Herzen

Der neue Film des französischen Regie-Altmeisters Alain Resnais: Im winterlich verschneiten Paris suchen sechs ganz alltägliche Menschen nach Liebe, Wärme und einer neuen Wohnung. Nach einem Theaterstück von Alan Ayckbourn inszenierte Resnais den Reigen um den einsamen Immobilienmakler Thierry, seine Kunden Dan und Nicole, seine strenggläubige Kollegin Charlotte und den Barkeeper Lionel als zärtlich-verspieltes Kammerspiel mit einer Fülle von traurigen und amüsanten Momenten. Der Film wurde auf den Filmfestspielen von Venedig 2006 mit dem „Silbernen Löwen für beste Regie“ ausgezeichnet.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Originaltitel: COEURS
Frankreich/Italien 2006, 120 min
Regie: Alain Resnais
Buch: Jean-Michel Ribes nach einem Stück von Alan Ayckbourn
Darsteller: Sabine Azéma, Isabelle Carré, Laura Morante, Pierre Arditi, André Dussollier
Verleih: Arsenal/Vermietung: Central
Kinostart: 29.3.2007

PRESSESTIMMEN:

 

Ein meisterliches, melancholisches Spiel von Liebe und Zufall, für das Resnais zu Recht auf dem Filmfestival in Venedig voriges Jahr den Preis für die beste Regie bekam.
Süddeutsche Zeitung

Eine subtile Liebeskomödie, in der jedes Detail von den Dekorationen über die Lichtsetzung bis zur Musik den Gemütszustand der Personen spiegelt. Dreh- und Angelpunkt ist ein Immobilienbüro, wobei die Wohnungssuche zur Metapher der Suche nach Liebe und Glück wird. Die abwechslungsreiche Inszenierung und hervorragende Darsteller sorgen dafür, dass trotz persönlicher Tragödien Leichtigkeit und Lebensmut die Oberhand behalten. – Sehenswert.
film-dienst

Ein konsequent unaufgeregtes Ensemblestück von Altmeister Resnais, verschroben, elegant und liebenswert.
KulturSPIEGEL

Alain Resnais schickt in diesem bezaubernden Ensemblefilm ein paar nicht mehr ganz junge Menschen auf den Weg zum späten Glück. Elegant und bewegend, dennoch unsentimental, sogar mit einem belustigten Unterton, hat der 84-jährige Altmeister ein Theaterstück des britischen Dramatikers Alan Ayckbourn verfilmt. Die traumverlorene Atmosphäre dieser multiplen Romanze ist pure Kino-Magie.
Brigitte

Tief empfundene, wunderbar menschliche Episoden über einsame Pariser auf der Suche nach Liebe. …Mit betörender Anmut kommt Resnais der Poesie des Melancholischen auf die Spur – und schmeckt seinen traurigen Liebesreigen mit ironischen Untertönen ab, die alles Freudlose und Triste verbannen. Hoffentlich dreht der alte Herr noch viele Filme.
Cinema

Resnais beherrscht die Kunst der Verdichtung und Andeutung, die Grauzone der Zwischentöne. "Herzen" ist Balsam für geschundene Herzen, tut einfach gut.
Blickpunkt:Film

FILMKRITIK:

Es schneit ständig in HERZEN. Mildtätig rieselt der Kunstschnee auf die verwundeten, einsamen Seelen von Immobilienmakler Thierry, seiner Kollegin Charlotte, ihren Klienten Dan und Nicole und Barkeeper Lionel, die im winterlichen Paris ihre Kreise ziehen. Ebenso wie die Glasperlenvorhänge an Lionels Bar, die Mattglasscheiben in Thierrys Büro und das filigrane Holzgeflecht in Charlottes Maisonette-Wohnung, ist der Schnee Ausdruck der respektvollen und zärtlichen Distanz, die Resnais zu seinen Charakteren hält. Wohltuender Schutz der Privatsphäre vor den neugierigen Augen des Publikums. Schutz des Publikums vor der Wucht der Einsamkeit, um die es eigentlich geht.

 

Zwischen den Personen des Film werden die durchscheinenden Wände nämlich zu unüberwindlichen Mauern. Nicole und Dan etwa haben die Intimität ihrer ursprünglichen Liebe nicht bewahren können und finden auch nicht mehr zurück. Seit seiner Entlassung aus der Armee verbringt Dan seine Tage und Nächte an Lionels Tresen. Nicole ist vor allem genervt von der Art, wie Dan sich hängen lässt. Das bekommt auch Makler Thierry zu spüren, der ihr geduldig eine Wohnung nach der anderen zeigt – solange, bis sich die Suche nach einer gemeinsamen Wohnung ganz erledigt hat. Thierry (André Dussollier) wiederum lebt mit seiner kleinen Schwester zusammen, an seiner kleinen Schwester vorbei. Dass Gaelle sich jeden Abend mit Blind Dates trifft – oder zumindest auf diese wartet – weiß er nicht. Sie dagegen weiß nicht, dass er von seiner tiefreligiösen Kollegin Charlotte (Sabine Azéma) Videokassetten erhält, auf denen nach einem besinnlichen Vorprogramm Stripteaseaufnahmen von Charlotte zu sehen sind!

