Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand

Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende des Volkseigentums, das in die Hände der Treuhandanstalt überführt wurde. Dieses gigantische Wirtschaftsexperiment zeichnet „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“ anhand zweier Beteiligter nach, vermischt spannendes Archivmaterial mit erschreckenden Fakten und ist hoffentlich nicht das letzte Wort in einem der größten Skandale der deutschen Geschichte.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2011 – Dokumentation
Länge: 94 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 30. August 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit der deutsch-deutschen Vereinigung stellten sich viele Fragen. Eine der weitreichendsten betraf das so genannte Volkseigentum, also streng genommen alles, was in 40 Jahren real existierendem Sozialismus geschaffen worden war. Da lag die Idee von Bürgerrechtlern nahe, dieses Volkseigentum gewinnbringend zu verkaufen und an das Volk zurückzugeben. Doch so funktioniert der Kapitalismus natürlich nicht, wie Millionen DDR-Bürger binnen kürzester Zeit sehr schmerzhaft lernen mussten. So wurde die Treuhandanstalt zum Symbol für den Raubtierkapitalismus, der mit einer Unterschrift Betriebe schließen kann, die Jahrzehnte existierten und das Leben ganzer Städte prägten. Im Verlaufe ihrer kurzen, kaum fünf Jahre dauernden Existenz machte die Treuhandanstalt über 200 Milliarden DM Verlust, schloss tausende Betriebe und machte einige wenige sehr reich. Was genau in jenen Jahren geschehen ist, kann auch dieser Dokumentarfilm nur Ansatzweise aufzeigen, viel zu kompliziert sind die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwicklungen und vor allem sind viele Akten noch auf Jahrzehnte unter Verschluss.

So porträtiert „Goldrausch“ zwei unmittelbar Beteiligte als Zeugen der Geschichte, die zwar nicht jeden Aspekt der Arbeit der Treuhand beleuchten können, deren Einzelschicksale aber emblematisch für viele erscheinen. Zum einen ist dies Klaus Klamroth, Anfang der 90er Jahre Direktor der Treuhandniederlassung in Halle. Hunderte Firmen wurden unter seiner Ägide privatisiert, viele auch liquidiert. Der Vorwurf der persönlichen Bereicherung beendete Klamroths Karriere als Manager, sein Name wurde erst nach einem langjährigen Gerichtsprozess reingewaschen. Inzwischen ist Klamroth Rentier, blättert immer noch gelegentlich in den Aktenbergen und fragt sich, was man anders hätte machen können.
Zweite Hauptfigur ist Detlef Scheunert, 1990-1991 Assistent des Treuhand-Vorstands und somit unmittelbarer Augenzeuge. Wie rund 80 Prozent aller Treuhand-Mitarbeiter stammt Scheunert aus dem Osten, die allerdings bis auf wenige Ausnahmen keine Führungsposition bekleideten. Scheunert war als Direktor der Treuhand-Abteilung Glasindustrie eine Ausnahme und berichtet von nur bedingt geglückten Versuchen die Abwicklung von unrentablen Firmen so sozial verträglich wie möglich durchzuführen.

Neben diesen beiden Hauptfiguren stehen Interviews mit zahlreichen Bürgerrechtler, Politiker und Mitgliedern des Treuhand-Vorstandes die zusammen ein ausgewogenes Bild der Treuhand-Arbeit abliefern. Denn hier liegt die größte Stärke des Films: Der Versuch, die schwierige, ja, eigentlich fast unmögliche Arbeit der Treuhandanstalt differenziert zu schildern. Politische Notwendigkeiten, anstehende Wahlen, im Rausch der Einheit versprochene blühende Landschaften und andere hohle Phrasen bestimmten ebenso die Erwartungen an die Treuhand, wie persönliche Interessen, Vorteilsnahme und auch Bestechungsgelder in Millionenhöhe.

