große Kater, Der

Politdrama nach dem in der Schweiz bekannten Roman von Thomas Hürlimann. Ein Staatsbesuch soll den Schweizer Bundespräsident, von Freund und Feind Kater genannt, aus dem Umfragetief holen. Doch die Konkurrenz wittert ihre Chance und spinnt eine politische Intrige, die für Kater auch zu einer privaten Krise wird. Bruno Ganz und Marie Bäumer setzen die schauspielerischen Akzente bei dieser Tragikomödie, die aber ansonsten selten über gängige Fernsehware hinaus reicht.

Webseite: www.centralfilm.de

Deutschland, Schweiz 2010
Regie:Wolfgang Panzer
Darsteller:
Bruno Ganz, Marie Bäumer, Ulrich Tukur, Christine Paul, Edgar Selge
Länge: 88 Min.
Verleih: Central-Film
Kinostart: 28. Oktober 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bern. Bislang hat es der „Große Kater“ (Bruno Ganz) meisterlich verstanden, sich auf der politischen Bühne der Schweiz ins Rampenlicht zu spielen. Die jüngsten Umfragewerte lassen allerdings an der Gunst des Publikums zweifeln und hinter dem Vorhang lauert die Konkurrenz schon auf ihre Chance. Kater weiß, dass wenn er dem Volk schon nicht mehr Brot geben kann, zumindest Spiele her müssen. Der anstehende Staatsbesuch des spanischen Königspaar soll von seiner Pressechefin Magun (Christiane Paul) zur großen PR-Kampagne in eigener Sache genutzt werden. Ausgerechnet sein engster Parteifreund und langjähriger Weggefährte, Fraktionschef Dr. Stotzer alias Pfiff (Ulrich Tukur), arbeitet akribisch auf den Königsmord hin.

Pfiff und Kater verbindet auch eine private Vergangenheit. Noch immer trauert der Fraktionschef seiner ehemaligen Verlobten Marie (Marie Bäumer) hinterher, die ihn vor vielen Jahren verlassen und Kater geheiratet hat. Pfiff, der sich nicht scheut, die Telefongespräche des Parteifreunds abzuhören, erfährt, dass die für die repräsentativen Momente des Staatsbesuches wichtige Ehefrau Katers die Schwachstelle in dessen Inszenierung ist. Liegt doch ihr krebskrankes Kind im Sterben. Die Trauer um den todkranken Sohn belastet die Ehe schwer. Dass sich ihr Mann vor lauter Verzweiflung noch mehr in die Arbeit stürzt, empfindet Marie als eklatanten Mangel an Empathie. In diese Kerbe schlägt Pfiff, in dem er die Kinderkrebsstation des Berner Krankenhauses ins offizielle Damenprogramm während des Staatsbesuches mit einflicht. Weil die private Tragödie bislang von den Eheleuten nicht in die Öffentlichkeit getragen wurde, bezichtigt Marie ihren Ehemann, mit dem PR-Termin das private Unglück politisch ausschlachten zu wollen. Und so macht sie ihrem Mann mitten im Gala-Diner vor dem spanischen Ehrengästen eine Szene, die Katers Karriere mit einen Schlag zu vernichten scheint. Aber Kater haben bekanntlich sieben Leben – und so holt er zum Gegenschlag aus, der alle Beteiligten überrascht.

Thomas Hürlimanns Roman verursachte damals in der Schweiz einen kleinen Skandal, da der Sohn des verstorbenen Bundesrats Hürlimann in dem Politdrama Teile der eigenen Familiengeschichte verarbeitetet hatte. Die Literaturverfilmung von Fredi M. Murers sorgt da schon für weit weniger Wirbel. Allzu gefällig gerät die Adaption des Romans, so als habe man die politische Brisanz bewusst zu Gunsten einer allgemeinmenschlichen Komponente in den Hintergrund gerückt. Es sind denn auch die leisen Töne, in denen der Film am ehesten zu Überzeugen weiß. Die Auseinandersetzung der Eheleute, exzellent auf den Punkt gebracht von Marie Bäumer und Bruno Ganz, lassen in ihrer melancholischen Verortung zumindest Ansätze eines großen Drama erahnen, auch wenn nicht alles psychologisch plausibel daherkommt. Dafür gerät das Politspektakel zum bieder anmutenden Possenspiel, dem auch die namhaften Akteure keine relevante Tiefe einhauchen können. Da degradiert das unausgereifte Drehbuch einen Schauspieler wie Edgar Selge zur Karikatur eines katholischen Hardliners, während Ulrich Tukur als sinistrer Strippenzieher im Hintergrund zu parodistisch wirkt, um als Persönlichkeit ernst genommen werden zu können. Man hat sich hier entweder zu wenig oder zu viel von der Vorlage entfernt, um als Film zu überzeugen.

Norbert Raffelsiefen

Kater ist schweizerischer Bundespräsident. Besitzt er übertriebenes Machtstreben, oder hat er sich nur in sein Amt geflüchtet, weil sein Sohn, noch ein Kind, schwer krank ist und sterben muss? Der Kummer hat auch die Eheleute auseinander getrieben – vor allem weil Katers Frau irrtümlich davon ausgeht, ihrem Mann sei das Amt wichtiger als das Schicksal des Kindes.

Kater ist schon ziemlich eigensinnig, seine Popularitätswerte sind stark gefallen. Also muss ein pompöses „Event“ her, damit die Zahlen wieder besser werden. Das spanische Königspaar wird eingeladen – der Besuch soll prunkvoll werden: militärische Ehren, Musik, Chor, Gala-Diner, Damenprogramm.

Das würde sicherlich gelingen, wenn Dr. Stotzer nicht wäre. Er gibt sich zwar als Katers Freund aus, ist aber auch ein Intrigant. Wahrscheinlich strebt er einen höheren Posten an.

Beim Gala-Diner fällt die Präsidentengattin aus dem Rahmen. Sie beleidigt und beschuldigt ihren Mann, durch Medienrummel aus der bisher streng geheim gehaltenen Krankheit ihres Sohnes politisches Kapital schlagen zu wollen. Ein faux pas ersten Ranges. Unnötig und fehl am Platze. Denn Stotzer war es, der das Damenprogramm eigenmächtig in das Krankenhaus verlegte, in dem das Kind nun im Sterben liegt. Er ist es, der sich in den Vordergrund spielen – und Kater eins auswischen will.

Es kommt zum Paparazzi-Auflauf, zum Skandal. Wer trägt die Schuld? Kater zieht die Konsequenzen.

Das Ganze ist natürlich (obwohl an Fakten angelehnt) rein fiktiv und doch typisch und charakteristisch. Verschiedene politische Manipulationen werden offen gelegt. Marie Bäumers (Präsidentengattin) Tischrede allerdings ist dramatisch übertrieben. Ansonsten ist die Inszenierung insbesondere des festlichen Rahmens voll gelungen.

Der Trumpf: Bruno Ganz (Bayerischer Filmpreis 2010) als Kater. Die politische Macht, die Verzweiflung über das Leiden des Kindes, die dem Verhalten seiner Gattin geschuldete Unsicherheit, der Entschluss, sich auf seine frühere Stärke zu besinnen, das alles spielt er voll aus. Mit dabei Ulrich Tukur – gut wie immer – als hinterlistiger Dr. Stotzer, Christiane Paul als diskrete aber entschlossene Chefsekretärin, Marie Bäumer als unglückliche Ehefrau des Bundespräsidenten sowie Edgar Selge als schleimiger Nuntius und Stotzer-Freund.

Thomas Engel