Green Wave, The

Im Sommer 2009 begehrten unter weltweiter Anteilnahme die Menschen im Iran gegen das Mullah-Regime auf und gingen mutig auf die Straße. Die Farbe "Grün" der Anhänger von Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mussawi wurde zum allgegenwärtigen Symbol eines möglichen Wandels. Doch das Regime unter Ahmadineschad ging mit Gewalt gegen die friedliche Revolution, gegen Oppositionelle, Aktivisten und Demonstranten vor. Mit einer Art Dokumentarfilm-Collage will der in Deutschland lebende, aus dem Iran stammende Regisseur Ali Samadi Ahadi ("Lost Children", "Salami Aleikum") die Erinnerung an die dramatischen Geschehnisse aufrecht erhalten und erzählt von den Gefühlen der Menschen hinter der Revolution.

Webseite: www.thegreenwave-film.com

Deutschland 2010
Regie, Drehbuch: Ali Samadi Ahadi
Kamera: Peter Jeschke, Ali Samadi Ahadi
Länge: 80 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 24. Februar 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die iranische Reformbewegung hatte moderate Hoffnungen in die Wahl vom Sommer 2009 gesetzt. Im Zuge der immer größer werdenden Unzufriedenheit im Lande wurde der gemäßigte Mir Hossein Mussawi zur Symbolfigur für den Wunsch nach Wandel. Die Demonstranten scharten sich unter dem grünen Banner. Grün, die Farbe des Islams, wurde von ihnen umgedeutet zur Farbe der Hoffnung auf Veränderung. Doch dann schlug das Regime des ultrakonservativen Islamisten Mahmud Ahmadinedschad zurück. Die Wahlen wurden so provokant manipuliert, dass in den Tagen danach in Teheran und anderswo Hunderttausende auf die Straßen gingen. Die gewaltigen Protestdemonstrationen wurden von den Schergen des Regimes blutig aufgelöst. Menschen, die auf den Demos friedlich nach dem Verbleib ihrer Wahlstimme fragten, wurden inhaftiert, zusammengeschlagen, gefoltert und getötet. Der Opposition blieb ein weiteres Mal nur der ohnmächtige Rückzug ins Private.

Mit seiner ungewöhnlichen Dokumentation über die Ereignisse der „grünen Revolution“ möchte der in Deutschland lebende Iraner Ali Samadi Ahadi ( „Lost Children“,„Salami Aleikum“) die Erinnerung wachhalten. Moderne Kommunikationsformen wie Twitter, Internetportale, Handy-Filme und Blogs, die rund um den 12. Juni 2009 von der Opposition als Gegenmittel zu den staatlichen Medien benutzt wurden, finden sich auch im Film wieder. Interviews mit namhaften Reformern wie der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, dem schiitischen Geistlichen Dr. Mohsen Kadivar, einem der wichtigsten Kritiker der islamischen Republik, der jungen Journalistin Mitra Khalatbari, dem ehemaligen UN-Ankläger und Spezialisten für Menschenrechtsfragen Prof. Dr. Payman Akhavan, sowie dem Blogger und Musawi-Aktivisten Mehdi Mohseni helfen mit, die Geschehnisse jener Tage einzuordnen.

Andere Blogger-Beiträge aus diesen Tagen werden im Film zu zwei fiktiven Figuren gebündelt, der Studentin Azadeh und dem Studenten Kaveh, deren Gedanken und Erlebnisse als Motion Comic durch die Ereignisse führen. Das Resultat ist eine Doku-Collage, die bewusst auch auf Emotionen setzt und in ihrer Eindringlichkeit erschüttert. Dem Ziel des Regimes, die Opposition für alle Zeiten mundtot zu machen und die Zeugnisse der eigenen Gräueltaten der Öffentlichkeit vorzuenthalten, arbeitet der Film entschieden entgegen. Dabei entwickelt die Kombination von Dokumenten, Interviews und fiktiven Figuren eine eigene, ungewöhnlich poetische Bildsprache, die den Betrachter nicht außen vorlässt. Da spielt es auch keine Rolle, dass die einfach gestalteten Stop-Motion-Bilder mit der künstlerischen Ausdruckskraft der Animationen von „Persepolis“ nicht mithalten können. Seinem Anspruch, das Gedenken an die „Grüne Revolution“ wach halten zu wollen, löst „The Green Wave“ allemal ein. Er wird zum beeindruckenden filmischen Denkmal für all jene mutigen Menschen, die das Regime gerne für immer zum Schweigen bringen möchte.

Norbert Raffelsiefen

Vorgeblich eine Dokumentation, mutet „The Green Wave“, Ali Samadi Ahadis Film über die letzten Präsidentschaftswahlen im Iran und ihre blutigen Folgen, oft wie ein Agitpropfilm an. Dokumentaraufnahmen und animierte Sequenzen verwischen objektive mit subjektiven Elementen und lassen den Film zu einer allzu ideologisch gefärbten Anklage gegen die ungeliebte Regierung werden.

