Gerade in diesen Zeiten wirken die Überlegungen von Hannah Arendt zum Entstehen totalitärer Systeme besonders aktuell. Aktuelle Bezüge, gerade zur Entwicklung in Arendts später Heimat Amerika finden sich im Dokumentarfilm „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ jedoch kaum. Stattdessen hangeln sich die Regisseure Chane Gazit und Jeff Bieber mit biederem Archivmaterial an der Biographie Arendts entlang und gehen nur selten über das Offensichtliche hinaus.
Über den Film
Originaltitel
Hannah Arendt – Denken ist gefährlich
Deutscher Titel
Hannah Arendt – Denken ist gefährlich
Produktionsland
DEU, USA
Filmdauer
84 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Bieber, Jeff / Gazit, Chana / Harris, Maia
Verleih
PROGRESS Filmverleih – PROGRESS Film GmbH
Starttermin
18.09.2025
Fast 1000 Seiten lang ist die deutsche Fassung von „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, dem zunächst 1951 auf Englisch erschienenen Hauptwerk der deutsch-jüdischen Intellektuellen Hannah Arendt. Um den Nationalsozialismus, aber auch den Stalinismus ging es in dem weit in die Vergangenheit zurückreichenden Werk, das in vielerlei Hinsicht zeitlos und gerade in diesen Zeiten besonders aktuell wirkt.
Für den amerikanischen Fernsehsender PBS (kein kommerzieller Kanal, sondern ein Gegenstück zu den öffentlich-rechtlichen Sendern, mit noch höherem Bildungsanspruch) haben Chana Gazit und Jeff Bieber ihren Dokumentarfilm „Hannah Arendt: Facing Tyranny“ gedreht, der in Deutschland nun als „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ ins Kino kommt.
Was ein wenig überrascht, denn im Ansatz wirkt der keine 90 Minuten kurze Film, der vollständig aus Archivmaterial montiert wurde, wie ambitioniertes Schulfernsehen. Zwar deutet eine Erzählerstimme zu Beginn an, dass Arendts Denken in Zeiten von Donald Trump (oder seiner europäischen Gegenstücke Orban oder Weidel, um nur einige zu nennen), Hinweise darauf geben könnte, in welche Richtung sich die Welt aktuell entwickelt. Den Versuch, der ohne Frage sehr ambitioniert und intellektuell anspruchsvoll wäre, Arendts Denken auf die Gegenwart anzuwenden, unternehmen die Regisseure jedoch nicht. Einen ambitionierten essayistischen Dokumentarfilm, wie ihn etwa Raoul Peck mit „I Am Not Your Negro“ oder erst Anfang des Jahres Johan Grimonprez „Soundtrack to a Coup d’Etat“ vorgelegt haben, darf man hier nicht erwarten.
Stattdessen hangeln sich die Regisseure penibel an der Biographie Arendts entlang, beschreiben, wie sie als junge Studentin in Heidelberg Martin Heidegger kennenlernte, früh die Gefahren erkannte, die mit dem Aufstieg Hitlers verbunden waren, in den 30 Jahren via Paris in die USA emigrierte und dort zu einer der renommiertesten Autorinnen ihrer Zeit wurde. Unterlegt ist das mit öffentlich verfügbarem Archivmaterial, das meist nicht mehr tut, als das Gesagte exakt zu duplizieren: Wenn da von der Weltwirtschaftskrise die Rede ist, sieht man Münzen, die umfallen, wenn von Paris gesprochen wird, sieht man den Eiffelturm. Zudem scheint kaum Wissen über die Geschichte von Nationalsozialismus oder dem Zweiten Weltkrieg vorausgesetzt zu werden, so dass der Dokumentarfilm in manchen Phasen wirkt, als sei er an ein komplett ungebildetes amerikanisches Publikum gerichtet.
Aufnahmen mit Arendt selbst finden sich nur wenige, allein Ausschnitte aus dem berühmten TV-Interview mit Günter Gaus sind zu sehen, das allerdings in den letzten 60 Jahren schon oft als Material herhalten musste. Aus Briefen und Texten Arendts wird gelegentlich zitiert, gesprochen von Nina Hoss, deren Stimme aus einer kakophonischen Kommentarspur heraussticht.
Nur in wenigen Momenten versuchen die Regisseure über ein bloßes Referieren der Lebensstationen Arendts hinauszugehen, weswegen „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ am Ende kaum mehr ist, als eine annehmbare Einführung in Leben und Denken einer auch 50 Jahre nach ihrem Tod mehr als lesenswerten Intellektuellen.
Michael Meyns