Haut, in der ich wohne – Die

Es gibt nicht viele Regisseure, denen man so blind vertrauen kann. Die gleichsam eine lebenslange Garantie für Qualität auf der Leinwand bieten und zudem bei jedem neuen Werk einen Trumpf im Ärmel haben. In seinem 18ten Film wagt Spaniens Erfolgsregisseur Pedro Almodóvar einen Ausflug ins Horror-Genre. Erstmals seit „Fessle mich“ von 1990 hat der Mann aus La Mancha seine Entdeckung Antonio Banderas wieder mit an Bord. Der gibt den schönen Schönheitschirurgen Roberto, dessen Frau bei einem Autounfall schwer verletzt wurde. Mit diesem Schicksal will sich der Arzt nicht abfinden, fortan spielt er Gott und Rächer. Ein trauriger Frankenstein schafft ein hübsches Monster – mehr darf kaum verraten werden, um den Genuss an den grandios wahnwitzigen Wendungen dieser famos inszenierten Geschichte nicht zu schmälern. Mehr Staunen über eine Story ist kaum möglich.

Webseite: www.diehautinderichwohne.de

Originaltitel: La piel que habito
Spanien 2011
Regie und Drehbuch: Pedro Almodóvar
Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández Filmlänge. 120 Minuten
Kinostart: 20.10.2011
Verleih: Tobis

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Professor Roberto Ledgard (Antonio Banderas) ist ein überaus erfolgreicher Schönheitschirurg, der auch bei seiner Stammzellenforschung führend ist – kleinliche Ethikkommissionen findet er da nur hinderlich. Wir schreiben das Jahr 2012, Legard hat bereits neun Gesichter erfolgreich verpflanzt und arbeitet an der künstlichen Erschaffung menschlicher Haut. In seiner abgelegenen, hinter Mauern versteckten eleganten Privatklinik ist die hübsche Vera (Elena Anaya) die einzige Patientin. Von der Haushälterin (Marisa Paredes) wird sie per Video auf Schritt und Tritt überwacht. Der Doktor verfolgt mit höchstem Interesse die Fortschritte ihrer Heilung. Doch warum wird Vera wie eine Gefangene gehalten? Und warum sieht sie Robertos bei einem Autounfall entstellten Frau so unglaublich ähnlich?

Achtung Spoilerwarnung:
Wer sich von den Wendungen dieser astronomisch absurden Geschichte in vollen Zügen überraschen lassen möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen, sondern zum nächsten Absatz übergehen.

Dass der moderne Frankenstein sich mit Vera das Ebenbild seiner verunglückten Ehefrau zimmert, ist unschwer zu ahnen – wer wirklich hinter der geheimnisvollen Dame steckt, ist schon etwas kniffliger. Unser Roberto nämlich hat auch eine junge Tochter. Die wird auf einer Party von ein paar Jungs unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und ist so traumatisiert, dass sie sich wenig später das Leben nimmt. Der entsetzte Vater kann den Peiniger ausfindig machen und entführt ihn. Im ersten Schritt der Rache wird der junge Mann fachgerecht seiner Männlichkeit beraubt. Anschließend wird er zur Frau operiert. Und schließlich bekommt er, nicht ganz legaler OP-Technik sei Dank, das Gesicht von Robertos verunglückter Frau aufgepflanzt. Fortan lebt der Doktor im Eheglück mit dem Vergewaltiger seiner Tochter, der/die sich in das Schicksal der Ersatz-Gattin zu fügen scheint. Doch damit nicht genug: Von dem überraschend (im Tigerkostüm!) auftauchenden Sohn der Haushälterin wird „Vera“ vergewaltigt. In letzter Minute wird er von Roberto erschossen – der erst später erfahren soll, dass er da unwissentlich seinen Bruder getötet, weil die Haushälterin schließlich seine heimliche Mutter ist.

