Henners Traum

Klaus Sterns Film endet im Herbst 2008. Doch die Geschichte, die er erzählt, spielt in einer anderen Ära, einer Ära, in der Banken 25 Prozent Rendite erzielten und Geld sich auf wundersame Weise vermehrte; einer Ära, in der selbst Provinz-Bürgermeister ein Stück vom Kuchen bekommen wollten und Millionen-Vorhaben ersannen. Etwa „das größte Tourismus-Projekt Europas“ im beschaulichen Nordhessen. Ein ehrgeiziger Bürgermeister und ein großsprecherischer Projektentwickler stricken an diesem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Stern begleitete die beiden Visionäre zweieinhalb Jahre lang und zeigt in seiner Dokumentation, welch bizarre Blüten der Traum vom Wohlstand in den verblichenen Zeiten des Turbokapitalismus trieb.

Webseite: www.henners-traum.de

Deutschland 2008
Buch und Regie: Klaus Stern
Kamera: Harald Schmuck
Länge: 93 Minuten
Verleih: Stern Film / Real Fiction
Kinostart: 26. März 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Mein Name ist Henner Sattler“, sagt der Mann mit dem markanten Schnauzbart. Man denkt natürlich sofort an James Bond, der stellt sich bekanntlich auch immer mit diesem Satz vor. Der Agent seiner Majestät und der Bürgermeister des 17000 Einwohner zählenden nordhessischen Städtchens Hofgeismar spielen seit kurzem in einer Liga, zumindest was die Ansprüche angeht. Beide wollen das Unmögliche schaffen und scheuen kein Himmelfahrtskommando. Sattler will allerdings nicht die Welt retten, er will eine erschaffen: das 800 Hektar große Schloss Beberbeck Resort mit Hotels, Villen, Wohnungen, Golfplätzen, einer Trabrennbahn und einer künstlichen Seenlandschaft. Kostenpunkt: rund 420 Millionen Euro. Der Freizeitkomplex am Rande des schönen Reinhardswalds soll Heerscharen von Touristen anziehen und 1000 Arbeitsplätze schaffen.

 

 So weit die Theorie. Die Praxis ist hingegen zäh. Sattler, der pragmatische CDU-Politiker, muss sich erst einmal hineinfinden in die Welt der Immobilienfinanzierungen und Investoren. Er weiß nicht, was Venture Capital ist und wie man es anlockt. Er hat ein Ziel, aber keine Ahnung von Business-Plänen. Aber er hat Tom Krause an seiner Seite, einen Menschen, der in seiner kleinstädtischen Welt nicht vorkommt und von dem ihn vieles trennt. Was beide eint, ist die Fähigkeit, schöne Pläne zu entwickeln und an deren Verwirklichung zu glauben.  Krause ist Architekt, der weltweit Tourismus-Projekte plant. Er hat einige Prachtbauten vorzuweisen und bildet mit dem biederen Bürgermeister ein ungleiches Gespann, das Nordhessen aus seinem Dornröschenschlaf erwecken will.

Dokumentarfilmer Klaus Stern hat Erfahrung mit Träumern. 2004 porträtierte er in „Weltmarktführer“ den grandios gescheiterten New-Economy-Unternehmer Tan Siekmann und wurde dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seitdem weiß Stern, dass der Grat zwischen Realitätsverlust und visionärer Weitsicht ziemlich schmal ist. Deshalb zeichnet er den Bürgermeister nicht als Provinzfürsten, der Luftschlössern hinterher jagt – was sein Material sicherlich hergegeben hätte -, sondern nimmt ihn ernst. Und das macht diese Langzeitbeobachtung so interessant. Sattler wirkt in der Sphäre der geschniegelten Immobilienvermarkter, Rechtsanwälte und PR-Experten mitunter etwas unbeholfen und trampelig. Aber er ist nicht dumm und er lernt schnell. Er erkennt die „situative Wendigkeit“ seines Partners Krause, der sich in seiner geschwätzigen Eitelkeit vor der Kamera immer wieder lächerlich macht, und er lässt es auf einen Konflikt mit dem Architekten ankommen. Und als es in der entscheidenden Frage, woher das Geld für das Mammut-Projekt kommt, nicht voran geht, nimmt Sattler die Sache selbst in die Hand. Er reist zu den wichtigen Immobilien-Börsen und stellt seine Pläne den Leuten vor, die den Weg ebnen können. Sicher: Er tappt dabei manchmal höchst amüsant in Fettnäpfchen, aber ein Spinner ist er nicht. Diese Ambivalenz balanciert Stern trefflich aus.

