Che – Teil 2: Guerilla

„Guerilla“, der zweite Teil von Steven Soderberghs epischer Che-Biografie, ist das Negativ zum Positiv des ersten Teils „Der Argentinier.“ Auf subtile Weise ähnlich, erzählt auch Teil 2 von einer Guerillaaktion, nämlich vom Versuch Guevaras Bolivien zu befreien – mit dem Unterschied, dass diese im Gegensatz zur erfolgreichen Invasion Kubas des ersten Teils scheitert. Aus dieser Dialektik von Erfolg und Scheitern entsteht die Spannung der Filme, die stilistisch brillant sind und mit Benicio Del Toro einen überragenden Hauptdarsteller haben.

Webseite: www.centralfilm.de

USA 2008
Regie: Steven Soderbergh
Buch: Peter Buchman, Benjamin A. van der Veen
Kamera: Peter Andrews (aka Steven Soderbergh)
Schnitt: Pablo Zumarraga
Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Benicio Del Toro, Demian Bichir, Rodrigo Santoro, Lou Diamond Phillips, Franka Potente, Pablo Duran
Länge: 131 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Central
Kinostart: 23. Juli 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Che Teil 1: Der Argentinier“ endete mit dem Erfolg der kubanischen Revolution, nicht mit dem Einmarsch der Rebellen in Havanna, sondern irgendwo in der Provinz, nach einem der vielen Kämpfe, auf der Straße in die Hauptstadt. Es waren lichtdurchflutete Bilder des Erfolges und der Momente des Glücks, eingefangen in klare Breitwandbilder. Teil 2 beginnt nach einem kurzen Prolog, der Fidel Castro zeigt, wie er den berühmten Brief Guevaras vorließt, mit dem dessen Verschwinden aus Kuba begründet werden sollte. Von Anfang an herrscht eine melancholische Stimmung vor, geprägt vom Wissen um das Scheitern des bolivianischen Abenteuers. Basierend auf Guevaras „Bolivianisches Tagebuch“ folgt der Film lose einer Entwicklung von Scharmützel, über ideologischen Diskussionen – irgendwann hat Franka Potente einen winzigen Auftritt als Tamara Bunke und spricht dabei erstaunlich überzeugendes Spanisch – bis hin zur Verhaftung und Ermordung Guevaras durch die bolivianische Armee.

Doch ebenso wenig wie Teil 1 eine genaue Analyse der erfolgreichen kubanischen Revolution zeigte, werden in Teil 2 die Gründe des Scheiterns in Bolivien deutlich. Konsequent entziehen sich Soderbergh und seine Drehbuchautoren jeder Stellungnahme, jedem Versuch die Konflikte Detailgetreu nachzuzeichnen und vor allem jeglicher Psychologisierung der Figur Che Guevaras. Fast könnte man sagen, dass Benicio Del Toro im zweiten Teil noch zurückhaltender agiert, als in Teil 1, was allerdings kaum möglich ist. Nur in Nuancen spürt man die Gefühlsregungen Guevaras, seinen nie endenden Glauben an den Erfolg, trotz aller Probleme und Streitigkeiten, und vor allem sein enormes Charisma. Trotz zunehmend verwildertem Äußerem, langen Haaren und einem wüst wachsendem Bart, der aus dem gut aussehenden Arzt des ersten Teil einen verschroben wirkenden Idealisten macht, begegnen ihm die bolivianischen Bauern mit Verehrung. Doch das wird ebenso wenig ausgestellt, wie mögliche Verwicklungen der amerikanischen Geheimdienste in den Konflikt.

