Godard trifft Truffaut

Die Geschichte der Nouvelle Vague wird in dieser Dokumentation auf die Freundschaft zwischen Jean-Luc Godard und Francois Truffaut reduziert. In dieser Reduktion auf zwei Figuren der einflussreichen Phase der Filmgeschichte hätte eine Stärke liegen können, doch letztlich bleibt Emmanuel Laurents Dokumentation wenig mehr als eine eher oberflächliche Zusammenstellung von zeitgenössischem Bildmaterial und Filmausschnitten.

Webseite: godard-trifft-truffaut.de

Frankreich 2010 – Dokumentation
Regie: Emmanuel Laurent
Drehbuch: Antoine de Baecque
Kamera: Nicholas de Pencier, Etienne Carton de Grammont
Schnitt: Marie-France Cuenot, Odile Bonis
Länge : 96 Min.
Verleih: Mouna, Vertrieb: Barnsteiner Film
Kinostart: 28. April 2011

PRESSESTIMMEN:

Ein aufschlussreicher Kurs in Filmgeschichte und Charakterstudie zugleich…
Stern

FILMKRITIK:

Viele „Neue Wellen“ gab es in der Filmgeschichte, die französische Nouvelle Vague jedoch , die gegen Ende der 50er Jahre begann, die Filmgeschichte zu verändern, war die ursprüngliche, sicherlich die am meisten verklärte, vielleicht die wichtigste. Unzählige Bücher wurden über die Nouvelle Vague im Allgemeinen und die einzelnen Regisseure im Speziellen geschrieben, da bleibt für eine Dokumentation wenig Raum Neues zu sagen. So wählt Emmanuel Laurent für seinen Film einen Ansatz, der viel versprechend ist: Er beschränkt sich mit Jean-Luc Godard und Francois Truffaut auf zwei herausragende Regisseure, deren Freundschaft half, die Nouvelle Vague zu begründen, die sich im Laufe der Jahre aber entfremdeten und zu erbitterten Gegnern wurden. Auch wenn bei diesem Ansatz wichtige Regisseure wie Jacques Rivette, Claude Chabrol, Alain Resnais und etliche andere fast komplett ignoriert werden, wäre es durchaus eine legitime Herangehensweise an eine der berühmtesten und wichtigsten Phasen der Filmgeschichte gewesen. Wenn es Emmanuel Laurents denn gelungen wäre die ideologischen und ästhetischen Konflikte zwischen den späteren Antipoden herauszuarbeiten.

Doch genau daran scheitert der Film. Der Bruch zwischen Godard und Truffaut, ihre Entfremdung, die dazu führte, dass die einstigen Freunde jahrelang kein Wort wechselten und sich vor Truffauts Tod 1984 nicht versöhnten, erscheint in Laurents Film eher wie ein vergessenswerter Anhang, der nur der Pflicht halber in den letzten Minuten erwähnt wird. In ausufernder Ausführlichkeit wird dagegen der Beginn der Nouvelle Vague geschildert, die drei, vier Jahre des Aufbruchs, in denen Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und Godards „Außer Atem“ entstanden und zu Welterfolgen wurden. Schönes Dokumentarmaterial trägt der Film hier zusammen, Aufnahmen der jungen Wilden, wie sie in den Redaktionsräumen der Cahiers du Cinema sitzen, die Zigarette immer zwischen den Fingern, wie sie zum ersten Mal als Regisseure in Cannes zu Besuch sind, quasi auf die andere Seite gewechselt sind, und natürlich Ausschnitte von Filmpremieren und den Filmen selbst. Wer diese und die gezeigten Personen allerdings nicht kennt wird von der Fülle des Materials überwältigt werden, denn auf erklärende Einblendungen von Namen oder Filmtiteln wird vollständig verzichtet.

