Fuck for Forest

Mit Sex den Regenwald retten. Was sich wie eine absurde Idee anhört, ist den Aktivisten (und Nudisten) der in Berlin ansässigen NGO Fuck for Forest bitterer Ernst. Doch wie der polnische Regisseur Michal Marczak in seiner sehenswerten Dokumentation zeigt, ist es oft gar nicht so einfach, ernst genommen zu werden, wenn man mittels Pornographie Spendengelder sammelt.
Auszeichnung als Bester Dokumentarfilm beim Internationalen Filmfestival Warschau

Webseite: www.neuevisionen.de

Polen/Deutschland 2012 – Dokumentation
Regie, Buch: Michal Marczak
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 13. Juni 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es wäre leicht gewesen, sich über die Mitglieder der NGO Fuck for Forest lustig zu machen: Allzu sehr entsprechen die Aktivisten um die beiden Gründungsmitglieder Tommy (ein Norweger) und Leona (eine Schwedin) dem Klischee der naiv-idealistischen Weltverbesserer, die wie aus der Welt gefallene Neo-Hippies wirken. In einer Berliner Wohnung lebt die Gruppe in einer Art modernen Kommune, ernährt sich von Abfällen, die die Konsumgesellschaft produziert (allein für Wein wird Geld ausgegeben), trägt eine ebenso bunte wie wirre Mischung aus Kleidern, die für manche nur Lumpen wären und schlägt sich mit grenzdebilen Gesangsauftritten und auch mal dem Verkauf von Haschisch durchs Leben.

Dabei ist das Konto der NGO prall gefüllt: Über 200.000 Euro Spendengeld hat die Gruppe im Lauf ihrer kurzen Existenz gesammelt – und das in erster Linie mit Pornographie. Selbstgemachte Fotos und Filme sind auf einer Internetseite gegen Bezahlung zu sehen, manchmal treten Mitglieder der Gruppe aber auch persönlich in Erscheinung: Sex im verrauchten Keller einer Bar heißt es dann, das Publikum schaut mit einer Mischung aus Faszination, Verwunderung und Belustigung zu. Ebenso wie Marczaks Kamera, der es gelingt, weder voyeuristisch noch herabblickend auf die Aktivitäten der Gruppe zu blicken.

Diesen neutralen Blick durchzuhalten, die Anliegen von Fuck for Forest nicht einfach als abstruse Auswüchse von sexgierigen Hippies abzutun, ist eine erstaunliche Leistung. Sie gelingt Marczak nicht zuletzt durch einen Voice Over Kommentar, der nicht davor zurückschreckt, die Absurdität mancher Aussage zu zeigen. Wenn da eine Frau mit den Worten zitiert wird: „Mein Mutter ist Yoga-Lehrerin, die sich entschieden hat, ohne Strom zu leben. Mein Vater war fast nie zu Hause, aber wenn er da war, hat er schön jongliert.“, dann entspricht das auf so offensichtliche Weise dem Klischee-Bild einer bestimmten Gruppe Mensch, dass es ohne ein Maß an Ironie gar nicht geht.

Was die genauen Anliegen der Gruppe sind, bleibt dabei fast bis zum Ende unklar. Auf Interviews mit den Aktivisten hat Marczak bewusst verzichtet, vermutlich wohlwissend, dass gerade der stets bekifft wirkende Tommy in blumige Visionen von der Rettung des Planeten abdriften würde. Stattdessen zeigt er das Engagement der Aktivisten, die zwar vor allem auf amüsiertes Interesse stoßen, bei all ihren Aktionen aber stets die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens betonen.

Doch wie schwer es ist, Gutes zu tun, auch und gerade dann, wenn man auch nicht den kleinsten Hintergedanken hat, zeigt sich bei einer Reise in den Amazonas.
Dort zeigen sich die peruanischen Stämme, die Fuck for Forest unterstützen möchte, wenig begeistert von der Aussicht, von einer in ihren Augen befremdlichen Gruppe westlicher Nudisten unterstützt zu werden. Wie ein Kartenhaus brechen da in Minuten die Ideale der Gruppe zusammen. Wie hier der Idealismus von westlichen Aktivisten auf die Realität trifft, ist einer der stärksten Momente des Films. Marczak muss gar keinen Kommentar abgeben, denn auch so wird die Diskrepanz zwischen Intention und Realität schmerzhaft deutlich. So gut die Absichten von Fuck for Forest auch sind, nicht zuletzt ihre ungewöhnliche Art, Aufmerksamkeit zu erringen, macht den Erfolg ihrer Arbeit schwierig.

So wird „Fuck for Forest“ zu einem bemerkenswert vielschichtigen Film, der nicht nur eine ganz spezielle Aktivistengruppe zeigt (und nebenbei auch die Berliner Subkultur, in der inzwischen selbst öffentlicher Sex kaum noch zum Skandal taugt), sondern auch den westlichen Aktivismus mit kritischem Blick betrachtet. Eine unbedingt sehenswerte Dokumentation.

Michael Meyns

Ein absoluter Knaller dieser Film, von dem man keine besondere Schamhaftigkeit erwarten darf. Er erinnert an jugendliche Aufbegehrungs- und Revolutionszeiten, wie es etwa die 68er Jahre waren. Seine Berechtigung hat dieses Aufbegehren durchaus, denn es ist ja kein Geheimnis mehr, dass die Welt dabei ist, sich langsam aber sicher selbst zugrunde zu richten. Also sind Revolutionäre auch in gewissem Maße willkommen.

Die Fuck-for-Forest-Bewegung entstand in Norwegen. Sie ist klein, wirkt u. a. in Berlin. Leona, Tommy, Dan, Natty, Kaajal und andere gehören dazu. Sie sind Umweltstürmer und Umweltretter, wollen mit dem Geld, das sie bisher gesammelt haben, ein großes von Indianern bewohntes Stück Regenwald in einen Naturpark umgestalten. Sie werden deshalb später nach Südamerika reisen.

Wie sie allerdings das Geld zusammenbringen, geschieht auf eine äußerst unorthodoxe Art. Sie treten nämlich für die total freie Sexualität ein – jeder mit jedem – und animieren deshalb auf offener Straße zur „Pornographie“. Sie wünschen sich Nacktfotos von möglichst vielen. Wer mitmacht, kann die Aufnahmen sehen und „genießen“, wer nicht mittut, soll eine Spende locker machen. Jeder Zehnte, sagen sie, ist bereit. Auf diese Weise sind bereits 420 000 Euro zusammengekommen. Der Lebensstil ist aber ohne jede Barriere: Onanie, Blut, Sperma – nichts fehlt.

Der Südamerika-Trip geht allerdings daneben. Die betroffenen Indianer wollen keine Utopie, kein Reservat, keine fremde Einmischung, schon gar nicht von nicht sehr seriösen Gestalten. Sie wollen Arbeit, Zukunft, Infrastruktur.

Die Ablehnung liegt auch daran, dass die Fuck-For-Forest-Leute zu selbstzweckhaft auftreten. Da wäre weniger mehr gewesen. Die Grundrichtung allerdings stimmt. Denn wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, kann dies auf die Dauer auf keinen Fall gut gehen.

Ein schamloses aber begreifliches Gesinnungs- und Filmdokument. Ein für die einen skandalöses, für die anderen faszinierendes Experiment.

Thomas Engel