Hans Dampf

Eine Mischung aus dem sprichwörtlichen Hans Dampf in allen Gassen und dem Märchenhaften Hans im Glück ist die Hauptfigur in Jukaa Schmidt und Christian Mraseks impressionistischem Roadmovie „Hans Dampf“. Bisweilen führt das Do-it-Yourself-Prinzip der Macher zwar zu holprigen Momenten, meistens ist ihr Film aber ein sehr entspannter, höchst sympathischer Sommerfilm.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2012
Regie, Buch: Jukaa Schmidt & Christian Mrasek
Darsteller: Fabian Backhaus, Cécile Marmier, Mario Mentrup, Nina Schwabe, Jacques Palminger
Länge: 91 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 29. August 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Gerade ist Hans (Fabian Backhaus) aus seinem Job bei einer Kölner Bank gegangen worden, da kommt dem typischen Rheinländer in einer Pizzeria die Idee: Das Foto von einem malerischen Stück Küste, irgendwo im Süden Italiens ist fortan sein Lebensziel. Nur seinen zunehmend zerknitterten Anzug hat er auf seinem Weg dabei, dazu eine Tüte mit dem Foto und einigen Bündeln Geld. Die erste Etappe bestreitet er mit Rosa (Cécile Marmier), deren VW-Bus er am nächsten Morgen gegen Geld eintauscht. Bald gabelt er den umtriebigen Django (Mario Mentrup) auf, mit dem es gegen Süden geht. Als der VW-Bus den Geist aufgibt, nimmt Hans das Angebot an, ihn gegen ein typisches italienisches Gefährt einzutauschen: Eine dreirädrige Ape. Ein Schlauchboot und ein Fahrrad später trifft das Duo in einem italienischen Dorf auf Fee (Nina Schwabe), mit der Hans sein Glück zu finden scheint. Ganz dem Märchen der Gebrüder Grimm folgend ruft Hans aus „So glücklich wie ich‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“

„Hans Dampf“, der erste Langfilm des umtriebigen, viel beschäftigten Duos Jukaa Schmidt und Christian Mrasek, entstand für wenig Geld auf dem Weg von Köln zum italienischen Lago Mergozzo. Man merkt dem Film an, wie improvisiert er ist, wie manche Szenen erst vor Ort entstanden, wie andere vor allem dazu dienen, die Spiellänge auf abendfüllende 90 Minuten auszudehnen. Doch ebenso merkt man dem Film an, mit wie viel Freude alle Beteiligten am Werk waren, wie sehr sich Film und Realität bedingten, wie die entspannten Dreharbeiten auch zu einem ausgesprochen entspannten Film geführt haben.

Was nicht zuletzt an Hauptdarsteller Fabian Backhaus liegt, dem man bisweilen zwar anmerkt, dass er hier in seinem ersten Film auftritt, der aber vor allem die ideale Verkörperung eines rheinischen Genussmenschen, eines modernen Hans im Glück ist. Sorglos bewegt er sich durchs Leben, nimmt auch Missgeschicke nicht schwer, freut sich an den kleinen Dingen des Lebens und geht unbeirrt seinen Weg. Ohne die märchenhafte Vorlage und ihre Moral zu sehr zu betonen, ist „Hans Dampf“ doch eine erstaunlich getreue Variation des glücklichen Hans, der seine Goldklumpen immer weiter eintauscht, bis er am Ende mit leeren Händen dasteht. Doch materieller Besitz ist nicht alles, was auch die Filmproduktion selbst betont.

„Ohne Sponsoren entstanden“ heißt es da stolz im Abspann, also ohne das Überlassen von Autos, Kleidung oder anderem, aber eben auch ohne die sonst zwingende Notwendigkeit, diese Güter markant ins Bild zu setzen. So wie Hans zu Beginn des Films seinen Job schmeißt, weil er es ablehnt „Scheiße für Gold“ zu verkaufen, wie er es einmal prägnant formuliert, so entstand auch „Hans Dampf“ als geradezu paradigmatisches Beispiel für einen Film, der fast völlig außerhalb der Filmförderungsstrukturen entstanden ist.

Dass es Jukaa Schmidt, Christian Mrasek und ihrem Team trotz aller selbstgewählter Einschränkungen gelungen ist, einen so schönen, entspannten Film zu drehen, der zudem mit Liedern der „Kings of Dub Rock“ und anderen einen tollen Soundtrack aufzuweisen hat, macht ihn erst recht zu einem idealen Sommerfilm.

Michael Meyns

Als Roadmoviemärchen wird der Film bezeichnet, und genau das ist er auch. „Hans im Glück“ dient hier als Grundidee.

Hans hat wie so viele die Schnauze voll vom Arbeiten, will frei sein, Musik hören oder sogar selbst machen, will reisen, alles von sich abfallen lassen.

Bei seinem Italiener entdeckt er ein Foto von der Amalfiküste. Da will er hin. Keine Kommunikation mehr zur hektischen Welt. Sein Smartphone schenkt er Kindern.

Er findet eine Weltenbummlerin, die gen Süden fährt. Doch lange ist sie nicht bei Hans, denn sie findet schnell einen Kerl. Hans tauscht Geld gegen deren VW-Bus. Weiter geht’s.

Er nimmt den Autostopper Django mit. Bis der Bus stehen bleibt. Wahrscheinlich wäre er leicht zu reparieren. Doch die Mechaniker – die in einer Traumsequenz mehrere Male als (echte) Band auftreten – überreden Hans, den Bus gegen eine alte motorisierte Dreiradkarre zu tauschen. Später wird gegen ein Schlauchboot getauscht. Am Schluss bleibt ein Fahrrad übrig. Keiner benimmt sich Hans gegenüber wirklich ehrlich. Auch Django nicht, der ihm eine Frau wegschnappt – und dann verduftet.

Danach trifft Hans wieder auf die Frau. Es ist Fee. Schöne Tage mit ihr. Aber ist sie, wer sie zu sein vorgibt? Keineswegs. Dennoch reisen beide gemeinsam weiter. Allerdings: Bis Amalfi reicht das Geld nicht. Und: Geschieht dann doch noch ein Unglück?

Der Versuch, mit äußerst sympathischen Menschen, ohne verbindliche Pläne, ohne Storybord, so gut wie ohne Geld, mit einem Großteil an Improvisation einen unterhaltsamen Film zu drehen, ist einigermaßen gelungen. Die Gesänge – oder besser; das Gesinge – der Mitwirkenden – „lass uns Drogen nehmen und rumfahrn“ – müssten besser sein. Sinn und Blick für Bilder sind aber da.

Zweifellos wird auch ein gewisses „modernes“ Lebensgefühl transportiert: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, heißt es einmal.

Was wird im Märchen eingetauscht und was im alltäglichen Leben? Diese Frage könnte Hintersinniges im Film sein.

Zu welchem Schluss er kommt und was ihm an „Hans Dampf“ gefällt, muss jeder selbst entscheiden.

Thomas Engel