Gagarin – Einmal schwerelos und zurück

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Der Jugendliche Youri lebt im Cité Gagarine, eine in den 60er-Jahren realisierte Sozialbausiedlung. Die Gemeinschaft der anderen Bewohner war für ihn immer wie eine Ersatzfamilie – doch nun droht der Abriss des riesigen Hochhauskomplexes. Der als Mischung aus Sozialdrama, Sci-Fi und Coming of Age angelegte „Gagarin“ fasziniert durch seine Bildsprache und kreative inszenatorische Ideen. Außergewöhnlich sind zudem die Weltraum- und Raumfahrt-Symbolik, deren tiefere Bedeutung sich erst nach und nach erschließt.

Frankreich 2020
Regie: Fanny Liatard, Jérémy Trouilh
Buch: Benjamin Charbit, Fanny Liatard,
Jérémy Trouilh
Darsteller: Alséni Bathily, Lyna Khoudri, Jamil McCraven, Finnegan Oldfield

Länge: 97 Minuten
Kinostart: 15. August 2024

FILMKRITIK:

Die Behörden in Paris haben schon vor einiger Zeit entschieden, das Viertel Gagarin im Südosten von Paris abzureißen. Die vor 50 Jahren hochgezogene und nach Weltraum-Pionier Juri Gagarin benannte Anlage ist veraltet und der Stadt ein Dorn im Auge. Die Cité Gagarine bietet allerdings auch vielen Menschen ein zu Hause, darunter Youri (Alséni Bathily), der nicht vorhat, einfach so wegzugehen. Und er ist nicht der Einzige. In Houssam (Jamil McCraven) und Diana (Lyna Khoudri) findet er Gleichgesinnte, die das Viertel erhalten wollen. Doch nach und nach müssen schließlich alle die Siedlung verlassen. Youri ist der letzte Bewohner, dessen Wohnung sich allmählich in eine Raumstation verwandelt.

Raumschiffe sowie die Themen Raumfahrt und Weltall ziehen sich von Beginn an durch den vom Regie-Gespann Fanny Liatard und Jérémy Trouilh inszenierten Film. Sie bleiben dabei nicht nur angedeutete Symbolik oder tauchen als Metaphern auf. Das tun sie auch, aber „Gagarin“ ist ganz offensichtlich ebenso bei den Kostümen, Requisiten und den Dekors überdeutlich von Raumstationen, Planeten sowie Gagarin selbst, dem ersten Menschen im All, geprägt und inspiriert. Das zeigt sich etwa an Protagonist Youri und der Einrichtung seines Zimmers.

Von der Decke baumelt ein Planeten-Mobile, wobei verschiedene Bälle (Tennis- und Tischtennisbälle u.a.) die einzelnen Planeten verkörpern. An der Wand hängen selbst gezeichnete Baupläne von Steuereinheiten diverser Raumfrachter und interstellarer Raumfahrzeuge. Am Fenster: Ein Teleskop, mit dem Youri die Sterne beobachtet. Sein großer Berufswunsch ist naheliegend. Astronaut will er werden.

Später wird im Film eine Sonnenfinsternis zu sehen sein, die Liatard und Trouilh als poetisches, anmutiges Himmelsereignis inszenieren. Zudem reichern sie ihr Werk mit surrealen Elementen an, die wiederum exzellent zu einer der Kernaussagen von „Gagarin“ passen: Die Kraft der Imagination ist es, die in schweren Zeiten einen Ausweg ermöglicht. Und mit dieser Vorstellungskraft und Fantasie ist im Film niemand so gut ausgestattet und gesegnet wie Youri.

„Gargarin“ beeindruckt mit erzählerischer Einfachheit und der ungeschliffenen Authentizität seiner (vor allem jungen) Figuren. Alséni Bathily beobachtet über sein Teleskop die Ereignisse im Viertel und er beobachtet Diana, ein Roma-Mädchen aus den der Sozialsiedlung vorgelagerten Slums. Zu ihr fühlt sich Youri, der von seiner Mutter verlassen wurde, hingezogen. Und mit ihr wird um den Erhalt seiner Heimat kämpfen. Wie in einem klassischen Coming-of-Age-Film geht es in diesen Momenten um Themen wie erste Verliebtheit, die Suche nach sich selbst, die Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe.

Liatard und Trouilh unterbrechen den Erzählfluss hier und da. Das gelingt ihnen dank eingängiger Lieder, die auf die jeweilige Szene abgestimmt sind, aber ganz wunderbar. Kreative Ideen wie diese untermauern das Absichtsvolle und Bewusste in der Inszenierung. Am Ende ist „Gagarin“ nicht zuletzt ein Film, der von der Vergänglichkeit und dem Verschwinden erzählt. Ein toller Kontrast zur Gegenwartshandlung sind die historischen Aufnahmen aus den 60ern zu Anfang, die die Eröffnung des Hochhauskomplexes zeigen – unter dem Beisein von Juri Gagarin höchstpersönlich.

 

Björn Schneider