Filmisch ist seine Dokumentation eher ein rohes Werk, im Reportage-Stil meist aus der Hand gedreht. Doch das ist in diesem Fall eine Marginalie. Viel wichtiger ist, dass es Stern gelang, bei allen sensiblen Gesprächen dabei sein zu dürfen, in denen Klartext geredet, gepokert und gestritten wurde. So bekommt man erstaunliche Einblicke hinter die glänzenden Fassaden des Immobiliengeschäfts. Und man lernt unter anderem, dass ein hessischer Ministerpräsident bei solchen Deals ein kleines Licht ist, kaum größer als ein Bürgermeister namens Henner Sattler.

Volker Mazassek

Wellness, Golf, Reiten, Freizeit, Ferienhaus, Urlaub, Hotelpaläste, das alles ist heute große Mode – und hält natürlich auch das Bruttosozialprodukt in Schwung.

Da will der Bürgermeister von Hofgeismar Heinrich Sattler nichts verpassen. Also plant er, aus dem nordhessischen Landgut Beberbeck den größten europäischen Tourismus-Resort zu machen – auf einer Fläche von nicht weniger als 1000 Hektar.

Große Hotels – fünf Sterne natürlich -, an die 400 Häuser, fünf Golfplätze, ein Reit-Areal und alles, was an „Facilities“ dazugehört, wie es auf neudeutsch jetzt so schön heißt. Für 450 Millionen Euro.

Der Architekt ist gefunden, ein Freund des Bürgermeisters. Er hat, sagt er, 60 Projekte in 24 Ländern laufen. Das ist doch was! Warum also sollte das Vorhaben Beberbeck nicht klappen?

Die Anfänge lagen im Jahr 2005. Die örtliche Bevölkerung musste überzeugt werden. Der Boden gehörte dem Land Hessen. Also waren auch hohe bürokratische Hürden zu nehmen. Ministerpräsident Koch kam mehrmals und sagte ja. Demnach waren die Übereignung des Baugrundstücks sowie die Infrastruktur gesichert.

Aber wo sollten die Investoren herkommen? Aus Dubai, aus den Emiraten, aus Europa?

Gespräche, Verhandlungen, geheime Absprachen, unzählige Termine, weite Reisen, Messen, Rückschläge, Absagen, alles gab es, und vieles ist in Sterns Dokumentarfilm akribisch festgehalten. Investorensuche heißt die Parole. Noch immer. Seit Jahren.

Jetzt Finanzkrise, Wirtschaftskrise. Investitionen und Kredite: Fehlanzeige.

Und was ist mit dem Bedarf an einem solchen Mammutprojekt? Steckt hinter diesem Gigantismus nicht auch eine gute Portion persönlicher Ehrgeiz? Was ist mit den rund 50 Behinderten, die das in das Projekt einbezogene Schloss Beberbeck bewohnen und zum Teil noch Verträge über 17, 18 Jahren haben? Was ist mit der stillen unberührten Landschaft? Was mit dem Umweltschutz? Was schließlich mit den etwas größenwahnsinnig erscheinenden Träumen?

Zurück zur Wirklichkeit. Im November 2008, heißt es im Abspann, suchte Heinrich Sattler noch immer Investoren. Vom Architekten hörte man nicht mehr viel.

Sterns Film ist deshalb nicht unwichtig, weil er jahrelang ein Projekt begleitete, das typisch ist für die Moderne, für eine gewisse Grenzenlosigkeit, für einen möglicherweise fehlgeleiteten Ehrgeiz, für eine Überschätzung der Größenordnungen, für eine vielleicht zu unbewusste Art des Denkens, für ein nicht präzise vorausberechenbares wirtschaftliches Risiko, für eine Ortswahl, von der niemand im vorhinein weiß, ob sie sich als ideal herausstellt.

Trotzdem: den Initiatoren sei Glück gewünscht.

Ein filmisches Dokument für Interessierte.

Thomas Engel