Joe Strummer – The Future is Unwritten

Die Frage nach „Should I stay or should I go“ lässt sich bei Julien Temples umfassendem Musiker- und Musikgeschichtsporträt leicht beantworten. Natürlich bleibt man gerne und schaut gespannt zu, wie nicht nur die ruhmvollen Jahre der britischen Punkrockband The Clash, sondern auch Joe Strummers weitere künstlerische Karriere eingehend beleuchtet und von hinlänglich bekannten Weggefährten und Freunden wie Gitarrist Mick Jones, Schauspieler Steve Buscemi oder Regisseur Jim Jarmusch kommentiert werden. Ein sehenswertes Manifest über eine immer auch politisch denkende Musikerikone und ihre Zeit.

Webseite: neuevisionen.de

Irland/Großbritannien 2007
Regie: Julien Temple
Dokumentarfilm mit Mick Jones, Johnny Depp, John Cusack, Jim Jarmusch, Bono, Matt Dillon
123 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 24.5.07

PRESSESTIMMEN:

 

Ein liebevolles Porträt des 2002 gestorbenen Punk-Rockers Joe Strummer ("The Clash"), das den Werdegang des Musikers nachzeichnet und zugleich seinem widersprüchlichen Charakter in all seinen Facetten gerecht wird. Dabei macht der Regisseur keinen Hehl aus seiner freundschaftlichen Nähe zum Porträtierten.
film-dienst

…wie ein visueller Schlagzeugwirbel. Regisseur Julien Temple lässt Strummers leben in einer MOntage vorbeirauschen, die so unwiderstehlich vorantreibt wie dessen Songs, er mischt Spiel-, Trick- und Dokumentarfilmelemente genauso wild wie der geniale Eklektiker die Musikstile. …ein mitreißendes und lehrreiches Porträt.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Mit den Anfängen der Punkbewegung in England kennt sich Regisseur Julien Temple bestens aus. Noch während seines Studiums an der National Film School in London drehte er im Umfeld der Sex Pistols und The Clash und machte sich mit „The Great Rock’n’Roll Swindle“ (1979) einen Namen. Dass Temple irgendwann auch einen Dokumentarfilm über Clash-Frontmann Joe Strummer drehen würde, lag längst auf der Hand. Fünf Jahre nach dem Tod des 1952 unter dem bürgerlichen Namen John Graham Mellor in der Türkei geborenen Rock’n’Roll-Philosophen liegt dieses Porträt nun vor.

 

Was „The Future is unwritten“ so wertvoll und auch spannend macht, ist die Fülle an verwendetem Material. Nachrichten- und Werbeclips dokumentieren dabei nicht nur eine zeitgeschichtliche Einordnung der Ereignisse mit Beginn der späten 1960er Jahre bis zu Strummers Tod, auch aus dem privaten Fundus der Diplomatenfamilie finden sich zahlreiche Fotos, Filme und Homevideos. Auch dass Strummer ein geübter Cartoonist war – und dies ohne musikalische Laufbahn wohl auch geworden wäre – schlägt sich immer wieder nieder. Die Verwendung von Originalaufnahmen des 1954 entstandenen Zeichentrickfilms „Animal Farm“ ist dabei sowohl als politisches Statement wie auch als Ausdruck des damaligen Zeitgeistes, gegen den Strummer und die Punkbewegung ihre Stimme erhoben, zu verstehen – und inmitten des umfangreichen Infomaterials ein hübscher Farbtupfer. Die Filmausschnitte machen aber auch insofern Sinn, als George Orwell für The Clash einen wichtigen literarischen Einfluss darstellte und sich Strummers vor The Clash aktive Band „The 101’ers“ nach der Folterkammer in „1984“ benannt hatten. 

Als wiederkehrendes Stilmittel hat Julien Temple immer wieder auch Interviewsituationen vor einem Lagerfeuer genutzt. Joe Strummer liebte es, die Nacht mit Freunden vor den wärmenden Flammen zu verbringen, zu reden und Musik zu machen. Beim Festival von Glastonbury gehörte ein solches Lagerfeuer im Backstagebereich auf Strummers Anregung hin zum festen Bestandteil und hatte insofern auch Bedeutung, als jeder mit am Feuer seine persönliche Meinung offen sagen durfte. Bei Temple erinnern sich nun ehemalige Weggefährten an Joe Strummer.

Natürlich kommt auch die Musik in dieser Dokumentation nicht zu kurz, wobei sich der Soundtrack hier nicht nur auf Songs der Clash festlegt. Auch die wiederholten Engagements als Schauspieler (u.a. in Jim Jarmuschs „Mystery Train“) werden beleuchtet. Temple zeigt seinen Helden aber immer auch als einen Mann, der seine eigenen, oftmals visionären Einstellungen zu Politik und Künstlerberuf stets ernsthaft hinterfragte und sein Leben entsprechend ausrichtete. Gerade diese Aussagen machen Strummer zu einer wahrhaftigen und charismatischen Figur, was die vielen Aussagen von Bono über die Weinstein-Brüder bis hin zu Johnny Depp im Jack-Sparrow-Look nur unterstreichen (auch wenn die Fülle an Hollywood-Köpfen etwas zu offensichtlich auf ein entscheidungsförderndes Namedropping an der Kinokasse zu schielen scheint). Die Energie, die Strummer zeitlebens antrieb, sie wird auch in diesem elektrisierenden – und nicht nur an Fans von The Clash gerichteten – Dokumentarfilm wieder lebendig.

Thomas Volkmann