Oskar und die Dame in Rosa

Jeder einzelne Tag trägt das Gewicht von zehn Jahren. Auf diese Weise durchlebt der todkranke kleine Oskar seine Zukunft im Schnelldurchlauf. Die „Dame in Rosa“ hilft ihm Jugend, Reife und Alter heiter zu durchschreiten. Für seinen in 40 Sprachen übersetzten Bestseller hat Eric-Emmanuel Schmitt die Regie selbst übernommen. Seine stark stilisierte, komödiantische Tragödie für die ganze Familie überzeugt mit starken Titelfiguren – und wird niemanden ungerührt lassen.

Webseite: www.oskarunddiedameinrosa.de

Frankreich 2009
Regie und Buch: Eric-Emmanuel Schmitt
Darsteller: Amir, Michèle Laroque, Max von Sydow, Amira Casar, Mylène Demengeot
Musik: Michel Legrand
Länge: 105 Min.
Verleih: Kinowelt
Start: 7. Oktober 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Oskar hasst seine Eltern, weil sie Angst vor ihm haben. Sie meiden den Zehnjährigen, seit sie erfahren haben, dass er an Leukämie sterben wird. In dem altmodischen Krankenhaus, das lauter schwerkranke Kinder beherbergt, flüchten sich auch der Arzt (Max von Sydow) und die Oberschwester (Amira Casar) in distanzierte Höflichkeit. Selbst Oskars Streiche kommentieren sie wohlwollend. Erst Rose (Michèle Laroque), die in ein rosa Kostüm gekleidete Inhaberin der Kleinfirma „Pinky Pizza“, nimmt kein Blatt vor den Mund, als Oskar (Amir Ben Abdelmoumen) sie zufällig im Treppenhaus anrempelt. Er erntet eine Schimpfkanonade. Endlich ein offenes Wort. Oskar will nur noch mit ihr reden, mit niemanden sonst.

Die burschikose Rose wird in ihrer Abneigung gegen Krankenhäuser zunächst nur widerstrebend zu Oskars Vertrauensperson, doch durch seine bedingungslose Zuneigung entfaltet sich ihr großes Herz. Oskar hat nur noch wenige Tage zu leben. Da Rose ihm den Vorschlag macht, jeden Tag wie ein Jahrzehnt zu erleben, haben es diese zehn Tage in sich. Mit Rose an der Seite durchlebt Oskar seine Flegeljahre, den ersten Kuss, die erste Liebe mit seiner Zimmernachbarin Peggy, Midlifecrisis und Gebrechlichkeit. Rose lässt ihn an ihrer reichen Erfahrung als ehemalige Catcherin teilhaben. Für jede schwierige Lebenssituation schildert die einstige „Würgerin des Languedoc“ einen spektakulären Kampf: „Je mehr man abkriegt, um so mehr hält man aus.“ Wenn Oskar in seine Schneekugel schaut, erwacht darin in märchenhaften Rückblenden die Kampfarena und mit ihr die puppenhafte Überdrehtheit von Hollywood-Musicals. Auf Anraten von Rose schreibt Oskar Tag für Tag alle seine neuen Erfahrungen an Gott persönlich. In Briefen, die Rose Abend für Abend mit einem Luftballon in den Himmel schickt.

Trotz aller Leichtigkeit und Poesie wird kaum ein Auge im Zuschauerraum trocken bleiben. Wenngleich Oskars Sprache gelegentlich sehr gestelzt ist („Die Krankheit ist ein Teil von mir“, „Du bist ein Weltmeister im Verderben von Nachmittagen“), schafft es der zehnjährige Amir, seiner Rolle Schwermut und Keckheit zu verleihen. Eric-Emmanuel Schmitt drückt seiner zweiten Regiearbeit (nach „Odette Toulemonde“) eine Niedlichkeit auf, die an die Filme von Jacques Demy erinnert. Auch der Soundtrack von Michel Legrand, der bereits für Demys Musical „Die Regenschirme von Cherbourg“ komponierte, atmet diese beschwingte Leichtigkeit. Und über alle Konfektionierung hinweg verströmt die temperamentvolle Michèle Laroque („Endlich Witwe“) in ihrer Wandlung von der rabiaten Einzelkämpferin zur sensiblen Verbündeten ansteckende Lebensfreude.

Dorothee Tackmann

Oskar ist zwar erst elf Jahre alt, aber krebskrank. Lange hat er nicht mehr zu leben. Er sieht eines Tages eine in rosa gekleidete Dame, die zwar nur die Pizza-Lieferantin seines Krankenhauses ist, die aber in ihrer Erscheinung für das Kind etwas Besonderes, Geheimnisvolles, Anziehendes darstellt. Er, der schon längere Zeit mit niemandem mehr spricht, verlangt nach ihr.

Sie scheut sich, mit einem Kind zu tun haben zu müssen, das bald sterben wird. Der Klinikchef stellt ihr ein Ultimatum: Er wird ihre Pizzas kaufen, wenn Rose, die Dame in rosa, Oskar jeden Tag ein paar Minuten widmet.

Halb aus Geschäftssinn, halb aus menschlichem Mitleid sagt sie zu.

Und nun ereignet sich etwas Schönes. Die beiden wachsen zusammen. Rose überschüttet das Kind mit Phantasie, mit Tricks, mit Erfindungen, mit Darstellungen aus ihrer früheren Zeit als Catcherin.

Beispielsweise bringt sie ihm ein Kartenspiel bei, in dem jede der zwölf Karten ein Jahrzehnt seines Lebens ergibt. Nun kann Oskar alles erleben: die Kindheit, das Verliebtsein, die Heirat, die Hauptlebenszeit, das Alter. Auch wenn er sterben muss, er wird gelebt haben.

Nicht nur thematisch ist das ein wunderbarer, menschlicher, bewegender Film von Eric Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“), sondern auch filmisch wird Überraschendes und Phantasievolles geboten. Die Ideen mit den Lebensjahrzehnten, mit den Catcher-Darbietungen, mit der Wandlung der sich zunächst schroff gebenden Rose in eine herzensgute Person, das alles verfolgt man als Kinozuschauer mit Vergnügen und Mitgefühl.

Max von Sydow ist mit von der Partie. Michèle Laroque erweckt mit ihrem Spiel in der Rolle der Rose spontane Anteilnahme. Und der kleine Amir, der den kranken Oskar gibt, ist eine große Entdeckung.

Ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Thomas Engel