Spoilerentwarnung:
Die Stammzellen-Versuche geraten zu einer flotten Frischzellenkur für den guten alten Frankenstein. Den Grusel-Mythos mischt Almodóvar mit amüsiertem Augenzwinkern und ganz großer Lust am Fabulieren zu einem melodramatischen, famos verspielten und verschachtelten Thriller auf, clevere Zeitsprünge inklusive. Einmal mehr geht es dem spanischen Frauenversteher um die Themen Identität und Geschlechterrollen – und natürlich spielt Mutti dabei wieder eine elementare Rolle. Die schräge Story (nach dem Roman von Thierry Jonquet) mögen Kostverächter als Telenovela-Trash abtun, doch keine Seifenoper wird derart grandios erzählt, so stilsicher und bilderstark inszeniert. Die exquisite Ausstattung gerät zum opulenten Vergnügen. Banderas läuft zu alter Hochform auf, ebenso wie Almodóvars Altmuse Marisa Paredes, der charismatische Newcomer Jan Cornet und die hübsche Heldin Elena Anaya, der man in Cannes gerne den Schauspiel-Preis gegönnt hätte. Aber auch ohne Palme hat diese „Haut“ alles, was ein Almodóvar braucht. Pedro olé! 

Dieter Oßwald

Der Dermatologe Prof. Robert Ledgard verlor vor zwölf Jahren seine Ehefrau durch einen Autounfall. Die Frau verbrannte. Wäre Ledgards Erfindung damals bereits bekannt gewesen, hätte sie gerettet werden können. Seither forscht der Professor danach, wie eine widerstandsfähige, künstliche und auch makellose Haut geschaffen werden kann. Und er erreichte schließlich auch sein Ziel.

Dazu aber waren jahrelange Versuche erforderlich. Und nicht nur Versuche, sondern auch ein Versuchsobjekt, das die Strapazen unzähliger Operationen auf sich zu nehmen bereit (oder gezwungen) war.

Ledgard hat eine seinerzeit ungefähr 20 Jahre alte Tochter, Norma. Ist sie nicht einmal (oder beinahe) vergewaltigt worden? Vicente hieß der Übeltäter. Musste er etwa aus Rache als Versuchskaninchen herhalten? Wurde aus ihm im Zuge einer Transgenese jene Vera, die von Ledgard jahrelang gefangen gehalten wurde? Und welche Rolle genau spielt die „Haushälterin“ Marilia, in Wirklichkeit Ledgards Mutter?

Almodovar möchte nicht, dass diese Fragen vorzeitig beantwortet werden.

Er hat sich dieses Mal thematisch (an eine Literaturvorlage angelehnt) wieder etwas besonders Ausgefallenes einfallen lassen. Formal ist wie meist auch Gutes dabei: klare Bildstrukturen (Vera bei ihren Yoga-Übungen), merkwürdige Gestalten (Marilias zweiter Sohn Zeco, also Roberts Bruder), dann eine schwierig-verwirrende, aber letztlich geglückte Dramaturgie, eine extreme Licht- und Farbgebung mit Monitoren und Spiegelungen, Mysteriöses nach und nach, aber auch sanfter Horror und inhaltlicher Bluff.

Bruchstückhaft und deshalb unbefriedigend bleibt die Schilderung von Ledgards Verhältnis zur Haushälterin(-Mutter), zu Zeco und zur Ehefrau Gal.

Gedanken scheint sich der Regisseur trotzdem viele gemacht zu haben. Im Begleit-Tagebuch zu seinem Film ist von Amoral und Sündenkomplex, von Wahrheit und Perversion, von Vorbildern wie Fritz Lang oder Alfred Hitchcock, wie Georges Franjus oder Luis Bunuel, von Filmen wie „Frankenstein“ und „Vertigo“, „Tristana“ und „Judex“ die Rede.

Nach langer Zeit kehrte Antonio Banderas zu Almodovar zurück. Er spielt den Dermatologen – und zwar gut. Marisa Paredes, Elena Anaya und Jan Cornet sind als Mutter bzw. Vera alias Vicente ebenfalls bestens mit dabei.

Es ist zweifellos ein interessantes Projekt, aber auch ein hochtrabendes irreelles – ein (über)selbstbewusster Almodovar-Film dieses Mal.

Thomas Engel