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Was haben ein britischer Lokführer, eine philippinische Mutter, ein südafrikanischer Elektriker und eine bolivianische Landfrau miteinander gemeinsam? Ihr aller Leben hat durch die Privatisierung der Wirtschaft eine Wende genommen – nicht immer zum Vorteil der betroffenen Menschen. Anhand dieser persönlichen Schicksale und Biografien versucht der deutsche Filmemacher Florian Opitz, auf eine gefährliche, dem Profit geschuldete Entwicklung aufmerksam zu machen. Zugleich zeigt „Der große Ausverkauf“ auch Menschen, die sich diesem Trend zur Wehr setzen. Ein hoffentlich aufrüttelnder Beitrag!

Webseite: www.dergrosseausverkauf.de

Deutschland 2007
Regie: Florian Opitz
Dokumentarfilm
94 Minuten
Verleih: Majestic Filmverleih (Start am 17.5.07)

PRESSESTIMMEN:

n Beispielen aus Großbritannien, Südafrika, Bolivien sowie von den Philippinen werden vier Schlüsselbereiche der kommunalen Versorgung – Verkehr, Gesundheit, Strom, Wasser – thematisiert. Dabei prangert der überzeugende Dokumentarfilm die Kehrseiten zunehmender Privatisierung an, in der die Staaten die Lösung ihrer finanziellen Probleme sehen, ohne die Folgen für die Betroffenen abzuwägen. Ohne ideologische Scheuklappen bezieht der kommentarlose Film Position und untermauert diese mit dezidiert filmischen Bildern.
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FILMKRITIK:

Wenn in den Nachrichten und Wirtschaftsberichten von den Umwälzungen und Veränderungen im Wirtschaftssektor oder im öffentlichen Dienst die Rede ist, werden meist Umsatzrenditen, Gewinnaussichten und allerlei beeindruckende Statistiken ins Feld geführt. Die Menschen dahinter bleiben unsichtbar. Joseph E. Stiglitz, 2001 Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, vergleicht die Wirtschaftspolitik in diesem Zusammenhang mit moderner Kriegsführung und einer Entmenschlichung der Prozesse. Mit seinen Porträts macht Florian Opitz nun Gesichter und Einzelschicksale hinter Privatisierungsentscheidungen sichtbar.

Es gibt da diesen einen schönen Satz des britischen Lokführers Simon Weller: „Warum sollen wir kaufen, was uns eigentlich schon gehört?“ Gemeint ist, dass die mit Staatsgeldern, also auch von den Steuern seiner Bürger, finanzierte British Rail nach ihrer Privatisierung in Form von Aktienanteilen in den (Teil)Besitz der Bürger gehen soll. Dass heute kaum ein Brite in einen der über 100 privaten Bahnbetriebe investieren mag, ist aufgrund der unsäglichen Zustände des gesamten britischen Eisenbahnwesens naheliegend. Marode Schienen werden nicht repariert, es kommt zu ständigen Verspätungen, teils auch katastrophalen Unfällen. Für neue Uniformen aber scheint nach jeder neuen Umfirmierung Geld vorhanden zu sein. „Immerhin die Hersteller von Uniformen haben ein Riesengeschäft gemacht“, kommentiert ein Bahnbediensteter lakonisch.

In Südafrika ist es der Stromkonzern Eskom, der die Bürger von (nicht nur) Soweto seit der Privatisierung schikaniert. Weil es Leute wie der etwa 30-jährige Bongani wagen, gesperrte Stromleitungen wieder zu aktivieren, schaltet der Konzern Werbefilme im Fernsehen, die zur Denunzierung der Stromrebellen aufrufen. Um offenen Stromrechnungen nicht mehr hinterherlaufen zu müssen, installiert die mit Preiserhöhungen nach der Privatisierung nicht zimperliche Stromfirma Systeme, bei denen es den elektrischen Saft nur noch mittels Pre-Paid-Karten gibt. An kalten Wintertagen sind diese schneller aufgebraucht als die Bude warm wird.

„Der große Ausverkauf“ zeigt jedoch auch die Zusammenhänge auf, warum etwa an einem Gesundheitswesen wie auf den Philippinen gespart wird. Oft nämlich müssen Regierungen hohe Auflagen erfüllen, um in den Genuss von Finanzspritzen der Weltbank oder des Internationalen Währungsfonds zu kommen. Während philippinische Ärzte und Krankenschwestern besser bezahlte Stellen in den USA oder im Ausland annehmen und dadurch manches staatliche Krankenhaus wegen Personalmangel schließen muss, hat es die nach dem Verkauf ihres Hauses in einem Slum lebende Minda immer schwerer, regelmäßig Geld für die notwendigen Dialysen ihres nierenkranken Sohnes aufzutreiben. Den Bürgern der bolivianischen Stadt Cochabamba hingegen ist es nach heftigem Widerstand bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen gelungen, eine Privatisierung der Wasserversorgung abzuwenden. Selbst das Sammeln von Regenwasser in Tonnen hatte die mit einem US-Konzern in Verbindung stehende Wasserfirma untersagt. 