Wie schon in „Der Argentinier“ arbeitet Soderbergh auch in „Guerilla“ mit langen Einstellungen, verzichtet weitestgehend auf Nahaufnahmen und auffällige Stilmittel. Und doch hat man es mit zwei völlig unterschiedlichen Filmen zu tun. Besonders auffällig ist, dass in Teil Zwei statt in Scope im regulären Breitwandformat 1:1,85 gefilmt wurde, was den Bildern eine deutlich größere Intimität verleiht. Zunehmend weichen die Farben aus den Bildern, die in Teil Eins noch das satte grün des Dschungels eingefangen hatten. Gegen Ende wirkt „Guerilla“ fast monochrom, sind mit der Hoffnung auf einen Erfolg der bolivianischen Revolution auch das Licht und die Farben aus Guevaras Leben gewichen. Und wenn man ihn dann ganz am Ende noch einmal lebend sieht, nachdem eine kaum wahrnehmbare Überblendung von seinem toten Körper in die Vergangenheit geführt hat, an Bord der „Granma“, die ihn Jahre zuvor mit Fidel Castro und den anderen Rebellen nach Kuba übersetzte, vollendet sich die dialektische Struktur beider Teile. Erfolg und Scheitern werden zu einer nicht trennbaren Einheit, die nur zufällig eintreten, womit letztlich auch die konventionelle Ideologie des biographischen Films unterlaufen wird, die immer wieder markante Ereignisse behauptet, durch die sich der Lauf der Welt, die Entwicklung einer historischen Person verändert. Was Steven Soderbergh in den insgesamt fast viereinhalb Stunden seiner Che-Filme gelungen ist, geht weit darüber hinaus: Eine Dekonstruktion des biographischen Films, eine bewundernswert neutrale Darstellung einer der umstrittensten Persönlichkeiten der Geschichte, ein stilistisch makelloser Film mit einer faszinierenden zentralen schauspielerischen Leistung. Ein episches Diptychon.

Michael Meyns
 

Fidel Castros kubanische Revolution ist 1965 seit etwa fünf Jahren etabliert. Che Guevara ist Landwirtschaftsminister. Doch ihm genügt ein Gelingen in Kuba nicht. Er will schon allein aus humanistischen Gründen den Aufstand und die erhoffte soziale Gerechtigkeit auf ganz Südamerika ausdehnen. Er gibt in einem Brief an seinen Freund Fidel die kubanische Staatsbürgerschaft auf, tritt von seinem Parteiamt sowie vom Ministerposten zurück – und setzt sich nach Bolivien ab.

Dort hat er zuerst nur wenige Gefährten. Er muss eine Truppe aufbauen, sie ausbilden. Er muss für die Kommunikation nach außen und zwischen den aufgeteilten eigenen Gruppen sorgen, er hat Waffen, Munition, Lebensmittel und Medikamente sicherzustellen. Er unterrichtet seine Leute über die entbehrungsreichen Strapazen, die vor ihnen liegen. Versteckte Lager sind aufzubauen und periodisch zu verlegen.

Ein Jahr der Mühen und des Kampfes beginnt. Die Verständigung mit den Bauern ist mühsam und gefährlich. Mit der Zeit sinkt manchmal die Moral der Truppe. Die Nachrichten zwischen den Rebellengruppen sind oft unterbrochen. Tagelanges Warten ist die Folge. Der Hunger quält die Guerillakämpfer. Große Strecken sind zurückzulegen. Auch Deserteure und Verräter fehlen nicht.

Die bolivianische Armee rüstet sich (unterstützt durch die CIA). Che und seinen Kämpfern gelingt es einmal, eine Abteilung der Armee zu stellen und zu entwaffnen. Doch auch das Umgekehrte ist der Fall. Rebellen werden gefasst und getötet.

Jetzt schließt sich der Kreis um die Aufständischen immer mehr. Die Übermacht der Regierungssoldaten ist zu groß. Che und seine Leute haben keine Chance mehr. Seine bolivianische Revolution ist gescheitert.

Che ist nun Gefangener. Überleben wird er nicht.

Wie der erste ist auch der zweite Teil von Steven Soderberghs Dokument in Spielfilmform mit Benicio Del Toro thematisch-politisch wie menschlich wirklichkeitsnah und beeindruckend. Ein tragisches Scheitern allerdings ist es, von dem zu berichten ist.

Ob Ches Kommunismus in Südamerika die entscheidenden Veränderungen und Verbesserungen gebracht hätte, weiß man nicht, da diese Ideologie in der im 20. Jahrhundert praktizierten Form ja versagte. Aber genauso steht fest, dass die soziale Gerechtigkeit im heutigen Südamerika noch sehr zu wünschen übrig lässt. Wo also ist der neue Che Guevara?

Thomas Engel