Bisweilen droht die Informationsflut den Film zu sprengen, stehen ausführlicher geschilderte Beispiele neben groben Linien, werden Archivaufnahmen von aufgebrachten Angestellten neben Gesprächsfetzen zwangsläufig zynisch wirkender Banker gestellt. Man darf davon ausgehen, dass „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“ nicht das letzte Wort zum Thema Treuhand ist, dass es noch sehr viel zu sagen gibt, bzw. gäbe. Denn ob angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise das Interesse von Politik und Öffentlichkeit an der Aufklärung dieses auch schon ein viertel Jahrhundert zurückliegenden Ausverkaufs der DDR groß ist, mag man bezweifeln. Wie viel mehr Informationen der ursprüngliche Regisseur dieses Films angesammelt hat, zeigt sein gleichnamiges Buch, das bereits erschienen ist. Sein Name darf nicht genannt werden, da er im Streit von der Produktionsfirma geschieden ist. Die nun vorliegende Fassung des Films, so ausgewogen sie ist, ist nicht vom Regisseur abgesegnet, sondern eine Art Produktions-Schnitt. Eine ungewöhnliche Situation, die aber nicht davon ablenken sollte, dass „Goldrausch“ eine unbedingt sehenswerte Dokumentation über einen der großen Skandale der deutschen Geschichte ist.

Michael Meyns

Das Vermögen in der DDR war verstaatlicht, „volkseigen“. In der Bundesrepublik war es frei, marktwirtschaftlich (heute kapitalistisch).

Was konnte, was musste nach dem Mauerfall geschehen, um die beiden Volkswirtschaften miteinander zu versöhnen? Die Bürgerrechtler „drüben“ hatten ganz bestimmte Vorstellungen von der Verteilung des Volksvermögens; zunächst war ja gar nicht die Rede davon, dass beide Staaten sofort vereinigt würden.

Dann ging mit der Wiedervereinigung doch alles sehr schnell. Es musste sofort ein Weg gefunden werden, die Vermögenswerte der DDR zu entstaatlichen, zu privatisieren. Man gründete die Treuhand.

Tausende von Firmen, Fabriken, Hotels, Gaststätten und anderen Betrieben mussten umgewandelt werden. Ein paar Jahre nur hatte man Zeit für einen Prozess, der normalerweise in viel größeren Dimensionen hätte ablaufen müssen. Also wurden Fehler gemacht, kam es zu Naivität und Leichtsinn, herrschte mangelnde Erfahrung, gab es falsch eingesetzte staatliche Milliardensubventionen, kam es wohl auch zu korrupten Geschäften, war sogar Betrug im Spiel. Sofort waren sie zur Stelle, die „Berater“, die Anwälte, die Banken, die Spekulanten, die Investoren, die Gewinnler, die Lobbyisten, die Schnäppchenjäger, die „dahergelaufenen Wessis“.

Die Treuhand war mächtig, Streiks oder Reklamationen der Betroffenen nützten nicht viel. Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren, Hunderte von Betrieben wurden „abgewickelt“, darunter solche, die hätten gerettet werden können. („Nach der Einheit nun die Pleite“, „Für Mitarbeiter der Treuhand Durchfahrt gefährlich“ oder „Kennt ihr das Lied vom Tod“ – solche und ähnliche Sprüche standen auf den Transparenten der Streikenden.)

Allerdings darf auch keineswegs vergessen werden, in welch verwahrlosten Zustand vieles war.

Nicht dass nur Negatives zustande gekommen wäre. Es gab auch sehr viele gute Lösungen. Die Riesenaufgabe in einer so kurzen Zeit zu bewältigen, war einfach nahezu unmöglich.

Nüchtern, minutiös, ausführlich und lehrreich wird alles geschildert – von vielen kompetenten Zeugen und mit viel dokumentarischem Archivmaterial. Zu ändern ist nicht mehr viel, aber wirtschaftspolitische, soziale und gesellschaftspolitische Schlüsse sind daraus sehr wohl zu ziehen.

Thomas Engel