Hitlerkantate

Erotik und Nationalsozialismus, weibliches Begehren und männliche Projektions- und Vaterfiguren, ideologische Verblendung und musikalische Erfüllung sind die großen Themen des kleinen Films von Jutta Brückner. „Hitlerkantate“ ist ein lakonischer Film-essay im Stile Fassbinders, dem es durch experimentelle, ironisch gebrochene Bildkom-positionen und überzeugenden Schauspielern über weite Strecken gelingt, einen neuen Zugang zum Thema Nationalsozialismus und einer spezifisch weiblichen Begeisterung dafür zu finden – allerdings mit zahlreichen Wendungen der Handlung und der Psyche der Hauptfigur.

Webseite: www.movienetfilm.de/hitlerkantate

Deutschland 2005, 35 mm, Farbe, 114 Minuten
Autorin/Regisseurin: Jutta Brückner
Kamera: Thomas Mauch
Schnitt: Monika Schindler
Musik: Peter Gotthardt
Darsteller: Lena Lauzemis, Hilmar Thate, Rike Schmid, Arnd Klawitter, Krista Stadler, Dirk Martens, Christine Schorn, Andreas Günther, Christiane Lemm, Armin Dillenberger
Verleih: Movienet
Start: 18. Mai 2006

PRESSESTIMMEN:

Ein spröder intellektueller Film, der sich an Thesen über Hitler als Sexsymbol, der NS-Rassenideologie und den arischen Züchtungsfantasien abarbeitet. Trotz aller Stilisierungen werden dabei spannende Einsichten und originelle filmische Lösungen vermittelt.
film-dienst

FILMKRITIK:

Eine Wagenkolonne schiebt sich durch eine Menschenmasse, auf einem der Autos steht Adolf Hitler, der den Sieg-Heil schreienden Verehrerinnen am Straßenrand zuwinkt – Schwarz-Weiß-Bilder aus der Wochenschau, wie sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Doch dann vermischen sich Dokumentation und Fiktion, als eine junge Frau neben Hitlers Wagen erscheint, die wir später als die Hauptfigur in Jutta Brückners Film „Hitlerkantate“ kennen lernen werden: Die 22-jährige Ursula hat dem abgöttisch verehrten Führer ein Musik-stück geschrieben, das sie ihm überreichen will. Nachdem ihre Bewerbung an einer Kompo-nistenklasse abgelehnt wird, führt ihr Weg in die sommerliche Einsamkeit eines finnischen Ferienhauses, wo der bekannte Komponist und Ex-Kommunist Hanns Broch an einer Kantate zu Hitlers 50. Geburtstag arbeitet. Bootfahren, Klavier spielen und Frühstück im Garten geben die Bilder eines Idylls ab, in dem über Nazi-Ideologie, Judentum und Musik gestritten wird, bevor sich die Handlung in einer Vielzahl an Parallelsträngen verliert. 

Jutta Brückners „Hitlerkantate“ kämpft in jeder Szene gegen die abgestandenen Bilder vom Nationalsozialismus an, die jüngst in einer Welle von Dritte-Reich-Filmen über das Kinopub-likum hereingebrochen sind. Um solche Stereotype zu bekämpfen überzeichnet Jutta Brück-ner dieselben mit grellen, mal aggressiven, mal ironischen Tönen: Ursula ist so blond und blauäugig, wie man sich nun mal ein BdM-Mädchen vorstellt, und auch die Farbgebung lässt kaum Spielräume für Interpretationen zu: Die weißen Kleider, die Ursula trägt, stehen für jene mädchenhafte Unschuld, die zur Reinheitsideologie der Nationalsozialisten gehört hatte, doch wenn sie dann die blutrote Strickjacke überzieht oder in eine samtrote Abendgarderobe schlüpft, wird klar, dass hier Leidenschaft und Verführung die Oberhand gewinnen und sich Ursula in Gegensätze verstrickt, die eben das Irrationale ausmachen, das den Nationalsozia-lismus mit Erotik und Sexualität verbindet. Diese Gegensätze werden immer wieder aufge-griffen und in verschiedenen Themen variiert, etwa wenn E- mit U-Musik, das sakrale Ele-ment eben jener Kantate, die Ursula und Broch zu Hitlers 50. Geburtstag komponieren, mit dem jüdischen Schlager „Bei mir bist Du scheen“ kontrastiert wird oder sich die Hitlervereh-rerin Ursula mit dem Antifaschisten Broch in einer Liebesaffäre vereint.

Die Kontrastierung und Auflösung von Gegensätzen bestimmen nicht nur die Handlung, son-dern auch die stilistische Komposition des Films: Auch wenn das Thema der Sexualität in suggestiven Bildern abgehandelt wird, die Kamera bleibt immer in kühler Distanz zu den Fi-guren, die oftmals wie auf dem Theater agieren: Szenen, in denen sich eine Jüdin für erotische Fotos zur Verfügung stellt und ein SS-Mann sich an der vermeintlichen Laszivität der ver-hassten „Untermenschen“ aufgeilt, hält Kameramann Thomas Mauch meistens in starren Plansequenzen fest. Mal wirken diese so kitschig wie in einer Soap Opera, mal werden auf diese Weise die Filme Fassbinders zitiert, zu denen nicht nur eine ähnliche Ästhetik, sondern auch der Schauspieler Hilmar Thate führt, der in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ mitge-spielt hat und in „Hitlerkantate“ den Komponisten Broch mimt. An seiner Seite agiert die jun-ge Schauspielerin Lena Lauzemis, die die von Widersprüchen überbordende Figur der Ursula mit Leben zu füllen vermag.

Leider findet Jutta Brückner keinen überzeugenden Schluss für ihren filmischen Essay über die weibliche Faszination für die nationalsozialistische Ideologie und deren faschistische Äs-thetik. Um ihrem Sog zu entkommen, muss am Ende eine Traumsequenz herhalten, in der sich die Anfangsszene des Films wiederholt, nur dass Ursula statt ihrer Komposition eine Pis-tole in den Händen hält. Doch das Attentat auf den Führer misslingt, Ursula und die jüdische Aktdarstellerin werden sich immer ähnlicher.

Ralph Winkle