Herbst

Das Debüt des türkischen Regisseurs Özcan Alper war für den Europäischen Filmpreis 2009 nominiert. Darin erzählt der 34-Jährige die Geschichte eines Ex-Häftlings, der nach vielen Jahren hinter Gittern in sein Heimatdorf zurückkehrt. In starker Bildsprache und mit minimalen Dialogen ausgestattet ist daraus ein starkes Stück türkisches Autorenkino geworden, das den Vergleich mit anderen Vorzeigewerken wie „Uzak – Weit“ oder „Takva“ nicht scheuen muss.

Webseite: www.sonbaharfilm.com

OT: Sonbahar
Deutschland, Türkei 2008
Regie und Buch: Özcan Alper
Darsteller: Onur Saylak, Raife Yenigül, Megi Kobaladze, Serkan Keskin, Nino Lejava, Sibel Öz, Cihan Çamkerten, Serhan Pirpir, Yasar Güven
Länge: 106 Minuten
Verleih: Filmfabrik
Kinostart: 4.3.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist die die Anatomie eines gebrochenen Mannes und Chronik eines angekündigten Todes. Yusuf (Onur Saylak) kehrt nach zehn Jahren im Gefängnis in sein Heimatdorf an die türkisch-georgische Grenze zurück. Als junger Student kämpfte er einst für die sozialistischen Ideale seiner Generation, die sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der türkischen Regierung lieferte. Hungerstreik und jahrelange Folter haben an Yusufs Körper ihre Spuren hinterlassen. Kohlefarben sind die Ränder unter seinen Augen, blass die Haut und die Lungen von Tuberkulose befallen.

Der programmatische Filmtitel steht dabei symbolisch für die Vergänglichkeit seiner Figuren. Yusuf blickt zurück auf die verlorenen Jahre seines Lebens, und auch die alten Dorfbewohner schauen wehmütig in die Vergangenheit. Die Zukunft scheint wie ein unwirklicher Schleier, durch den niemand so recht blicken kann. „Wir brauchen Tourismus hier in unserem Bergdorf“, grummeln die Dorfältesten. Wie und wo man anfangen soll, weiß allerdings niemand.

Regisseur Özcan Alper bedient sich dabei vermehrt einer metaphorischen Bildsprache, wenn seine Protagonisten flehend aufs Meer blicken, suchend nach einem erfüllten Leben da drüben auf der anderen Seite. Ruhen tut niemand in diesem Film, weder Yusufs besorgte Mutter noch sein bester Freund aus Kindertagen oder die georgische Prostituierte Eka (Megi Koboladze), die sich in eine kurze und glücklose Affäre mit Yusuf stürzt.

Trotz dieser konstanten emotionalen Unruhe erzählt Özcan Alper seinen Film fast zeitlupenhaft und wunderbar unaufgeregt. Der Konflikt mit der türkischen Regierung, der eingangs mit Originalbildern eines Istanbuler Gefängnisaufstandes von 2000 gezeigt wird, bleibt nicht mehr als die Rahmenhandlung. Dennoch ist er die Ursache für den gebrochenen Protagonisten, der sich von seinem Trauma nicht befreien kann. Alpers überbordende und naturalistische Bildsprache, die in kräftigen Sonnenuntergängen, Wolkenbrüchen, gigantischen Wellen und der pittoresken Schönheit der Berge zur Geltung kommt, kontrastiert er dabei mit der gefühlten Enge und Beklemmung einer Gefängniszelle, in die der Ex-Häftling noch immer zu stecken scheint.

Özcan Alper verarbeitet mit „Herbst“ einen Teil seiner eigenen Biografie: Ebenso im Gebirge an der türkisch-georgischen Grenze aufgewachsen und als Student gegen die antidemokratischen Gesetze aktiv – welche von den Siegern des Staatsstreichs in den 1980er Jahren eingeführt wurden – musste er mit ansehen, wie tausende von seinen linken Kommilitonen zu politischen Gefangenen gemacht wurden.

David Siems

Türkei. Yusuf nahm als Student an Demonstrationen teil. Es ging u. a. um sozialistische Ideen, aber auch um Hochsicherheits-Haftbedingungen. Die Betroffenen wehrten sich dagegen mit Hungerstreiks und „Todesfasten“. Zwölf Jahre sollte Yusuf ins Gefängnis. Jetzt wird er entlassen, denn er ist schwer erkrankt.

Er kehrt zurück in die Berge an der georgischen Grenze zu seiner alten Mutter. Die Verbindung zur Welt hat er verloren. Er wird von Albträumen geplagt, ist unfähig etwas zu tun, einsam verbringt er seine Zeit. Tage-, wochenlang.

Vielleicht kann er seinen Dudelsack reparieren. Die Mutter hätte gerne, dass er spielt. Und dass er ein Mädchen findet, um zu heiraten.

Sein Freund Mikhail, der einzige, mit dem er verkehrt, nimmt ihn mit ins nahe gelegene Städtchen. Er sieht Eka, eine Prostituierte. Ein wenig Wärme kommt auf, denn Yusuf verliebt sich. Doch die Verständigung ist wegen seiner Kommunikationsunfähigkeit schwierig. Und von einer Heirat kann keine Rede sein. Eka, die Georgierin, will ohnehin in ihre Heimat zurückkehren.

Yusuf bleibt nur die Mutter und das alte Haus in den Bergen. Der Vater starb während der Haft. Die das Haus umgebende Natur ist schön – aber das ist alles.

Er ist nicht zuletzt wegen des unmenschlichen Gefängnisaufenthalts so schwer krank, dass seine Tage gezählt sind.

Eigentlich ein verschlüsselter politischer Protest gegen allzu autoritäre Bedingungen – hier in der Türkei, aber anwendbar auf alle Länder, in denen regierungsseitlich quasi-diktatorisch gehandelt wird. Die Folgen solchen Vorgehens sind in Yusufs gesundheitlicher und seelischer Verfassung gegeben. Und die ist derart, dass keine Hoffnung mehr besteht.

Unerbittlich zeigt Regisseur Özcan Alper dies auf: an Yusufs totaler Einsamkeit, an der herbstlich-winterlichen Jahreszeit, am ständigen Regen, an der nicht zu verwirklichenden Liebe zwischen Eka und Yusuf, an seiner Krankheit und Depression – an der todtraurigen Schlussszene.

Das alles ist ebenso meisterlich wie melancholisch. Der schleichende Filmrhythmus und die Ausweglosigkeit setzen dem Betrachter zu. Doch man kann ja nicht ausweichen: weder einem solchen Schicksal noch der an so vielen Orten gegebenen politischen Realität. Özcan Alper ist hier ein nicht unwichtiger Film gelungen.

Und gespielt wird entsprechend: von Onur Saylak als Yusuf – hervorragend – und in der kleineren Rolle von Megi Kolbaladze als Eka. Preise gab es schon.

Thomas Engel