Geliebtes Leben – Live, above all

Der Tod ihrer kleinen Schwester und die unerklärliche Krankheit der Mutter bringt das Leben der zwölfjährigen Chanda im südafrikanischen Township durcheinander. Gegen eine Front aus Aberglauben bricht das kluge und entschlossene Mädchen das Tabu, Aids zu benennen. Sie nimmt auf bewegende Weise den Kampf auf gegen das Verschweigen und Verdrängen der Geißel Südafrikas. Dem Südafrikaner Oliver Schmitz gelang in seiner Bearbeitung des Romans von Allan Stratton ein kluger und anrührender Film für Jugendliche und Erwachsene.

Webseite: www.centralfilm.de

Originaltitel: Life, above all
Südafrika/BRD
Regie: Oliver Schmitz
Darsteller: Khomotso Manyaka, Lerato Mvelase, Harriet Manamela
Drehbuch: Oliver Schmitz und Dennis Foon (nach dem Roman von Allan Stratton)
Länge: 102 Min.
Verleih: Senator/Central
Kinostart: 12.5.2011

PRESSESTIMMEN:

Regisseur Oliver Schmitz ist ein Film von großer emotionaler Wucht gelungen, der ohne jede Rührseligkeit oder Überheblichkeit von Aids in seiner Heimat Südafrika erzählt.
Brigitte

FILMKRITIK:

Ein Kindersarg muss besorgt werden. Der Stiefvater säuft, die Mutter ist zu traurig. So kümmert sich die 12jährige Chanda (Khomotso Manyaka) auch darum und arrangiert das Begräbnis in dem ländlichen, etwa 200 km von Johannesburg entfernten Township Elandsdoorn, obwohl der Stiefvater Jonah (Aubrey Poolo) auch das Geld dafür geklaut hatte. Chanda ist ein bemerkenswert kluges Kind, es beobachtet und handelt dann entschlossen. Aber sie und ihre beiden Stiefgeschwister wissen nicht, weswegen die einjährige Schwester gestorben ist. Auch weshalb Chandas Freundin, die für ihr Alter viel zu sehr aufgetakelte Esther, von allen im Dorf abgelehnt wird, bleibt lange unklar. In der religiösen Nachbarschaft gibt es abergläubige Schuldzuweisungen an die Mutter Lilian (Lerato Mvelase), obwohl diese engagiert die Kostüme des Kirchenchores näht. Selbst wenn sie immer kränkelt. Als die Nachbarin Mrs. Tafa (Harriet Manamela), eine moralische Instanz im Viertel, nach den vergeblichen Versuchen eines Wunderheilers mit Lilian zum Arzt geht, durchschaut die Tochter Chanda die Diplome an der Wand als Erfolgsurkunden der Pharma-Industrie und handelt den Preis herunter. Zum Entsetzen der Nachbarin. Denn angesichts des großen Tabus Aids handeln alle wie kleine Kinder oder werden so behandelt.

Irgendwann verreist die Mutter schweren Herzens, lässt Chanda alleine mit den beiden kleinen Geschwistern zurück. Doch das Mädchen geht all dem verborgen Wabernden auf den Grund, lässt sich nicht abwimmeln, selbst wenn sogar im Krankenhaus ein Wort verboten ist: Aids! Denn diese Geisel der südafrikanischen Gesellschaft ist verantwortlich für den Tod der Schwester, die Krankheit der Mutter, die Ausgrenzung der ganzen Familie und auch der von Esther. Infiziert und ausgestoßen, versucht diese als Kinderprostituierte zu überleben. Wie Chanda endlich eine aufgeklärte Ärztin findet, der in der Steppe ausgesetzten Mutter einen grausamen Tod erspart und dem Aberglauben die Stirn bietet, ist eine bewegende, kleine Heldengeschichte, deren starke Wirkung auch durch ein zu dramatisches Finale nicht abgeschwächt wird. Ein überzeugendes Plädoyer, den eigenen Verstand zu benutzen und nach der eigenen Überzeugung zu handeln.

Mit einem anrührenden Lied zu Beginn, mit angeschnittenen Bilder, eindrucksvoll satten Farben gibt Oliver Schmitz („Mapantsula“, „Paris, je t’aime“, „Doctor’s Diary“) seiner – zusammen mit Dennis Foon nach dem Roman von Allan Stratton entwickelten – Geschichte einen ansehnlichen Rahmen. Erstaunlich, aber nur logisch ist, wie lange das Wort Aids auch im Film nicht vorkommt. Die Verdammung erfolgt über nur Blicke, die allerdings immer bedrohlicher werden. Irgendwann brennt ein Karren vor dem Haus und dann fliegen Steine. Dass der 1960 in Kapstadt geborene und in Deutschland arbeitende Schmitz filmisch recht konventionell erzählt, kommt der Wirkung des Films nur zugute. Denn so kann die südafrikanisch-deutsche Koproduktion sowohl im Arthouse- als auch im Mainstream-Bereich punkten und eignet sich zudem hervorragend für Kinder und Jugendliche.

Günter H. Jekubzik

In Afrika ist Aids ein großes menschliches und gesellschaftliches Problem – besonders auch in Südafrika. Verkündete doch der Präsident dieser Republik noch vor wenigen Jahren offiziell, die Krankheit sei ziemlich harmlos.

Dass dies ganz und gar nicht zutrifft, darum geht es in diesem Film.

Lilians Familie ist – wenn auch unausgesprochen – von Aids betroffen. Sie selbst und auch ihr zweiter Mann Jonah, ein Alkoholiker. Bedroht sind auch Iris und Soly, Lilians Kinder aus zweiter Ehe. Die einzige, die ohne Furcht bleibt, die standhaft durchhält, die gesund ist, die sich vernünftig verhält, ist die etwa 12jährige Chanda, ein Mädchen aus Lilians erster Ehe.

Die kleine Sara gibt es auch noch. Sie wird nur etwas über ein Jahr alt. Lilian ist untröstlich. Aids?

Chanda ist es, die der Mutter beisteht, die den Sarg für Sara beschafft, die das von dem süchtigen Jonah seiner eigenen Familie gestohlene Geld zurückholt, die das Getratsche und die Verleumdungen der Bewohner des Dorfes abwehrt, die ihre später verschwundene kranke Mutter sucht.

Die Leute im Ort haben Angst vor Aids, distanzieren sich, glauben an Dämonen, reden Böses über Lilian und ihre Familie, wollen diese nicht mehr unter sich haben. Die Nachbarin Mrs. Tafa tut sich darin besonders hervor.

Jonah schafft es nicht. Lilian schafft es nicht. Die einzige Stütze, die einzige Hoffnung, die einzige Zukunft: Chanda, die auch noch ihre Freundin Esther aus der Gosse holt.

Ein eher trauriger – nicht pessimistischer – Film, aber einer, der sich der harten Realität nicht verschließt. Das ist sein Pluspunkt. Inszeniert ist er getragen, quasi fehlerlos, aber in einer Machart, die dem Rhythmus und dem Stil Südafrikas angepasst zu sein scheint. Das heißt, dass man sich als Europäer, an eine lebhaftere Dramaturgie gewöhnt, hineinfinden muss.

Von einer jungen Schauspielerin ist noch zu berichten, die höchste Beachtung verdient. Es ist Khomotso Manyaka, die die Chanda verkörpert. Erstaunlich, welche Abgeklärtheit sie in ihren jungen Jahren schon an den Tag legt.

Ein trauriger aber keineswegs unwichtiger Film.

Thomas Engel