Graefin, Die

Es war einmal eine ungarische Adelige, Erzebet Bathory genannt, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts dem Wahn verfiel, durch Benetzung ihrer Haut mit jungfräulichem Blut ewige Schönheit erreichen zu können. Ob nun 150 oder 600 Jungfrauen ihr Leben dafür gelassen haben, ist eher Sache der Legendenbildung. Julie Delpy jedenfalls versucht als Hauptdarstellerin und Regisseurin, die menschliche Seite der gefürchteten Gräfin aufzuzeigen. Das allerdings gelingt ihr in ihrem historisch motivierten Kostümfilm nebst angedichteter Liebesgeschichte nur bedingt.

Webseite: www.diegraefin.x-verleih.de

Deutschland/Frankreich 2008
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Daniel Brühl, William Hurt, Anamaria Marinca, Sebastian Blomberg, Charly Hübner, Adriana Altaras, Anna Maria Mühe
98 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 25.6.2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Galopp Galopp reitet Daniel Brühl als Graf Istvan Thurzo durch dicht bewaldetes Hügelland, um ein paar Einstellungen später am Grab der Erzebet Bathory (1560-1614) zu stehen – und als Erzähler von jener Frau zu berichten, die als „Blutgräfin“ Legende ist. Dass Thurzo im zarten Alter von 21 Jahren ein Verhältnis mit der etwa 18 Jahre älteren ungarischen Gräfin hatte, wurde von seinem machtbesessenen Vater (William Hurt) nicht gerne gesehen, weshalb Liebesbriefe der beiden ihr Ziel nie erreichten. Schlimmer noch: Thurzo der Ältere lässt die Gräfin glauben, ihr Geliebter habe sich mittlerweile für eine andere entschieden. In ihrer Wut schlägt die gekränkte Adelige eine Bedienstete und glaubt, das ihr ins Gesicht gespritzte Blut hätte eine hautverjüngende Wirkung. Die Geschichte der Naturkosmetik erlebt mit dieser Entdeckung eine düstere und folgenschwere Geburtsstunde.

War man von Julie Delpy zuletzt verträumt-romantische Rollen und Filme gewohnt, erstaunt die Tragik und Drastik ihrer zweiten Regiearbeit. Sie habe, hat Delpy bei der internationalen Premiere von „Die Gräfin“ im Februar bei den Berliner Filmfestspielen gesagt, ihre dunkle Seite zeigen wollen. So locker-flockig-unbeschwert sie in Richard Linklaters „Before Sunrise“/„Before Sunset“ und ihrem eigenen „Zwei Tage in Paris“ auftrat, so spröde ist ihr nun „Die Gräfin“ geraten.

Aber vielleicht muss man einfach auch nur außer Acht lassen, für was Julie Delpy bisher stand, sich einlassen auf die sie so faszinierende Geschichte einer Frau in einer von Männern dominierten und von Grausamkeiten bestimmten Welt. Erzebet will nicht das brave Mädchen sein, das zu allem Ja und Amen sagt. Schon als Kind begräbt sie ein lebendiges Kanarienvögelchen in einem Topf mit Erde, wundert sich, dass anders als bei Pflanzen keine Keime treiben, sondern ein paar Wochen später statt dessen Würmer anstelle des Vogelleichnams getreten sind. Sie lernt, Gefühle für sich zu behalten, nach außen hart und rücksichtslos zu erscheinen. Als ihr Mann stirbt, übernimmt sie vollends das Kommando auf der Burg Cachtice irgendwo im Gebiet zwischen Österreich und Ungarn. Dann entdeckt sie eines Tages die Wirkung jungfräulichen Blutes für ihre Haut.

In ihrem Wahn ist Erzebet nun nicht mehr aufzuhalten. Die Ausblutungsszenen geben der Geschichte etwas vampirhaft-gruseliges, nahe allerdings schon an der Grenze zur Parodie. Auch Sebastian Blombergs Rolle als sado-masochistisch veranlagter Teilzeitgefährte trägt bei aller Ernsthaftigkeit solche Züge. Vielleicht weil die durchaus überzeugend auftretende Delpy einmal komplett anders sein wollte als in ihren bisherigen Rollen, betont sie die negativ belegten Charakterzüge mehr als nötig, erreicht damit aber nur ein Gefühl von Behauptung, nicht von Authentizität. Ganz besonders drückt sich dies auch bei Daniel Brühl aus. Man mag es der Schüchternheit seiner Rolle zuschreiben: was er uns als Erzähler mitteilt, wird in keiner seiner Szenen spürbar. Mehr gesehen hätte man hingegen gerne von Anna Maria Mühe als erstem Opfer und Anamaria Marinca als Ratgeberin und zeitweiliger Gespielin der Gräfin.

