Eine Landkommune, alte Liebesgeschichten und die Frage, wie viel Nähe der Mensch eigentlich verträgt: Michael Chauvistré gelingt ein sehr persönlicher und unaufgeregter Dokumentarfilm über alternative Lebensformen mit all den kleinen und großen Widersprüchen des Zusammenlebens. Mit trockenem Humor und ohne nostalgische Verklärung erzählt er davon, was von den großen Ideen übrig bleibt, wenn das Leben dazwischenkommt.
Über den Film
Originaltitel
Glück allein macht auch nicht wahnsinnig weise
Deutscher Titel
Glück allein macht auch nicht wahnsinnig weise
Produktionsland
DEU
Filmdauer
71 min
Produktionsjahr
2026
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
01.01.1972
Klein Hundorf liegt in Mecklenburg, ziemlich jwd, also janz weit draußen, am Ende einer Straße ins Nirgendwo. Hier leben Menschen in einer Gemeinschaft, die Schutz vor Vereinzelung bieten soll, ohne den Einzelnen allzu sehr zu vereinnahmen. Das klingt vernünftig – und ist, wie sich relativ schnell zeigt, leichter gesagt als gelebt. Michael Chauvistré kennt diesen Ort seit Jahrzehnten. Bereits vor rund 30 Jahren filmte er dort mit einer 16-mm-Kamera. Nun kehrt er zu den Menschen und ihren Geschichten zurück und kombiniert die alten Aufnahmen mit der Gegenwart.
Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, alle lernen, dass auch das alternative Leben seine bürgerlichen Seiten hat. Doch eigentlich leben sie hier auf einer kleinen Insel der Seligen, mitten in der Natur und weitab vom Lärm und Schmutz der Stadt. Aber obwohl hier mehrere Tischler leben, müssen Tischlerarbeiten manchmal von externen Arbeitskräften erledigt werden, weil einige Mitbewohner*innen offenbar lieber über ihre Gefühle miteinander und zueinander reden als mal anzupacken. Also alles wie gehabt? WG-Feeling und Kommunen-Flair as usual?
Die große Badewanne im Hof, die mit einem Feuer von unten geheizt wird, steht schon seit 30 Jahren dort – und sie ist so etwas wie ein Zentrum. Mindestens 10 Leute passen rein: Männer, Frauen, Kinder begegnen sich hier im wohlig warmen Wasser. Eine schöne Idee, so wie auch vieles andere in diesem Paradies mit kleinen Fehlern. Doch dieser Ort ist auch in gewisser Weise eine ländliche Idylle, der man nicht so leicht entkommen kann. Manche von ihnen fühlen sich dem Landleben und der Landwirtschaft besonders verbunden, andere so gar nicht und manche wollen es einfach nicht mehr. Jüngere kommen dazu, Ältere haben sich verabschiedet, es scheint eine Art Kreislauf zu geben.
Dabei geht es weniger um die Geschichte einer Kommune als um Beziehungen. Menschen verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich und leben trotzdem weiter am selben Ort. Vorstellungen von freier Liebe treffen auf Eifersucht, der Wunsch nach Unabhängigkeit auf das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Sicherheit. Was einmal als Alternative zum bürgerlichen Lebensmodell gedacht war, muss sich im Alltag bewähren. Und der erweist sich auch in Klein Hundorf als ziemlich hartnäckig.
Gerade darin liegt der Reiz dieses eher unspektakulären Films. Chauvistré sucht nicht nach Beweisen dafür, dass gemeinschaftliches Leben funktioniert oder gescheitert ist. Stattdessen setzt er Erinnerungen, Gespräche und Beobachtungen miteinander in Beziehung. Besonders interessant ist die Montage von historischem und aktuellem Material: Die Menschen von heute treten gewissermaßen mit ihren jüngeren Ichs in einen Dialog. Aus einstigen Überzeugungen sind inzwischen vielleicht neue Erfahrungen geworden, aus manchen Gewissheiten sind neue Fragen entstanden.
Chauvistré beobachtet seine Protagonistinnen und Protagonisten mit Sympathie, ohne sie zu idealisieren oder gar zu glorifizieren. Interviewszenen wechseln sich ab mit Alltagsbildern. Er zeigt, immer mit einem kleinen Augenzwinkern: Auch das alternative Leben schützt nicht vor Eitelkeit, Konkurrenz, Enttäuschung oder vor den komplizierten Mechanismen der Liebe. Gerade weil der Film daraus weder eine Abrechnung mit dem Leben in der Landkommune noch eine Verklärung des Kommunenlebens macht, gewinnt er an Glaubwürdigkeit. Und eine leise Komik entsteht oft dort, wo Anspruch und Wirklichkeit einander besonders nahekommen – oder wo sie sich besonders weit voneinander entfernen.
Mit knapp 70 Minuten bleibt der Film relativ kurz, das ist in diesem Fall tatsächlich angenehm, auch weil auf ausführliche soziologische Erläuterungen oder Interpretationen verzichtet wird. Manches hätte durchaus etwas intensiver und genauer behandelt werden können, doch die leicht essayistische Offenheit gehört zum Konzept. So wird das kleine Klein Hundorf schließlich zum Versuchslabor für eine ziemlich große Frage: Wie kann man mit vielen anderen zusammenleben, ohne sich selbst dabei zu verlieren? Eine endgültige Antwort darauf gibt es nicht. Aber immerhin gibt es einige Menschen, die es ausprobiert haben – und denen zuzuhören sich lohnt.
Gaby Sikorski