„Der große Ausverkauf“ ist kein Film, der in Michael Moore-Manier die Profiteure der Privatisierung beschimpft, sondern mögliche Auswirkungen zeigt. Es ist auch nicht „noch ein Film“ über die Globalisierung, sondern ein Beitrag, der dem Zuschauer eine immer komplizierter werdende Welt anhand authentischer Beispiele näher bringt. Opitz Film macht deutlich, wie wichtig es ist, nicht vorbehaltlos ins Hohelied globaler Privatisierungsprozesse einzustimmen. Gerade das Beispiel der einst hochprofitablen und bestens funktionierenden englischen Eisenbahn zeigt, was uns mit der Entstaatlichung der Deutschen Bahn blühen könnte. Simon Weller merkt an: „Die britische Eisenbahn wird heute nach der Privatisierung mit mehr als doppelt so vielen Steuergeldern subventioniert als vorher.“ Am Ende sind es die Menschen, die den Preis dafür bezahlen.

Thomas Volkmann

 
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Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit seinen total vergesellschafteten Produktionsmitteln kam die Privatisierung dieser Mittel in Mode. Welche verheerenden Nachteile das haben kann, zeigt dieser bewegende Dokumentarfilm an Beispielen aus Soweto (Südafrika), Cochabamba (Bolivien), Manila (Philippinen) und der Eisenbahnmisere in Großbritannien. Nicht dass Deutschland davon verschont wäre. Auch hier haben sich, um nur ein Beispiel zu nennen, vier große Energiekonzerne den Elektrizitätsmarkt aufgeteilt und gestalten die Bedingungen, wie sie wollen. Die Bevölkerung ist dem ausgeliefert.

Die Privatisierung einst öffentlicher Sektoren hat dazu geführt, dass das Streben nach Effizienz und Profit heute an erster Stelle steht. So gut wie überall. Was gilt heute? Soziale Marktwirtschaft oder Kapitalismus?

In den Townships von Soweto hat eine Firma das Elektrizitäts-, eine andere das Wassermonopol. Wer nicht zahlt oder zahlen kann, dem wird Strom oder Wasser abgestellt. Die Folgen sind erbarmungswürdig. Tausende von Leitungen werden gekappt. Eine illegale Organisation hat sich gebildet, die das Abstellen der Stromleitungen rückgängig macht. Ihr Anführer kam vier Monate nach den Dreharbeiten zu diesem Film unter „ungeklärten“ Umständen ums Leben.

Auf den Philippinen wurde das Gesundheitswesen weitgehend privatisiert. Jetzt muß die 53jährige Minda die Dialyse für ihren 19jährigen Sohn selbst bezahlen. Sie hat kein Geld. Ihr Lebensinhalt besteht darin, die jeweils nötige Summe aufzutreiben. Gelingt das nicht, ist der junge Mann zum Sterben verurteilt. Ein Krankenpfleger berichtet über erschütternde Zustände. Jährlich verlässt ein großer Teil der Ärzte und Krankenschwestern das Land. Tausend Krankenhäuser wurden geschlossen.

In Cochabamba, der drittgrößten Stadt Boliviens, wurde vor einigen Jahren die Wasserversorgung – mit einem Vertrag bis 2039 – privatisiert. Die Bedingungen waren hart, die Preise hoch. Sogar Regenwasser sollte nicht gesammelt werden. Dahinter stand ein amerikanischer Konzern. Die Bevölkerung revolutionierte. Das Kriegsrecht wurde ausgerufen, Scharfschützen positioniert. Der Kampf gegen die Polizei des Landes dauerte lange. Aber schließlich gewann das Volk. Die Menschen genießen wieder ihr Wasser.

In Großbritannien wurde die Eisenbahn privatisiert. Die Sozialisten setzten fort, was die Torys begonnen hatten. In den letzten Jahren verschlechterte sich beispielsweise im Gleisbereich die Lage dramatisch. Viele Gesellschaften teilen sich jetzt den Kuchen. Dreimal war ein schweres Zugunglück die Folge. Die Firmen sorgen nicht für eine neue Infrastruktur, sondern für neue Uniformen für die (immer weniger) Bediensteten. Das Lösen einer Fahrkarte für eine Reise durch das ganze Land ist ein logistischer Albtraum. Ein Gewerkschafter schildert die Lage. Das einst gut funktionierende System ist dahin.

Der Film enthält viele erschütternde Situationen und Bilder. Es wurden extreme Fälle ausgewählt, und insofern war nicht Objektivität das Anliegen. Aber der Streifen macht unmissverständlich und notwendigerweise deutlich, wohin reine Profitgier führt. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfond kommen zu Wort. Sie sind Verteidiger der Privatisierung und versuchen die Auswüchse kleinzureden. Doch ein „bekehrter“ Nobelpreisträger wird deutlich. 

Ein subjektiver und einseitiger, aber aufklärender und notwendiger Dokumentarfilm. 

Thomas Engel