Sound of Heimat

Volksmusik. Kaum eine musikalische Stilrichtung ist bei weiten Teilen der Deutschen so verpönt wie diese. Dass es auch anderes geht, dass deutsches Liedgut auch faszinierend, berührend und schön sein kann zeigt diese interessante Dokumentation, die mit den Augen eines neuseeländischen Musikers durch Deutschland führt.

Webseite: www.soundofheimat.de

Deutschland 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Arne Brirkenstock & Jan Tengeler
Länge: 90 Minuten
Verleih: 3Rosen
Kinostart: 27. September 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Was genau ist eigentlich Volksmusik? Das, was seit Jahrzehnten im Musikantenstadl und ähnlichen Programmen zu hören ist? Oder sind es nicht doch eher die Lieder von Haydn? Und warum ist Volksmusik gerade bei den jüngeren Generationen so in Verruf geraten, zu einem Symbol für Spießigkeit und Langeweile geworden? Solche und ähnliche Fragen dürften die Regisseure Arne Brirkenstock und Jan Tengeler bewogen haben, einen Film über Volksmusik zu drehen. Dass ihr Film „Sound of Heimat“ sehr breit aufgestellt ist, zeigen schon die gleich zwei Untertitel: „Deutschland singt!“ und „Das Roadmovie zur deutschen Volxmusik“. Roadmovie deshalb, weil sich die Regisseure mit Hayden Chisholm einen Protagonisten ausgesucht haben, der auf den Spuren der Volksmusik durch Deutschland reist.

Chisholm ist Neuseeländer, spielt Saxophon und diverse andere Blasinstrumente, lebt seit Jahren in Deutschland, blickt also von Außen nach Innen. Diese Perspektive ermöglicht ihm und damit dem Film einen unverstellten Blick, weitestgehend frei von den Aversionen und Klischees, die vielen Deutschen den Blick auf ihre eigene Kulturgeschichte vernebeln mögen.
Seine Reise beginnt in Köln, wo er ein Lied der Mundartkapelle Bläck Fööss aufspürt, führt ihn nach Franken und Thüringen, später nach Friesland und sogar ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Schon bei den eingeblendeten Ortsnamen deutet sich der Versuch an, die Vielfalt der Regionen aufzuzeigen: So heißt es nicht etwa Köln, Nordrhein-Westfalen oder Bamberg, Bayern, sondern Köln, Rheinland und Bamberg, Franken – ein kleiner, aber bedeutender Unterschied. Diese Regionalität setzt sich auch in den beobachteten Musik- und Tanzrichtungen fort: Chisholm nimmt an einem Jodelkurs teil, trifft einen Hersteller von Bandoneons (einer Art Akkordeon), singt mit dem Leipziger Gewandhausorchester, trifft jüngere und ältere Interpreten mehr oder weniger traditioneller deutscher Lieder. Viel Schönes ist bei dieser Reise zu sehen und zu hören, interessante Entdeckungen zu machen, verblüffende Erkenntnisse zu gewinnen.

Bei allen Stärken lässt es „Sound of Heimat“ leider bisweilen etwas an Tiefe vermissen. Das weite Teile des musikalischen Deutschlands in einem 90 Minuten langen Film außen vor bleiben müssen ist kaum zu vermeiden, dennoch mutet die Fixierung auf ostdeutsche und fränkische Regionen etwas reduzierend an. Selbst der kurze Abstecher nach Köln scheint mehr der Tatsache geschuldet zu sein, dass dort die Filmproduktion ansässig ist, als einem tieferen Interesse an Kölscher Lebensart.

Viel bedauerlicher als diese Reduktion ist allerdings der fast vollständige Verzicht auf Fragen nach den Ursachen der Aversion gegen Volksmusik. Kurz wird irgendwann einmal angedeutet, dass dies irgendwie mit dem Schatten des Nationalsozialismus zu tun haben könnte – dann wird wieder musiziert. Auch die Frage warum es in den letzten Jahren verstärkt jüngere Deutsche gibt, die alte Lieder in traditioneller und modernisierter Form singen und spielen bleibt unbeantwortet. Stattdessen begnügen sich die Regisseure mit der Aneinanderreihung von Anekdoten und Geschichten.

Deren Qualität – was natürlich vor allem die Qualität der Musikanten, der interessanten Menschen bedeutet – ist zu verdanken, dass „Sound of Heimat“ trotz vieler offener Fragen dennoch sehenswert bleibt. Die Tiefe, die wirklich substanzielle Beschäftigung mit der deutschen Volksmusik mag zwar fehlen, aber die Breite der gezeigten Musiker, und Lieder macht dies wieder wett.

Michael Meyns