Die Ausführlichkeit, mit der die Anfänge der Nouvelle Vague beschrieben werden, weicht später einem Stakkato-Ritt durch die Studentenunruhen der 60er Jahre, die kurzzeitige Absetzung von Henri Langlois, dem legendären Direktor der Cinemathek in Paris, und dem auseinanderdriften Godards und Truffaut in den Siebzigern. Die Gründe für den Bruch bleiben in Laurents Film eher vage, viel mehr Zeit verwendet er auf einer dritten Person, die ebenso wie Godard und Truffaut Hauptfigur dieses Films ist: Der Schauspieler Jean-Pierre Leaud. Von Truffaut entdeckt spielte Leaud später auch oft bei Godard und wurde zu dem Gesicht der Nouvelle Vague. Soviel Raum wird Leaud eingeräumt, dass der Film oft eher wie eine Dreier- als eine Doppelbiographie wirkt. Doch das ist nur ein weiteres Zeichen dafür, dass Emmanuel Laurent der Fülle des Materials, der Vielfalt der möglichen Ansatze, der ganzen Vielschichtigkeit der Nouvelle Vague nicht wirklich gerecht geworden ist. So ist „Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague“ zwar voll von schönen Dokumentaraufnahmen und Ausschnitten klassischer Filme, schafft es aber nur ansatzweise, dieses Sammelsurium in eine klare Form zu bringen.

Michael Meyns

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. In Frankreich – wie übrigens auch ein wenig später in unserem Land – ist Opas Kino tot. Vor allem die Redakteure und Mitarbeiter der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinema“ schreiben gegen das nach ihrer Ansicht versentimentalisierte, nicht der Zeit entsprechende, ja gar verlogene Kino an. Sie schaffen einen neuen Stil.

Die Namen: Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Eric Rohmer, Claude Chabrol, Hervé Bazin, Doniol-Valcroze und andere.

Sie drehen keine gekünstelten, dramaturgisch passend hergerichteten Happy-End-Geschichten, sondern sie gehen auf die Straße, dialogisieren ihre Streifen in der Art wie das Volk spricht, greifen gesellschaftliche oder echte Beziehungsprobleme auf, werden politisch.

Insbesondere Truffaut und Godard treten hervor. Sie freunden sich an, tauschen Szenarien aus, drehen so für die damalige Epoche wichtige Film wie „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Truffaut) oder „Außer Atem“ (Godard). Sie finden einen jungen Darsteller, der für sie in dieser Richtung vieles verkörpert. Sie tauschen ihn auch aus: Jean-Pierre Leaud.

Godard und Truffaut sind zur Stütze des neuen französischen Films, der „Nouvelle Vague“, geworden. Die lange ausgebliebene Anerkennung tritt ein, u. a. in Cannes. Selbst kulturministeriellen Segen gibt es – von André Malraux, Mitglied der Regierung De Gaulle.

Dann kommt das Jahr 1968. Die „Revolution“. In Paris brodelt es (wie in Berlin auch). Die Trennung zwischen Godard und Truffaut setzt ein. Truffaut bleibt „Filmemacher“, dreht weiterhin sehenswerte Streifen wie etwa „Die süße Haut“ oder „Die amerikanische Nacht“. Godard wird zum „Politiker“. Seine künftigen Filme sind Plakate oder Pamphlete. Er will Revolutionär sein und bleiben. Er will seine Filme gegen den Strich bürsten. Der Erfolg bleibt durchaus nicht weg, aber die Godardschen Theorien werden immer paradoxer: „Ich drehe lieber Filme, die das normale Publikum nicht sehen mag“, lautet sinngemäß eine seiner vielen Thesen.

Die Freundschaft zwischen Truffaut und Godard ist zu Ende. Die beiden kritisieren sich jetzt – treffen sich nie wieder.

Leider stirbt Truffaut viel zu früh. Ein unermesslicher Verlust für das französische wie für das Weltkino.

Dieser Dokumentarfilm ist eine höchst verdienstvolle Angelegenheit und für Cineasten sowieso ein Muss. Viele persönliche Zitate, Filmausschnitte, Begegnungen, Fotos, Briefe, TV-Dokumente der 68er-Zeit, filmkünstlerische und politische Kommentare, Rückerinnerungen an hervorragende Schauspielerinnen und Schauspieler von damals sind zu einem übersichtlichen Bild der Zeit und der Menschen zusammengefügt. Sicher eine Sisyphus-Arbeit, aber ein toller Ertrag. „Das wunderbar gewaltige Jahrzehnt, das die Geschichte des Kinofilms für immer verändert hat.“

Thomas Engel