Gianni und die Frauen

In seiner neuen Komödie spielt Regisseur und Autor Gianni Di Gregorio („Festmahl im August“) erneut eine Figur namens Gianni. Dieser Pensionär lebt in Rom in den Tag hinein, stets hilfsbereit und ohne Sorgen. Bis er entdeckt, dass er von attraktiven Frauen umgeben, sein Liebesleben aber nicht existent ist. Eine schöne, subtil beobachtete, melancholische Komödie, deren unterschwelliger Sexismus vor allem dank der überaus sympathischen Hauptfigur erstaunlich wenig ins Gewicht fällt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Italien 2010
Regie: Gianni Di Gregorio
Buch: Gianni Di Gregorio, Valerio Attanasio
Darsteller: Gianni Di Gregorio, Valeria Di Franciscis Bendoni, Alfonso Santagata, Elisabetta Piccolomini
Länge: 90 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 22. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vor drei Jahren hatte Gianni Di Gregorio als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller mit der Komödie „Das Festmahl im August“ einen großen, internationalen Erfolg. Nun legt er mit „Gianni und die Frauen“ den Nachfolger vor, der nicht wirklich eine Fortsetzung ist, auch wenn Di Gregorio wieder eine Figur namens Gianni spielt und Valeria Di Franciscis Bendoni erneut als seine Mutter besetzt ist.

Dieser Gianni ist Ende 50, lebt in Rom mit Frau und Tochter in einem Appartement und hat seit seiner frühzeitigen Pensionierung keinen wirklichen Lebensinhalt. Seine alternde Mutter ist seine größte Sorge, sie gibt das Geld mit beiden Händen aus und ruft Gianni wegen banalster Probleme zu sich. Und Gianni – ganz der Gentleman – agiert stets zuvorkommend, wenn seine Mutter, seine Frau oder eine der anderen Frauen, von denen er umgeben ist, eine kleinere oder auch mal größere Gefälligkeit braucht. Doch auch wenn Giannis Welt voll von Frauen ist, die zudem ausnahmslos attraktiv und aufreizend gekleidet sind, spielt Erotik oder gar Sex in Giannis Leben keine Rolle. Bis er realisiert, dass andere Männer in seinem Alter das ganz anders handhaben. Plötzlich bemerkt Gianni, dass er von Affären, Liebschaften und Leidenschaft umgeben ist und beginnt die Frauen, mit anderen Augen zu sehen. Die attraktive Haushälterin seiner Mutter sticht ihm ebenso ins Auge, wie die Verkäuferin am Obststand, seine Nachbarin ist auf einmal ebenso interessant wie eine alte, vollbusige Freundin. Im reifen Alter ist in Gianni noch einmal der Trieb erwacht.

Manchmal wirkt „Gianni und die Frauen“ wie eine typische italienische Komödie, die angesichts ganzer Herscharen schöner Frauen, die mit wehenden Haaren, tiefer Dekolletes und laszivem Blick um die männliche Hauptfigur schwirren, wenig mehr ist, als eine latent sexistische Männerphantasie. Und im Ansatz ist es das auch, nur ein ganzes Stück subtiler, als es zunächst scheint. Mit zunehmender Spieldauer wird klar, dass Gianni Di Gregorio zwar einerseits das Klischee des stets an Frauen denkenden Mannes bedient, gleichzeitig aber auch mit ihm spielt und es ins leicht absurde, um nicht zu sagen lächerliche zieht. Denn all die Frauen, die Gianni umgeben, mögen zwar auf ihn wie erotische Verheißungen wirken, umgekehrt sehen sie in Gianni nicht den gut gealterten, graumelierten Mann, sondern einen Onkel, einen Großvater, einen Freund. Der mag zwar für nette Plaudereien und allerlei Gefallen gut sein, gewiss aber nicht für die erotischen Ausschweifungen, nach denen Gianni selbst zunehmend gelüstet.

Im Endeffekt ist „Gianni und die Frauen“ also weniger gradlinige Komödie, als die hintersinnige Parodie der typischen Muster und Stereotypen der klassischen italienischen Komödie. Der realistische, beiläufige Stil des Films – meist in langen Einstellungen per Handkamera gefilmt – mit seiner sich lose entwickelnden Handlung, offenbart so erst im Laufe des Films seine unterschwellige Bedeutung. Inhaltlich wie stilistisch überhöht ist hier bewusst nichts. In manchen Momenten mag der männliche Blick auf die Frauen, den der Film sich scheinbar zu eigen macht, wie eine Bestätigung des üblichen Sexismus wirken, in Wirklichkeit aber schafft es Gianni Di Gregorio letztlich doch, eine vielschichtige Figur zu zeichnen, deren sexuelle Phantasien bei genauerem Hinsehen fast schon tragische Dimensionen erreicht.

Michael Meyns