Nach dem Theaterstück PRIVATE FEARS IN PUBLIC PLACES des englischen Dramatikers Alan Ayckbourn folgt HERZEN den sich kreuzenden Wegen dieser sechs Einsamen. Resnais hält sich eng an die Vorlage und hat ein theaterhaftes Paris der Innenräume inszeniert, in der Bewegung von einem Ort zum anderen immer nur Off-Screen stattfindet. Sanfte, zart verschneite Überblendungen leiten von einem Ort der Handlung zum nächsten und immer wieder bekommen die Räume etwas bühnenhaftes. Etwa, wenn die Wohnungsbesichtigungen aus der Vogelperspektive wie durch eine gläserne Decke gezeigt werden. Dazu hat Resnais verschiedentlich Referenzen an Ayckbourn eingebaut. So zum Beispiel ein Porträt des Dramatikers und oder ein altes Plakat von der Strandpromenade in Scarborough.

Dennoch ist HERZEN ein sehr „französischer“ Film geworden, der bei aller inhaltlichen Ausweglosigkeit ungeheuer leicht und verspielt daher kommt, der die filmischen Mittel souverän und charmant einsetzt, und der seine Figuren liebt, beschützt und gut aussehen lässt. Wie die Vorlage erzählt HERZEN vom Abstand zwischen den Menschen und von ihren vergeblichen Versuchen, diesen Abstand zu überwinden – aber er tut dies mit einer Gelassenheit und Verschmitztheit, die wohltuender ist als manches Happyend.

Hendrike Bake

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Mit einem für seinen Stil typischen Werk ist Alain Resnais wieder vertreten. Es zeigt, auf dem Roman „Private Fears in Public Areas“ (Heimliche Ängste“) basierend, sieben Menschen, die zwar im täglichen Zusammenspiel miteinander zu tun haben, von denen aber doch jeder mehr oder minder allein, auf sich selbst gestellt und verlassen ist.

Da ist zuerst einmal Thierry (André Dussollier), der Immobilienmakler. Glücklich scheint er nicht zu sein, er geht halt seiner Routinearbeit nach. Per Zufall erhält er von seiner Sekretärin Charlotte (Sabine Azéma) eine Videokassette, auf der neben frommen Liedern auch anzügliche Szenen mit ihr enthalten sind. Er entflammt für sie. Vergeblich.

Da ist Charlotte, die ihr früheres, anscheinend ausschweifendes Leben jetzt durch Frömmigkeit wettzumachen sucht. Sie erhört Thierry nicht.

Da ist Gaelle (Isabelle Carré), Thierrys Schwester. Jeden Abend geht sie aus. Sie möchte den Mann ihres Lebens finden. Sie trifft endlich Daniel (Lambert Wilson) der sich gerade von Nicole (Laura Morante) trennt, und verliebt sich auch sofort in ihn. Aber ein peinlicher Zufall verhindert alles.

Da ist Nicole, Sie hat den undankbarsten Part. Lange war sie gegenüber ihrem meist betrunkenen Freund Daniel geduldig. Jetzt kann sie nicht mehr. Sie ist traurig und verzweifelt.

Da ist Daniel. Vor kurzem wurde er aus der Armee entlassen. Nun lungert er nur noch unschlüssig herum, langweilt sich und trinkt. Von Nicole trennt er sich. Ein Zufall verhindert wie gesagt die neue Liebe zu Gaelle.

Da ist Lionel (Pierre Arditi), der Barkeeper des Lokals, in dem sich viele dieser schicksalsträchtigen Begegnungen ereignen. Er steht quasi beobachtend darüber, ist der souveränste von allen.

Und da ist schließlich noch Artur (Claude Rich). Man sieht ihn nicht, aber er ist sehr gegenwärtig. Er ist der kranke Vater von Lionel. Ein Kotzbrocken. Charlotte hütet ihn manchmal. Und bringt ihn, den Lauten und Unverschämten, der nur noch Beleidigungen und Zoten ausstoßen kann, auf überraschende Weise zum Schweigen.

Ein elegantes und reifes Spiel, das Resnais da in einer geschickten Montage zusammengefügt hat. Es ist zwar nicht gerade erheiternd, dafür aber umso wirklichkeitsnäher. Und natürlich kann ein Künstler wie er sich Top-Schauspieler leisten. Das ist denn hier auch so. Es ist ein Genuss, den Akteuren zuzuschauen.

Thomas Engel