Dass die Bezeichnung „Dokumentation“ zunehmend aufgeweicht wird und nur noch selten der ursprünglichen Bedeutung des Wortes nahe kommt, lässt sich seit Jahren beobachten. Zwar gab es schon immer Regisseure, die sich nicht mit offenen Erwartungen in eine Region oder zu einer Person begaben, um diese mit möglichst objektivem Blick zu porträtieren, die Anzahl der „geschriebenen Dokumentationen“ – eigentlich schon ein Widerspruch in sich – hat jedoch deutlich zugenommen. Ali Samadi Ahadis Film über die so genannte „grüne Revolution“ im Iran bildet da keine Ausnahme. Das Thema ist hoch interessant, brisant, umstritten und vor allem komplex. Auf der einen Seite steht der seit 2005 amtierende iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad, der auf Grund seiner konservativen Politik, vor allem aber seiner bisweilen unverhohlen antisemitischen Kritik an Israel und einer umstrittenen Atom-Politik zur Hassfigur weiter Teile der westlichen Welt, insbesondere der ehemaligen Bush-Administration geworden ist. Auf der anderen Seite stand im Jahre 2009 der gemäßigte Kandidat Mir Hussein Mussawi, der vor allem bei der jungen iranischen Bevölkerung die Hoffnung auf soziale und politische Reformen weckte. Die Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 verlor Mussawi jedoch mit weitem Abstand, was zu Vorwürfen der Wahlmanipulation und tagelangen Demonstrationen auf den Straßen der Hauptstadt Teheran führte, die von Polizei und Geheimdiensten des Regimes mit großer Brutalität niedergeschlagen wurden.

Viel Stoff für eine Dokumentation, viele Themen und Ansätze, die zu kontroverser Darstellung einladen würden. Besonders der Einfluss des Internets, vor allem von Blogs und Twitter-Nachrichten, die auch den Rest der Welt fast hautnah an den Ereignissen teilnehmen ließen, stachen hervor. Sie bilden den Kern von Ahadis Film, aber auch den Kern des Problems. In grob animierten Sequenzen (die unweigerlich an das offensichtliche Vorbild „Waltz with Bashir“ erinnern) bebildert Ahadi Blogeinträge, die zwangsläufig ein komplett einseitiges Bild der Ereignisse abliefern. Das mag für die zweifelsohne abstoßenden Misshandlungen, die Demonstranten in den Gefängnissen der Geheimpolizei erlitten, ein probates Mittel sein. Wenn es aber an die Darstellung der iranischen Politik geht, vor allem aber um die Frage, ob die Wahl manipuliert war oder nicht, wäre eine differenziertere Darstellung nötig gewesen. Stattdessen kommen ausschließlich Exil-Iraner zu Wort, die aus regimekritischer Sicht argumentieren, aber zum Beispiel in keiner Weise deutlich werden lassen, auf welche Weise Mussawi plante, notwendige Reformen durchzusetzen oder ganz allgemein zu fragen, welche Ziele die angestrebte „grüne Revolution“ überhaupt hatte. So verschenkt „The Green Wave“ trotz interessanter Aussagen und Ansätze die Chance, einen differenzierten Blick auf den Iran und die umstrittenen Wahlen von 2009 zu werfen und entscheidet sich stattdessen für eine Form, die nur bedingt als Dokumentation zu bezeichnen ist.

Michael Meyns

In jedem diktatorisch geführten Staat versucht eine mehr oder minder starke Opposition, mehr Freiheit und mehr Gerechtigkeit zu erreichen. Das ist auch im Iran seit Jahrzehnten so.

Im Sommer 2009 keimte neue Hoffnung auf. Der ebenso fanatische wie unbeliebte Präsident Ahmadineschad hätte durch die damals fällige legale Wahl abgesetzt werden können. Die Widerständler rechneten fest damit.

Doch es kam anders. Ob Manipulation im Spiel war, ist nicht genau zu eruieren. Die Opposition zweifelte nicht daran.

Sie ging deshalb auf die Straße. Überall grüne Fahnen, grüne Tücher, grüne Kleidungsstücke – ihre Symbolfarbe.

Das Regime zögerte nicht lange, vor allem da auch der oberste Geistliche Ahmadineschad bestätigte.

Mit roher Gewalt gingen die Schläger des Regimes vor: mit Prügeln, mit Schusswaffen, mit Motorrädern. Es gab Razzien, Verhaftungen, Verschleppungen, Verhöre, ja sogar Vergewaltigungen.

„The Green Wave“ ist kein Phantasiefilm. Mit vielen authentischen Bildern der damaligen Ereignisse wird die Wahrheit dokumentiert. Man konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas in einem Staat, der ein Gottesstaat sein möchte, geschehen kann. Die Ayatollahs und Mullahs sind bloßgestellt.

Mit Handyaufnahmen, Blogs, nachgestellten Szenen, Facebook-Mitteilungen, Twitter-Mitschnitten und anderen Internet-Beiträgen wird alles geschildert. Wichtige Persönlichkeiten, darunter eine Friedensnobelpreisträgerin, kommentieren die traurigen Vorkommnisse, das Vorgehen des Regimes, die politischen und gesellschaftlichen Folgen, die geringe Hoffnung, dass sich in absehbarer Zeit Entscheidendes ändern wird.

Ein erschütterndes wenn auch einseitiges Dokument, das der Information, der Aufklärung und nicht zuletzt der Gegnerschaft zu allem dient, was die Diktatur, die Unfreiheit, die Ungerechtigkeit, die Gewalt und die Manipulation der Bevölkerung unterstützt, und sei es, wie im Iran, im Namen einer Religion.

Thomas Engel