Gorgonà

Fast nichts geht mehr im Griechenland der nahen Zukunft, das Evi Kalogiropoulou in ihrem Langfilmdebüt „Gorgonà“ skizziert. Inmitten eines von toxischen Männerfiguren beherrschten Stadtstaats kämpfen zwei Frauen ums Überleben. Ein spannender, atmosphärisch reizvoll umgesetzter Stoff, dem allerdings etwas mehr Struktur im Drehbuch gut zu Gesicht gestanden hätte.

 

Über den Film

Originaltitel

Gorgonà

Deutscher Titel

Gorgonà

Produktionsland

FRA,GRC

Filmdauer

95 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Livanou, Amanda

Regisseur

Καλογηροπούλου, Εύη

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Starttermin

18.06.2026

 

Unsere digital geprägte Gegenwart hat „Gorgonà“ längst hinter sich gelassen. In staubig-ausgewaschenen Bildern zeigt Langfilmdebütantin Evi Kalogiropoulou eine weitgehend heruntergewirtschaftete analoge Welt, in der die moderne Technik nicht mehr zum Alltag gehört. Die alten gesellschaftlichen Strukturen sind verschwunden. Das Griechenland der nahen Zukunft ist keine Nation mehr, sondern in Stadtstaaten zerfallen. Von diesen zehren nur noch wenige von ihrem Öl, mit dem sie Handel treiben können. Zwischendurch eingeblendete Nachrichtenbeiträge geben kaum Hoffnung. Untergangsstimmung, wohin man schaut!

 

Der Ort, an dem die junge Maria (Melissanthi Mahut) als Geliebte des lokalen Clanchefs Nikos (Christos Loulis) ums Überleben kämpft, wird dominiert von einer Raffinerie, die noch ein bisschen Wohlstand abwirft. Auch hier scheinen die Tage jedoch gezählt. Symptomatisch für den stetigen Niedergang: der sektenartige Anführer ist sterbenskrank, sucht daher händeringend nach einer Person, die in seine Fußstapfen treten kann. In der engeren Auswahl ist auch Maria, die keine Scheu hat, sich dem Wettbewerb mit seinem männlichen Gefolge zu stellen. Viele von Nikos‘ Mitstreitern sehen in ihr natürlich einen Angriff auf das vorherrschende Patriachat, das im dystopischen Setting von „Gorgonà“ bezeichnenderweise nicht hinweggefegt wurde.

 

Maria will sich behaupten, es den muskelbepackten Anhängern ihres Lovers gleichtun, Härte demonstrieren. Aber dann taucht die mysteriöse Sängerin Eleni (Aurora Marion) in der Stadt auf und ermuntert sie, gegen das System, gegen den Guru aufzubegehren. Ein Weg, der persönliche Freiheit bedeuten könnte. Wie praktisch, dass Maria offenbar, ebenso wie ihre in Rückblenden zu sehende tote Mutter, übernatürliche Fähigkeiten besitzt.

 

Evi Kalogiropoulou, eine in Athen geborene Filmemacherin und visuelle Künstlerin, nimmt sich in ihrem ersten abendfüllenden Kinobeitrag einiges vor, präsentiert einen ambitionierten Genremix, der immer wieder auch große gegenwärtige Diskurse aufgreift. „Gorgonà“ beschreibt eine toxische Männerwelt, möchte von weiblicher Solidarität, weiblicher Selbstermächtigung erzählen und schmeckt dies mit einer queeren Lovestory ab. Schon früh ist erkennbar, dass Maria und Eleni sich zueinander hingezogen fühlen. Leider nimmt sich das Drehbuch, das die Regisseurin zusammen mit Louise Groult verfasste, nicht genügend Zeit für die Annäherung der Protagonistinnen – was zu Lasten der emotionalen Wucht geht.

 

Überhaupt wechseln sich positive und schwächere Eindrücke ständig ab. Manche Momente besitzen eine enorme Intensität. Die Aufnahmen der dahinsiechenden Stadt bilden einen aufregenden atmosphärischen Rahmen. Und der Cocktail aus Westernanleihen, „Mad Max“-Bezügen, Anspielungen auf die griechische Mythologie und Superheldenmotiven wirkt erfrischend unberechenbar. Andererseits ruckelt es bei derart vielen verschiedenen Einflüssen und Ideen zwangsläufig, erscheinen bestimmte Aspekte nicht zu Ende gedacht, kippt der mit Symbolen stark aufgeladene Film mitunter zu sehr ins Plakative. Was sich außerdem nicht ganz kaschieren lässt: Obwohl Evi Kalogiropoulou den männlichen Waffenfetisch aufs Korn nehmen will, neigt ihre Inszenierung gelegentlich dazu, ihn stattdessen fast schon zu glorifizieren.

 

Christopher Diekhaus

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