Julie Delpy hatte sich viel vorgenommen für ihren Film, vielleicht zu viel. Indem sie die Bathory als Leidende zeigt, versucht sie ihr als Opfer, nicht als Täterin eine menschliche Seite abzugewinnen. Ihr in dieser Hinsicht zu folgen, fällt jedoch – bei allen schauspielerischen Qualitäten – schwer, lässt sich ein stückweit aber auch in der Unvereinbarkeit von Distanziertheit und Hingabe, bzw. Stärke und Schwäche ihrer Figur erklären.

Thomas Volkmann

Die ungarische Gräfin Erzebet Bathory lebte von 1560 bis 1614. Sie war aus fürstlichem Geschlecht, reich, lieh gar dem König Geld. Sie war herrisch und grausam zugleich, aber so unglücklich in ihrer Liebe, dass sie fast den Verstand verlor. Sie litt unter dem Älterwerden und der damit vergehenden Schönheit. Und sie endete schmählich.

Soweit das, was verbürgt ist. Was im Laufe der folgenden Jahrhunderte an Gerüchten und Legenden dazukam, ist meist pure Phantasie. Julie Delpy hat sich in ihrem jüngsten Film der Sache angenommen.

Schon früh wurde Erzbet einem Mann versprochen, wie es damals üblich war. Sie gebar drei Kinder. Der Ehemann war mit dem Kampf gegen die Osmanen beschäftigt und so gut wie nie anwesend. Er starb früh.

Der schon ältere, aber sehr begüterte Graf Thurzo wollte die Witwe ehelichen. Welche Macht würde in der Vereinigung der beiden Besitztümer stecken! Erzbet lehnte ab. Wenig später lernt sie auf einem Ball Thurzos Sohn Istvan kennen und verliebt sich unsterblich in ihn. Er ist 21, sie 39.

Der alte Graf aber untergräbt alles, befiehlt seinem Sohn eine Heirat in Dänemark, schickt an Erzbet gefälschte Briefe. Deren Glück ist dahin.

Sie ist verzweifelt, dem Wahnsinn nahe. Sie bildet sich in ihren Phantasmagorien ein, sie sei alt, ihre Schönheit sei geschwunden. Sie lässt sich auf Zaubereien ein – und meint schließlich, von ihr verwendetes Jungfrauenblut würde ihre Schönheit zurückbringen. Deshalb lässt sie junge Mädchen töten – wie viele weiß niemand (und inwieweit die Vielzahl, von der gemunkelt wird, den Tatsachen entspricht ebenfalls nicht). Jedenfalls zittert ihre Umgebung vor ihr und hält es für gewiss, dass sie eine Mörderin, ja gar eine Massenmörderin ist.

Paradoxerweise gehört Istvan zu denen, die ihr das Handwerk legen und sie vor Gericht bringen müssen. Erzbet wird verurteilt und endet eingemauert im Kerker.

Wie gesagt Geschichte und Legende vermischen sich hier. Julie Delpy wollte sich dennoch mit dieser zwiespältigen Person auseinandersetzen: mit ihrer standesbedingten Herrschsucht; mit ihrem Liebesunglück, das sie um den Verstand bringt; mit ihrer Angst vor dem Altern; mit ihrem blutigen Schönheitswahn; mit ihrem seelischen Gegensatz zwischen liebender Frau und Mutter einerseits und teuflischer Mörderin andererseits; mit der Kluft zwischen Dichtung und Wahrheit.

Wer dem Thema nicht allzu viel abgewinnen kann oder zu der Ansicht kommt, die Phantasie, die Grausamkeit oder das Unwahrscheinliche sei mit dem Film durchgegangen, der kann sich immer noch an der noblen, einfach aber geglückt gestalteten Form und an dem schönen Bild der Epoche laben. Natürlich auch am Spiel der gut gewählten Protagonisten: Julie Delpy (Erzbet), William Hurt (Graf Thurzo) und Daniel Brühl (Istvan), die stringent agieren.

Thomas Engel