Friend als nobler Prinz Albert, Paul Bettany als enttäuschter Lord Melburne, Miranda Richardson als eine der Intrigantinnen, Jim Broadbent als aufbrausender, betrunkener, kranker König William.

Den Vogel allerdings schießt Emily Blunt als Victoria ab. Fein ziseliert spielt sie, wie sie abwechselnd durch Höhen und Tiefen geht. Sie ist ständig und voll präsent, schön, stolz, den Betrachter gefangen nehmend. Eine Leistung.

Thomas Engel